Ohne Filter – Folge 12

Wie verteidigt man Messi? Christopher Trimmel über das WM-Duell Österreich gegen Argentinien

Episodenbeschreibung

Vor dem Kracher gegen Argentinien holen sich Johnny und Harri Verstärkung dazu: Union-Berlin-Kapitän Christopher Trimmel schaltet sich aus dem Urlaub in Sizilien zu – und liefert eine Innensicht, die nur ein Profi geben kann. Wie verteidigt man eigentlich Lionel Messi, ohne den Rest der Mannschaft zu vergessen? Warum Argentiniens „Restangriff“ so schwer zu bespielen ist, was Erfahrung in der Kabine wirklich wert ist und wieso Trimmel trotz Favoritenrolle der Argentinier an die österreichische Chance glaubt. Dazu meldet sich Harri von seinem Roadtrip durch die Wüste – von Breaking-Bad-Drehorten in Albuquerque bis zu den XXL-Dimensionen von Dallas. Abonniere Ohne Filter und lass eine Bewertung da.

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#12 Christopher Trimmel über Messi, Mut und das Argentinien-Spiel

Das erwartet dich in der Folge

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    Argentinien als erster großer Test Österreichs in der WM

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    Taktisches Konzept Messi. Wie tickt das Agrentische Nationalteam

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    Unterschiede zwischen Erfahrenen und jungen Spielern in ausnahme Spielen

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    Die Polemik rund um Hydration breaks

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    Erste Analyse Österreich vs Argentinien

Transkript der Folge

Begrüßung aus Texas und Sizilien

Johnny Hofer: Willkommen zurück bei Ohne Filter, unserer WM-Edition. Wir haben Kalifornien hinter uns gelassen, jetzt geht's nach Texas, das heißt nach Dallas. Es geht dorthin, wo es Barbecue gibt, dorthin, wo Amerika wohl am amerikanischsten ist. Und um das alles zu besprechen, ist natürlich wieder Harri Hofstetter dabei, der mit dem Auto in Richtung Dallas unterwegs ist. Servus, Harri!

Harri Hofstätter: Servus, freut mich sehr.

Johnny Hofer: Und wir haben uns einen Special Guest dazugeholt, niemand Geringeren als den Trimbo. Servus Christopher, vielen Dank, dass du dich heute dazuschaltest.

Christopher Trimmel: Hallo, grüße euch, freut mich sehr.

Johnny Hofer: Wo erreichen wir dich gerade? Das interessiert mich jetzt am brennendsten. Du hast ja gerade Pause.
Christopher Trimmel: Weil ich wahrscheinlich so braun gebrannt bin. Ich bin tatsächlich gerade in Sizilien und verbringe meinen wohlverdienten Urlaub.

Johnny Hofer: Alla, Team Dolce Vita! Recht hast du, sehr schön. Und du verfolgst natürlich auch die WM, Trimbo. Dieses Auftaktspiel – wie hast du das miterlebt? Du hast dir da bestimmt einen Wecker gestellt.

Christopher Trimmel: Natürlich. Zu dem Zeitpunkt war ich tatsächlich gerade in Palermo, und wir haben uns natürlich den Wecker gestellt. Ich war den Abend davor ehrlich gesagt recht nervös. Aber es war ein schönes Frühstück mit einem super Sieg von unserer Seite, und wir waren sehr, sehr positiv gestimmt.

Johnny Hofer: Aber wie absurd ist es eigentlich, eine Weltmeisterschaft in Italien anzuschauen? Wie gehen die Italiener damit um – ignoriert ihr das völlig weg, oder wird da schon ein bisschen geschaut?

Christopher Trimmel: Es wird tatsächlich schon ein bisschen geschaut. Ich bin ehrlich: Die meisten, mit denen ich in Kontakt getreten bin, drücken uns Österreichern die Daumen. Das macht es ein bisschen entspannter in Italien gerade. Aber sie leiden schon sehr, das spürt man. Man sieht jetzt nicht so viel Fußball auf den Straßen, es ist natürlich sehr viel Tourismus, aber dieses WM-Fieber spürt man da nicht so stark.

Johnny Hofer: Du hast wahrscheinlich, als du den Urlaub gebucht hast, auch noch nicht damit gerechnet. Da hat man ja die Vorstellung: Wow, cool, ein bisschen Palermo, da geht's voll zu, da sind die Leute auf der Straße.

Christopher Trimmel: Ja, das hätte man sich natürlich gewünscht, weil ich auch Fan der italienischen Nationalmannschaft bin. Ich habe ein bisschen einen Bezug dazu, mit Leonardo Bonucci, mit dem ich bei Union Berlin zusammengespielt habe. Da hätte man sich schon gewünscht, im Urlaub ein bisschen WM-Flair mitzubekommen, vielleicht die eine oder andere Party. Aber es ist leider nicht so gekommen. Das Wichtigste ist: Österreich ist dabei.

Roadtrip durch Albuquerque und das WM-Flair

Johnny Hofer: Ja, aber das vereint euch zwei vielleicht gerade ein bisschen, weil – Harri, du bist gerade in Albuquerque, in New Mexico, da ist ja mehr Breaking Bad angesagt als Fußball.

Harri Hofstätter: Die Stadt liegt mitten in der Wüste, das kommt einem vor wie eine riesige Oase. Tausende Meilen durch die Wüste, nur ein Highway, und auf einmal tut sich diese Stadt auf. Ich war gestern bei den Drehorten von Breaking Bad, also beim Fast-Food-Lokal und beim Haus von Walter White. Das ist eigentlich kein so großes Thema mehr, weil die Serie schon vorbei ist, aber die Menschen hier sind große Football-Fans. Gestern in der Bar habe ich mit einigen geredet, die sind alle riesige NFL-Fans, mit total verstreuten Teams, aber Fußball verfolgen sie auch. Die WM ist in den TV-Geräten durchaus präsent, sie haben ein Public Viewing im Hof bei der Bar gehabt. In der Old Town von Albuquerque hängen die Wimpel von der WM. Es ist schon ein bisschen WM-Flair.

Johnny Hofer: WM-Flair wird es definitiv geben. Österreich gegen Argentinien, das klingt dann so richtig nach WM. Bei Jordanien gegen Österreich war es eher: super, es geht los – auch vom Namen her, weil es kein Gegner ist, auf den du in Europa triffst. Aber Argentinien gegen Österreich, da bekommst du die Gänsehaut, auch wenn du nicht vor Ort dabei bist. Als Fußballromantiker oder Fußballfan kocht da das Blut fast.

Christopher Trimmel: Ja, natürlich extrem. Ich habe es letztens schon in einem Interview erwähnt: Man hat ja doch eher Testspiele gegen asiatische oder afrikanische Nationen, aber diese Südamerikaner sind ein bisschen zu weit weg, und man hat wirklich sehr selten Testspiele gegen diese Nationen, speziell gegen Argentinien. Und der große Messi, jetzt mit der Vorgeschichte, dass er gleich im ersten Spiel geliefert hat – das ist schon ein Gradmesser. Ich klammere das Resultat jetzt mal aus, aber wenn wir uns wirklich gut präsentieren, kann man daran ablesen, wie weit die Mannschaft ist und ob die Chance besteht, weit zu kommen in diesem Turnier. Denn Argentinien ist definitiv die Top-Mannschaft und sicher einer der Favoriten auf den Titel.

Die Rote Karte, die keine war

Johnny Hofer: Was ich mich im Vorfeld dieser Partie schon ein bisschen gefragt habe: Da gab es diese eine Szene, in der Messi wohl Rot hätte sehen müssen – dann hätte er gegen Österreich nicht gespielt. Das wäre sportlich vielleicht gar nicht so schlecht gewesen. Aber andererseits, wenn es schon mal zu so einer Partie kommt, wäre es auch wieder schade gewesen. Wie steht ihr dazu?

Christopher Trimmel: Also, ich habe die Szene auch nur in der Zeitlupe öfter gesehen, und ich glaube wirklich, dass sehr, sehr viele Schiedsrichter da Rot zeigen. So ehrlich muss man sein. Trotzdem bin ich entspannter, weil mittlerweile so viele Schiedsrichterentscheidungen diskutiert werden – für meinen Geschmack zu viel. Mir ist eher wichtig, dass ein guter Spielfluss drin ist und wir uns wieder mehr auf das Fußballspiel konzentrieren. Aber ich bin froh, dass er dabei ist, weil allein gegen Messi bei so einem wichtigen Turnier zu spielen das Größte für jeden Fußballer ist. Es ist eine große Herausforderung, die man auch haben möchte. Und ich glaube schon, dass die Spieler froh sind, dass er dabei ist.

Harri Hofstätter: Auch für die Fans. Mein erster Gedanke war: Um Gottes willen, die fliegen von Wien nach Dallas für eine Partie, zahlen Tausende Euro – und dann kriegt Messi in der ersten Partie Rot. Ich glaube, gerade für die vielen österreichischen Fans, die kommen, ist es sehr schön, dass er dabei ist.

Schiedsrichter und Spielfluss

Johnny Hofer: Du hast über den Schiedsrichter gesprochen, da können wir kurz draufgehen. Es war ja auch gegen Jordanien interessant, einfach mal Schiedsrichter auf dieser Bühne zu sehen, mit denen die österreichische Nationalmannschaft sonst überhaupt nichts zu tun hat. Gegen Argentinien kommt er aus Ägypten, 40 Jahre alt, Amin Omar, es ist schon sein zweites WM-Spiel. Er hat auch den südkoreanischen 2:1-Sieg gegen Tschechien gepfiffen, das sehr ruhig und abgeklärt gemacht. Ich finde sowieso, die Schiedsrichter-Performances sind bei dieser WM durch die Bank gut, zumindest bei dem, was ich gesehen habe. Ich finde es cool, dass viele Spiele nicht zerpfiffen, sondern laufen gelassen werden.

Christopher Trimmel: Ja, ich sehe das genauso. Ich kann mich erinnern – Toni Polster ist ja auch als Experte unterwegs – da gab es das Eröffnungsspiel, das doch ein bisschen wilder verlief. Natürlich kann man diskutieren, ob ein Schiedsrichter von Beginn weg die Linie durchzieht und bei der einen oder anderen Situation sofort Gelb zeigt, um es zu beruhigen. Aber auch das ist im Nachhinein immer nur Spekulation. Ich bin auch der Meinung, dass es bis jetzt wirklich ordentliche Leistungen waren. Man merkt schon einen Unterschied zwischen den Schiedsrichtern, ob sie aus Südamerika kommen und die Pfeife vielleicht ein bisschen öfter im Mund haben, aber das gehört dazu, das muss man akzeptieren. Mittlerweile zerbricht man sich auch über den Schiedsrichter den Kopf: Wie ist er, kann man mit ihm reden, oder sollte man Abstand halten, weil er zu schnell die Karten zieht? Das gehört mittlerweile zum Fußball dazu. Aber ich beschwere mich nicht, ich bin bis jetzt happy.

Harri Hofstätter: Und auch der Spielfluss, den du vorher angesprochen hast – ich finde es immer gut, wenn ein Spiel einfach dahinläuft, ohne dass die ganze Zeit diskutiert wird, ohne pausenlose Unterbrechungen, Freistoß da, Freistoß dort. Alle Spiele, die ich gesehen habe, waren vom Verlauf her sehr attraktiv und kurzweilig, und die Schiedsrichter haben ihren Teil dazu beigetragen.

Cooling Breaks und der Rhythmus

Johnny Hofer: Stichwort Unterbrechungen, Trimbo: Ich stelle mir vor, ihr habt in Zukunft auch immer diese Hydration Breaks, Cooling Breaks. Es ist ja kein Szenario, das unmittelbar passieren sollte, zum Glück. Aber du merkst immer wieder, dass es nicht nur fürchterlich nervig ist, wenn man es im Fernsehen anschaut, sondern dass es den Rhythmus komplett bricht. Wie war dein Eindruck bislang?

Christopher Trimmel: Definitiv. Ich vergleiche es trotzdem mit einer Halbzeit. Aus taktischer Sicht hast du als Trainer natürlich die Möglichkeit, ins Spiel einzugreifen. Man hat schon von Trainern gehört, dass die Stadien weitläufiger und auch laut sind, dass man während des Spiels wenig Möglichkeiten hat einzugreifen – also nutzt man diese Unterbrechung. Andererseits wird es wahrscheinlich gut für Werbung genutzt, das ist vermutlich der Hauptgrund. Ich glaube trotzdem, dass es Spiele geben wird – Österreich ist jetzt in einem klimatisierten Stadion, aber es gibt Stadien, wo es irrsinnig heiß ist und die Spieler die Pause wirklich brauchen. Mich persönlich nervt es trotzdem. Ich bin es gewohnt, dass man die Halbzeit runterspielt und auch die Phasen akzeptiert, in denen der Gegner besser ist. Mal bist du mehr am Drücker – das gehört zum Fußball dazu. Und jetzt hat man immer diese Viertel, die man neu formen kann, und danach kann es definitiv ein anderes Spiel sein.

Johnny Hofer: Das kennt man schon vom Basketball.

Christopher Trimmel: Ja, ist so. Es wird wahrscheinlich auch immer mehr in diese Richtung gehen. Aber wie gesagt, ich bin nicht der größte Fan davon.

Das Phänomen Argentinien

Johnny Hofer: Dann lass uns ein bisschen über Argentinien sprechen. Über Messi haben wir schon eingangs geredet. Das ganze Team ist ja bekannt, da muss man nicht wahnsinnig ins Detail gehen, weil die Mannschaft noch zu einem großen Teil mit der von 2022 übereinstimmt. Aber was macht für dich das argentinische Nationalteam insgesamt aus?

Christopher Trimmel: Also ich finde den Zusammenhalt in der Mannschaft unglaublich. Wenn man so einen Star wie Messi hat – man sieht es ja immer wieder bei anderen Nationen, ich nehme jetzt Ronaldo bei Portugal her – da habe ich nicht das Gefühl, dass es so ein Mannschaftsgefüge ist wie bei Argentinien. Bei Argentinien hat man das Gefühl: Ja, alle machen alles für Messi, klar, aber sie schätzen das, sie wissen, er entscheidet die Spiele, wir geben ihm diese Freiheit und stehen zu 100 Prozent hinter ihm. Es gibt immer wieder Videos, auch jetzt bei seiner Auswechslung, vielleicht hatte das die Geschichte, dass sein Vater krank war, wie auch immer – aber er klatscht mit jedem ab, wird umarmt. Man hat wirklich das Gefühl, das ist eine Familie. Trotzdem ist es gefährlich, sich nur auf Messi zu stürzen, denn wenn ich mir das Mittelfeld anschaue und auch den Sturmpartner, wenn jetzt vielleicht Álvarez fit wird, der noch ordentliche Qualität drauflegen kann, ist das eine sehr starke Mannschaft. Aus meiner persönlichen Sicht sehe ich den Schwachpunkt eher hinten außen. Der Linksverteidiger, ich glaube Medina, ist eigentlich ein Innenverteidiger, der dort eher aushilft. Da sehe ich noch einen Schwachpunkt, aber ansonsten ist das eine Top-Mannschaft. Und das hat auch Stefan Oehrn schon im Interview gesagt: Man macht einen großen Fehler, wenn man sich nur auf Messi stürzt. Man kann ihn nicht manndecken, es muss williges, kollektives Verteidigen sein. Die Mannschaft ist unglaublich gut, und es geht nur im Miteinander. Das wird die Herausforderung.

Restangriff: das taktische Konzept Messi

Johnny Hofer: Da möchte ich einhaken, weil Oehrn etwas ganz Interessantes gesagt hat. Es wird immer so viel über Restverteidigung gesprochen. Aber weil sich Lionel Messi nicht wahnsinnig viel ins Defensivverhalten eingliedert, gibt es bei Argentinien daraus eigentlich einen Restangriff – was verrückt ist, weil er dann immer in so einer Position ist, dass er den Angriff einleiten oder dirigieren kann. Bei anderen modernen Mannschaften arbeiten alle mit nach hinten und kommen dann erst über einen Sprint in diese Position, und er ist schon dort. Das ist, glaube ich, sehr mühsam zu bespielen. Wie gehst du als Gegner an so einen Freigeist heran, der sich nicht wahnsinnig viel einordnet? Du hast ja sicher schon gegen Mannschaften mit solchen Freigeistern gespielt.

Christopher Trimmel: Also für mich ist das gar kein Freigeist. Für mich ist das mittlerweile ein taktisches Konzept. In so einer krassen Form habe ich das einmal persönlich miterlebt, ich glaube, das war in der Conference League gegen Feyenoord Rotterdam, als Arne Slot noch Trainer war. Die haben permanent offensiv in der Breite – egal ob wir angegriffen haben oder eine Ecke hatten – immer zwei Spieler hoch geparkt. Die sind defensiv immer dieses Risiko eingegangen, in der Hoffnung: Wenn wir den Ball erkämpfen, haben wir zwei sauschnelle Top-Flügelspieler als Anspieler. Das war irrsinnig schwierig für uns. Am Ende war unsere Restverteidigung zwei Verteidiger ganz breit auf den Spielern und ein Innenverteidiger in der Mitte. Du konntest gar nicht mehr doppeln, wir waren so auseinandergezogen – und Messi mit seiner Spielintelligenz steht schon immer genau da, wo der Ball runterfällt oder wo er am besten anspielbar ist. Das ist für mich kein Risiko, das ist ein perfektioniertes taktisches Konzept, und die Mannschaft akzeptiert das. In der Defensive verteidigen wir vielleicht mit einem weniger, aber wenn wir den Ball gewinnen, suchen wir Messi, der hält den Ball und hat seine magischen Momente. Das ist irrsinnig schwierig, weil du trotzdem schauen musst, dass du mindestens zwei Spieler bei ihm hast – einen vielleicht auf Mann, der zweite muss irgendwo dahinter lauern –, aber immer mit der Vorgabe, die anderen Spieler nicht zu ignorieren. Diese Mischung zwischen Mann- und Raumdeckung wird die Herausforderung. Aber ich bin guter Dinge, dass Ralf Rangnick da einen sehr guten Plan parat hat. Für die Spieler ist es das Schönste, das es gibt – gegen den Besten der Welt zu verteidigen. Ich bin Verteidiger, das macht in irgendeiner Art und Weise trotzdem Spaß.

Erfahrung und Ruhe auf der großen Bühne

Johnny Hofer: Du kennst die Situation, mit einem Verein auf einer Bühne zu spielen, die man nicht alltäglich gewohnt ist, und dann entsteht der Hype. Du warst damals Kapitän von Union, als ihr in der Champions League aufgelaufen seid – plötzlich Gegner, die du aus dem Alltag nicht hast. Ich will nicht implizieren, dass ich Angst hätte, dass eine Mannschaft overhyped wird oder sich anstecken lässt. Aber bist du als Mannschaft in so einer Situation komplett im Fokus? Wie hast du das gemacht?

Christopher Trimmel: Also bei uns war es tatsächlich die Erfahrung – nicht meine persönliche, sondern die der Spieler, die wir dazugeholt haben, und das finde ich heute noch gut vom Klub. Wir haben damals Kevin Volland, Leonardo Bonucci und Robin Gosens geholt, Spieler mit echter Champions-League-Erfahrung. Bonucci natürlich mit unglaublich viel Erfahrung. Diese Spieler waren für die Champions League auf dem Niveau fast die wichtigsten – in der Kabine und auch während des Spiels, weil sie mit ihrer Erfahrung so viel Ruhe reingebracht haben. Diese Erfahrung haben wir jetzt mit David, mittlerweile auch mit Konny. Bei uns sind Spieler dabei, die diese Erfahrung auf höchstem Niveau haben, die Konzentration zu halten, die Ruhe zu bewahren. David, Konny, auch Marko sind ganz wichtig für dieses Spiel, um zu sagen: Hey Jungs, das ist ein Fußballspiel wie jedes andere. Wir bleiben ruhig, konzentriert, wir übereilen auf gar keinen Fall etwas, gehen kein Risiko ein, auch nicht bei Messi in den Zweikämpfen, weil er intelligent genug ist, da mal eine gelbe oder vielleicht eine rote Karte rauszuholen. Da muss man ruhig bleiben. Und ich bin überzeugt, dass wir diese Ruhe und Reife in der Mannschaft haben.

Lehren aus dem Jordanien-Spiel

Johnny Hofer: Wenn man die Lehren aus dem Jordanien-Spiel zieht, was siehst du dann noch als Baustellen? Es ist während der Partie ja schon einiges adaptiert worden, vor allem zum Besseren, vor allem in der zweiten Hälfte.
Harri Hofstätter: Also ich glaube, dass die Fehler wesentlich schneller und härter bestraft werden. Wir haben ein Gegentor durch einen relativ unnötigen Ballverlust bekommen, und das müssen wir unter allen Umständen gegen Argentinien vermeiden. Da wird eigentlich jeder Fehler bestraft – vielleicht nicht gleich mit einem Tor, aber der Druck wird dann immer größer. Im Vergleich zum Jordanien-Spiel müssen wir noch konzentrierter und disziplinierter sein. Der Stress für die Defensivabteilung und für die Mannschaft in der Rückwärtsbewegung wird sicher enorm. Aber ich bin zuversichtlich: Wir haben die Klasse, die Qualität, die Kompaktheit und mittlerweile auch die Erfahrung. Deswegen teile ich die Zuversicht, dass wir gegen Argentinien auf jeden Fall bestehen können.

Johnny Hofer: Du hast den Gegentreffer gegen Jordanien angesprochen. Man muss dazusagen, das war ein Ballverlust von Xaver Schlager, und das ist auch nichts Alltägliches. Ich hoffe ein bisschen darauf, dass dieses Ankommen, dieses In-Glück-Sein, noch einen Boost und ein gewisses Selbstverständnis reingibt, weil diese Mannschaft gegen alle bestehen kann. Darüber müssen wir nicht diskutieren. Wie siehst du das Kräfteverhältnis mittlerweile?

Christopher Trimmel: Also grundsätzlich glaube ich, dass es ein ganz anderes Spiel wird, weil sich Argentinien über Ballbesitz definiert. Die wollen die Kugel am Fuß haben. Das liegt uns vielleicht ein bisschen mehr, weil wir Räume für unsere Spielweise brauchen. Ich glaube trotzdem, dass es Veränderungen geben wird. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Marko mit seiner Erfahrung und Präsenz in die Mannschaft muss. Man muss schauen, wie es Posch mit seiner Schiene geht – das kann beeinträchtigen, auch wenn es als Schutz dient. Ich kenne das, ich habe schon ein paar Mal mit einer Maske gespielt. Da muss man schauen, wie sicher er sich fühlt, ob er bereit ist. Bei Konny kann ich mir vorstellen, dass er wieder nach hinten rückt. Vielleicht kommt Wimmer rein, weil er viel Speed und Dynamik reinbringt, denn ich bin der Meinung, dass wir die eine oder andere Umschaltsituation bekommen werden. Ich sehe die Schwäche eher hinten außen bei Argentinien. Ich glaube, wir sind mittlerweile so weit, dass wir mit solchen Mannschaften mithalten können. Wir haben in den letzten Jahren viel Erfahrung gesammelt und eine ordentliche Entwicklung gemacht. In der Nationalmannschaft ist alles so gefestigt – es waren Rückschläge da. Wenn ich mir die Geschichte mit Baumgartner anschaue, wie schön das ist, dass er nachgereist und zur Mannschaft gekommen ist – wenn man die Bilder und Videos vom ÖFB sieht, das ist schon eine Familie. Ich habe auch noch Kontakt mit ein paar Jungs, das geht in die richtige Richtung. Wir müssen uns auf gar keinen Fall verstecken. Klar, Argentinien ist meiner Meinung nach der Favorit, aber wir haben echt Chancen, uns gut zu präsentieren und auch das Spiel zu gewinnen. Die meisten gehen davon aus, dass Argentinien locker gewinnt – man hört schon Aussagen vom Torwart Martínez, der sagt, Österreich verliert gegen Algerien und gegen uns. Ich glaube, da ist einiges möglich, aber dazu gehört ein guter Tag und der Fokus. Es werden sehr viele Argentinier im Stadion sein, es wird hitzig, aber ich bleibe positiv.

Ausblick und Verabschiedung von Trimmel

Johnny Hofer: Ja, Harri, was erwartest du für eine Partie? Es wurde schon gesagt, wir können sie ja durchaus schlagen.

Harri Hofstätter: Ich glaube auch, dass wir zu guten Chancen kommen werden. Und irgendwie tief in mir drinnen bin ich überzeugt, dass sie uns zwar nicht auf die leichte Schulter nehmen, aber doch eine Spur überheblich sind und sich auf einem anderen Level sehen als Österreich. Auch das bietet eine Chance – die Umschaltmöglichkeiten, die schnellen Gegenangriffe. Wir müssen einfach unsere Chancen nutzen. Wenn wir die Gelegenheiten nutzen, ist alles drin. Ich sehe auch die Chance auf einen überraschenden Sieg.

Johnny Hofer: Das wäre natürlich wunderschön. Trimbo, ich wünsche dir jetzt noch ein bisschen Dolce Vita, du musst ja wieder los.

Christopher Trimmel: Ja, ich muss wieder an den Strand.

Johnny Hofer: Herzlichen Dank, dass du dir in deinem Urlaub Zeit genommen hast. Sehr cool, dass wir dich dabeihatten, und genieße noch die schöne Zeit in Italien. Möge deine Ankündigung dann auch tatsächlich so funktionieren. Primo, bis bald, danke!

Christopher Trimmel: Danke schön, ciao!

Allein durch die Weite: Harris Reise nach Dallas

Johnny Hofer: Unser Canal+-Kapitano, der Trimbo, ist jetzt wahrscheinlich schon wieder im Wasser. Wir müssen noch ein bisschen über deine Reise sprechen, Harri – das ist schon eine wahnsinnige Distanz, die du da zurücklegst. Man muss sich das vorstellen, allein nach Texas auf der Autobahn.

Harri Hofstätter: Ich komme mit Musik über die Runden, ich habe gute Spotify-Playlists. Ich höre auch gerne die lokalen Radios, das ist immer witzig, wenn man so von Gegend zu Gegend ein bisschen in die Area eintaucht, in der man gerade ist. Die Sender verabschieden sich auch immer gleich wieder, weil man weiterfährt – ich fahre praktisch durch mehrere Zeitzonen. Der Zeitunterschied von San Francisco zu Österreich war neun Stunden, in Texas sind es dann nur mehr sieben, aktuell in Albuquerque bin ich bei acht. Kalifornien, Arizona, New Mexico, dann Texas – vier Bundesstaaten. Es ist unglaublich beeindruckend: die Wüste, die Täler, die Canyons, die Schluchten und diese 30, 40, 50 Meilen langen Geraden. Dann gibt es einen kleinen Schwenker, eine Kurve, und dann geht es wieder 50 Kilometer geradeaus. Für uns Österreicher oder Mitteleuropäer ist es – obwohl ich schon drei Wochen unterwegs bin – immer noch schwer greifbar, was das für Distanzen, Weiten, Höhen und Größen sind, die dieses Land hat. Und das geht ja in Teilen weiter: Die Stadt ist riesig, das Stadion, das AT&T Stadium, ist riesig. Diese XXL-Dimensionen setzen sich in jedem Bereich fort.

Johnny Hofer: Ja, die Dallas Cowboys da drinnen, die als wertvollste NFL-Franchise titulierte Mannschaft – diese Hütte gibt schon ordentlich was her. Da beneide ich dich tatsächlich ein bisschen um dieses Spiel, nicht nur wegen der sportlichen Geschichte, sondern allein, um so einen verrückten Sporttempel zu sehen, der mit einem Fußballstadion, wie wir es kennen, überhaupt nichts mehr zu tun hat. Ich bin schon sehr gespannt, was du uns erzählen kannst. Was auch interessant ist: Viele österreichische Fans haben genau diese Route gewählt, beziehungsweise waren vorher in San Francisco und machen jetzt die Argentinien-Partie mit. Ist dir da zufällig jemand mit der gleichen Route untergekommen, oder hattest du nur mit Amerikanern zu tun?

Harri Hofstätter: Ja, gleich nachdem ich durch den Yosemite-Nationalpark gefahren bin, der auch wahnsinnig beeindruckend war, war ich in einer richtig kleinen Stadt am Ende des Parks und habe eine Partie Tiroler getroffen. Die waren allerdings auf dem Weg nach Las Vegas und fliegen von dort wieder in die Heimat, die haben nur die eine Partie gemacht. Ich kenne aber auch einige, die jetzt nach Dallas kommen und dann die Kansas-Partie gegen Algerien mitmachen, oder welche, die vorher in San Francisco waren, nach Dallas geflogen sind und nach der Argentinien-Partie heimfliegen. Es ist faszinierend, wie viele österreichische Fans da erhebliche Mühen auf sich nehmen, zeitlich wie finanziell. Das beeindruckt auch die Amerikaner: Wenn ich ihnen erzähle, dass beim Argentinien-Spiel vielleicht 7.000, 8.000 Österreicher im Stadion sein werden und dass mindestens 4.000, 5.000 extra rüberfliegen, sind sie schwer beeindruckt. Da sind wir wieder bei den Unterschieden in der Sportkultur: Die meisten US-Sportfans würden diese Tortur für ein Spiel auf keinen Fall auf sich nehmen, die schauen es sich gemütlich im Fernsehen an.

Argentiniens Fans und der Ergebnis-Tipp

Johnny Hofer: Ich bin auch sehr gespannt, was du über die argentinischen Fans berichten kannst, weil das bei jeder WM aufs Neue beeindruckend ist – wie viele Argentinier kommen, gerade aus einem Land, das volkswirtschaftlich nicht in rosigen Zeiten ist. Es ist schwer beeindruckend, dass es da im Vergleich zu Österreich noch einmal viel größere Begeisterung und ein viel stärkeres Commitment dem Nationalteam gegenüber gibt. Die sind es auch gewohnt, alle vier Jahre dabei zu sein. Da bin ich gespannt, welche Eindrücke du von den Fans der Albiceleste bekommst.

Harri Hofstätter: Ich glaube, da wird im wahrsten Sinne das Dach wegfliegen in Dallas – wobei sie mit geschlossenem Dach spielen werden, weil es wahnsinnig heiß ist und die Anstoßzeit zu Mittag liegt. Die Atmosphäre wird unglaublich sein. Ich habe die Argentinier 2014 in Brasilien einmal gesehen, das war eine Völkerwanderung, Hunderttausende Argentinier in den Städten, in denen sie gespielt haben. Auch in Dallas habe ich gehört – mein Bruder ist für die Kronen-Zeitung dort unterwegs und hat mir gestern erzählt –, dass in der Stadt bis jetzt Blau-Weiß klar dominiert. Die österreichischen Fans kommen meist erst am Tag vor dem Spiel, einige sind aber schon unterwegs. Aber es sind Zehntausende Argentinier in der Stadt und werden noch Zehntausende im Stadion sein. Ich freue mich wirklich darauf, weil die einen Lärm machen, der auf einem ganz anderen Level steht als in Europa.

Johnny Hofer: Es ist auch eine richtige Party, weil die Gesänge im Vergleich zu den meisten europäischen Ländern – auch beim Nationalteam – in Südamerika einfach super sind. Da geht es ordentlich zu. Ich bin voll auf deine Eindrücke gespannt, und hoffentlich werden sie aus österreichischer Perspektive auch sportlich gut. Was glaubst du letztlich, wie es ausgeht?

Harri Hofstätter: Ich glaube, wir werden ein X holen, ein Unentschieden. Das würde uns für den letzten Spieltag alle Möglichkeiten offenhalten.

Johnny Hofer: Was natürlich sehr angenehm wäre, wenn man unbeschwert in die Algerien-Partie reingehen kann. Bei aller Euphorie – ich will nicht der Miesepeter sein, aber ich glaube, es geht sich nicht aus, ich glaube, es wird eine ganz knappe Niederlage. Und dann ist es trotzdem fix, dass sich Österreich für das Sechzehntelfinale qualifiziert. Da schaut es sogar sehr gut aus nach diesen ersten drei Punkten gegen Jordanien. Wir sind alle gespannt: Österreich trifft auf Argentinien in Texas, du wirst dabei sein und uns im Nachgang berichten. Harri, vielen Dank, noch eine gute Reise, komm gut in Texas an, iss ein Steak für uns mit und genieße das texanische Barbecue. Das war's von uns, Harri, vielen Dank!

Harri Hofstätter: Schmeckt's!

Johnny Hofer: Und wenn dir diese Folge gefallen hat, abonniere uns gerne und verpasse keine weiteren Episoden von Ohne Filter. Wenn du außerdem die Video-Episoden sehen möchtest, findest du unseren gesamten Katalog auf dem Canal+ YouTube-Kanal. Ohne Filter ist ein Canal+ Podcast, produziert von Pestbüro Digital.