Ohne Filter – Folge 17

Endstation Achtelfinale: Österreichs WM-Aus gegen Spanien und der Abschied von Marko Arnautović

Episodenbeschreibung

Endstation Sechzehntelfinale: Österreich verliert 0:3 gegen Spanien, und Johnny und Harri ziehen aus dem Sofi Stadium in L.A. ein ehrliches Fazit. Warum die Furia Roja nicht einmal den vierten oder fünften Gang brauchte, wieso Alexander Schlager Schlimmeres verhinderte und weshalb der zündende Funke über das ganze Turnier gefehlt hat. Dann der emotionale Teil: das letzte Länderspiel von Marko Arnautović – vom rotzfrechen Twente-Youngster zum geliebten Rekordtorschützen, der sich am Ende in Tränen verabschiedet. Dazu Harris nächstes Kapitel: mit dem Amtrak-Ticket quer an die Ostküste. Ein wehmütiger, aber warmer Abschied von einem tollen WM-Sommer. Abonniere Ohne Filter und lass eine Bewertung da.

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#17 Aus gegen Spanien – und Servus, Arnautović

Das erwartet dich in der Folge

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    Abschied Marko Arnautovic. Spanien als letztes Länderspiel des Kultspielers

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    Arnautovics Werdegang auf einem Blick

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    Verpasste Chancen im Spanienspiel

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    Schweiz vs Spanien : Was hätte man sich abschauen können?

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    Rückblick und Analyse von Österreichs WM

Transkript der Folge

Begrüßung nach dem Aus

Johnny Hofer: Herzlich willkommen zu einer – aus österreichischer Sicht – letzten Sonderfolge von Ohne Filter. Rot-Weiß-Rot ist ausgeschieden, Spanien war eine Nummer zu groß. Über all das wollen wir sprechen, natürlich mit Harri Hofstetter. Servus, Harri!


Harri Hofstätter: Servus Johnny, hallo.

Johnny Hofer: Du warst wieder im Stadion, wieder vor Ort. Harri, wie hat sich der Tag – es ging ja schon wahnsinnig früh los – einmal angelassen, bevor wir sportlich werden?

Harri Hofstätter: Heute war es richtig zeitig, wobei es im Nachhinein gar nicht notwendig gewesen wäre, so früh aufzustehen. Das mit den Bussen, den Shuttles und dem Verkehrschaos war bei Weitem nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte. Auch alle Einheimischen waren überrascht, dass das heute relativ gemütlich über die Bühne gegangen ist. 85.000 sind zu diesem unglaublichen Stadion gepilgert, und es war relativ entspannt. Beim Stadion war es wieder extrem beeindruckend, das Stadionerlebnis war erneut tiptop, zehn von zehn. Wie in Dallas und auch in Kansas City sind diese Stadien einfach unpackbar. Ich war oben am fünften Rang, hatte wieder einen schönen Überblick von oben. Das Rundherum hat hundertprozentig gepasst.

Johnny Hofer: Was heißt zeitig? Du hast gesagt, du bist früh aufgestanden – nur für alle, die das hören oder sehen: Bei uns in Österreich ist jetzt Freitag, acht Uhr früh, bei dir ist es noch Donnerstag. Aber was heißt zeitig?

Harri Hofstätter: Ich bin um sechs Uhr aufgestanden, weil ich mir gedacht habe, ich muss rechtzeitig weg. Der Albtraum jedes Fußballfans ist ja, irgendwo im Stau zu stehen oder hängen zu bleiben und nicht rechtzeitig zum Spiel zu kommen. Aber das war heute sehr entspannt. Der Tag ist jetzt schon sehr lang, es ist knapp vor Mitternacht. Ich komme gerade vom Venice Beach, da haben wir noch die Schweizer angeschaut.

Respekt vor der Schweiz

Harri Hofstätter: Die waren wirklich beeindruckend. Wir haben uns vorher ja überlegt, lieber die Schweizer als die Spanier. Klar, die Schweizer wären sicher nicht so hart gewesen wie die Spanier, aber auch sie spielen – alle Achtung – bis jetzt eine sehr starke WM.

Johnny Hofer: Ja, bei den Schweizern hat man das Gefühl, sie werden von Spiel zu Spiel fast besser. Sie funktionieren als Mannschaft irrsinnig gut, da gibt es wenig Durchhänger. Das war in der Endabrechnung bei Österreich nicht so richtig der Fall. Aber lass uns ein bisschen in die Partie von gestern reingehen. An die absolute Leistungsgrenze ist, denke ich, kaum jemand gekommen. Alexander Schlager im Tor müssen wir ausnehmen, der hat eine Weltklassepartie gespielt. Das war offensichtlich: Kaum ein Spieler ist aus österreichischer Sicht an sein absolutes Limit gekommen.

Harri Hofstätter: Als ich aus dem Stadion rausgegangen und mit dem Bus heimgefahren bin, habe ich mir gedacht: Es gibt im Leben und im Fußball Dinge, die man akzeptieren muss. Eines davon ist, dass Spanien eine Weltklassemannschaft ist, auf jeder Position doppelt und dreifach mit Spitzenspielern besetzt. Da muss man am Ende sagen: Das ist einfach eine andere Liga. Andererseits, je länger ich nachgedacht habe – und das will ich nicht nur auf das heutige Spiel beziehen, sondern auf alle vier –, bin ich ganz bei dir: Österreich war als Mannschaft sicher nicht in Top-Verfassung, das muss man klar sagen. Und Spanien hin oder her, das war auch in den anderen Spielen so. Diese zündenden Momente, diese Dynamik, diese Power, diese Aggressivität, mit denen andere vermeintlich kleine Nationen und Underdogs gegen große Favoriten gespielt haben, die haben wir nicht gezeigt.

Zwei Halbchancen und ein klarer Klassenunterschied

Johnny Hofer: Vor allem, weil alle wissen, dass in dieser Mannschaft mehr steckt, was die Power und das Spiel gegen den Ball, das Balljagen und Erobern angeht. Das war ja auch schon gegen vermeintlich größere Gegner in der Vergangenheit zu sehen. In dieser Partie gab es zwei Situationen, in denen ich mir dachte, da könnte vielleicht doch etwas gehen: zum einen dieser Kopfball, an den Michi Gregoritsch in der ersten Hälfte knapp nicht drangekommen ist, beim Stand von 0:0 – das wäre eine wunderschöne Geschichte gewesen. Und dann noch die Kopfball-Situation von Sasa Kalajdžić beim Stand von 0:1, direkt nach seiner Einwechslung. Sie kamen in Situationen, aber das letzte Quäntchen gegen einen Weltklasse-Gegner geht sich dann einfach nicht aus.

Harri Hofstätter: Das waren genau die zwei Situationen, sehe ich auch so. Das war eine Top-Flanke auf Michael Gregoritsch, und da hat nicht viel gefehlt – das wäre ein Wahnsinn gewesen, der Traum schlechthin, wenn der drin gewesen wäre, weil wir dann anders hätten spielen können. Nur hatte ich die ganze Zeit das Gefühl – wir haben ja vorher darüber geredet –, die Spanier haben noch zwei, drei, vier Gänge nach oben. Wir haben gehofft, dass sie die vielleicht nicht finden. Ich finde, sie haben den vierten und fünften heute gar nicht finden müssen, es hat der dreieinhalbte oder vierte gereicht. Wir konnten sie nie richtig in Bedrängnis bringen. Wenn man sie beim Kurzpassspiel beobachtet, wie sie sich bewegen, die Offensivgranaten auf den Flügeln, die wir alle kennen – das ist schon richtig schön anzuschauen. Ich habe oft gedacht, dass ich kein neutraler Zuschauer bin, denn eigentlich müsste man sagen: Es ist einfach schön, wie die Fußball spielen. Und trotzdem behaupte ich, dass sie noch mindestens 30 Prozent besser spielen können. Bezeichnend, dass sie trotzdem 3:0 gewinnen – und wenn Alex Schlager nicht so eine Toppartie spielt, hätten wir auch fünf, sechs Tore kriegen können. Dementsprechend war es ernüchternd. Man muss es realistisch sehen und die Erwartungen nicht zu hoch schrauben, aber alles in allem war es heute ein bisschen ernüchternd – auch die ganze Gruppenphase betrachtet. Da wäre wesentlich mehr drin gewesen.

KKein Torschuss – die verpasste Chance aufs Ärgern

Johnny Hofer: Ja, und schade ist aus meiner Sicht: Es wäre schön gewesen, wenn sie Spanien wirklich nachhaltig hätten ärgern können. Österreich hat über die 90-plus-Minuten keinen einzigen Torschuss abgegeben, und das bleibt ein bisschen zurück. Spanien rauszuhauen – diese Erwartung war vermessen, das war uns davor klar. Aber zumindest ein bisschen ärgern, einmal wirklich an der Sensation schnuppern und nicht nur aus der Ferne wahrnehmen, dass da vorne etwas gehen könnte, das wäre schön gewesen. Und wir müssen auch noch über ein letztes Länderspiel sprechen – für einige Spieler die letzte WM, für einen das letzte Länderspiel überhaupt: für den österreichischen Rekordtorschützen Marko Arnautović. Nach dem Spiel war er den Tränen nicht nur nahe, sondern gezeichnet von dieser Partie, vom Ausscheiden, von der Tatsache, dass er ab jetzt nicht mehr im Teamtrikot auflaufen wird. Er hinterlässt definitiv eine Legacy – leider ist aber nicht eingetreten, was du vor Beginn der WM angesprochen hast. Es wäre schön gewesen, hätte er diesem Turnier noch einmal etwas nachhaltiger seinen Stempel aufdrücken können. Gut, zwei Treffer sind nicht nichts. Was bleibt von Marko Arnautović, der das Team über mehr als ein Jahrzehnt geprägt hat?

Ein Fan erinnert sich

Harri Hofstätter: Ich muss gleich vorausschicken, dass ich wirklich ein Fan von ihm bin. Mir hat er immer getaugt, auch schon, als er jung war, mit all den Geschichten und dem Rundherum, das er immer wieder geliefert hat. Er ist genau so ein Typ, nach dem immer alle rufen – alle sagen, wir brauchen mehr Typen im Fußball. Wenn Marko keiner war, dann wird es nie wieder einen Typen geben. Ich habe ihn in den letzten Minuten des Spiels heute bewusst beobachtet, weil es leider schon entschieden war, und weil ich mir dachte: Das sind die letzten Minuten von Marko Arnautović im Nationalteam. Ich bin mit den Augen auf ihm geblieben und habe schon während des Spiels gemerkt, dass es emotional in ihm arbeitet. Das war sicher ein harter Tag für ihn – nicht nur, weil wir so hoch verloren haben und ausgeschieden sind, sondern weil er dieses Bewusstsein sicher hatte: Das war es damit im Nationalteam. Alle Spieler haben in den Interviews gesagt, dass er emotionale Worte an die Mannschaft gerichtet hat. Er war ja auch wahnsinnig beliebt und wichtig für die Mannschaft. Was mich fasziniert hat, ist, wie sich über all die Jahre, in denen er im Nationalteam gespielt hat, diese Beziehung zwischen ihm, der Mannschaft und den Fans entwickelt hat. Es war ja beileibe nicht so, dass Marko in seinen jungen, wilden Jahren und auch später immer unumstritten war. Diese große Liebe zwischen den Fans und Marko war nicht von Anfang an da – zum Schluss aber vollkommen, auch weil die Fans zu Recht das Gefühl hatten, dass er sich jedes Mal zerrissen hat, wenn er für die Nationalmannschaft gespielt hat. Es ist ihm nicht immer alles aufgegangen, aber er hat sich immer hundertprozentig in die Partien reingehaut, das muss man ihm lassen. Und die Anzahl der Spiele und Tore spricht sowieso für sich. Wie du sagst: Zwei Tore bei einer WM sind auch nicht nichts.

Vom Twente-Youngster zum Bologna-Stammspieler

Johnny Hofer: Absolut. Er hinterlässt ein großes Loch. Ich habe mich noch einmal an seine Anfangszeit im Nationalteam erinnert. Ich habe das so spektakulär und großartig gefunden: Da kommt einer, hat wilde Haare, spielt in den Niederlanden bei Twente. Die meisten Österreicher hatten noch nie von ihm gehört, weil er in Österreich unter dem Radar war und so viele Teams und Klubs im Wiener Raum gehabt hat. Und auf einmal glänzt der bei Twente, kommt ins Nationalteam und ist einfach rotzfrech. Das war so schön anzusehen. Man hatte damals das Gefühl – Zlatan Ibrahimović war zu dieser Zeit alles überstrahlend, was Exaltiertheit und Exzentrik angeht –, dass da ein junger Ibrahimović in Österreich zur absoluten Weltklasse heranreifen könnte. So ehrlich müssen wir sein: Aus diversen Gründen hat es dann nie ganz dafür gereicht. Das hatte wahrscheinlich auch mit der persönlichen Karriereplanung in den frühen Zwanzigern zu tun. Aber er hatte eine Wahnsinnskarriere: in England Starstürmer bei West Ham und Stoke, dann China – aus finanzieller Sicht verständlich, aber sportlich hätte er sich das sparen können – und dass er in Italien noch einmal durchstartet und unumstrittener Stammspieler bei Bologna ist, wo er auch zu wichtigen Einsatzminuten kommt. Und dazu, wie du richtig gesagt hast, im Nationalteam immer zerrissen, mit einer neuen Rolle: In den jungen Jahren am Flügel unterwegs, dann als Mittelstürmer – von der Spielanlage her ganz anders entwickelt. Was aber nie weggegangen ist, war dieser verrückte Antritt. Wenn Marko Arnautović losgestartet ist, hat das immer spektakulär ausgesehen, weil er so lang ist und weil da unfassbare Masse in Bewegung kommt. Das hat nie ausgesehen wie bei anderen Spielern. Diesen Antritt hatte er bis zuletzt, dazu diese Technik – eine Augenweide. Ich hoffe, er bekommt noch eine Abschiedspartie im Ernst-Happel-Stadion. Marko Arnautović hinterlässt da schon sehr viel.

Arnautović und Rangnick auf einer Wellenlänge

Harri Hofstätter: Das hundertprozentig. Und was mir auch sehr gut gefallen hat, war, wie schnell Marko und Ralf Rangnick auf einer Wellenlänge waren, als der Trainer kam. Das ist ja nicht per se zu erwarten: Da kommt ein deutscher, straighter Trainer, erfahren, ruhig, analytisch und sehr auf Disziplin bedacht. Dass die zwei von Anfang an so funken, war für mich schön zu beobachten. Rangnick hat Marko von Anfang an zu verstehen gegeben, dass er einer der wichtigsten Spieler im Team ist. Und nach der EM 2024, als Marko ein bisschen laut nachgedacht hat, ob er noch bis zur WM weitermacht oder nicht, hat sich der Teamchef hingesetzt und gesagt: Das ist überhaupt keine Frage, der spielt bei mir immer, ich sehe keinen Grund, warum er aufhören sollte. Das war sicher ein Mitgrund, warum Marko Arnautovićs letzte Jahre so geradlinig und gut verlaufen sind – weil er im Nationalteam und vom Teamchef diese absolute Rückendeckung gespürt hat, weil er akzeptiert wurde, wie er ist, und gebraucht wurde. Ich glaube, das war für ihn extrem wichtig.

Johnny Hofer: Das war klar zu sehen. Und du hast eine interessante Zeit angesprochen: Als Rangnick übernommen hat, gab es ja schnell das öffentliche Echo – Arnautović sei kein Rangnick-Stürmer, wer soll in Zukunft bei Österreich stürmen? Aber genau das hat nie stattgefunden, weil es funktioniert hat, sportlich und auch auf einer anderen Ebene. Das ist ein Fact: Dieses Nationalteam ist ein super Gefüge – mit dem großen Wermutstropfen, dass die absolute Topform leider nie erreicht wurde. So schaue ich am Ende fast ein bisschen neidisch zur Schweiz rüber. Gut, die hatten nicht Spanien im Achtelfinale, aber sie sind uns einfach ein paar Jahre und ein paar Weltmeisterschaften voraus. Was bleibt für dich von dieser WM, außer den tollen Eindrücken vor Ort, aus sportlicher Sicht?

Das Stadion als Food Court

Johnny Hofer: Ich bezweifle es ein bisschen. Ich war heute beim Major League Baseball und habe mir Giants gegen die Cubs aus Chicago angeschaut. Und gefühlt ist das beim Baseball wirklich so: Das ist ein Food Court. Das klingt jetzt alles so wunderlich, weil wir das alles auch nicht kennen, das ist nicht unsere Realität. Aber ein Baseballstadion wirkt wie ein Food Court, in dem nebenbei noch ein Sport ausgeübt wird. Während der Partie ist derartig viel los, weil es unglaublich viele Essensstände drinnen gibt und ein wahnsinniges Angebot herrscht. Gerade beim Baseball ist es mehr ein Event als eine Sportveranstaltung. Obwohl – ich würde niemals behaupten, dass Baseball ein einfacher Sport ist, das ist Hochleistungssport, das müssen wir nicht ausdiskutieren. Aber so, wie sie hier Sport konsumieren und verstehen, ist es einfach eine komplett andere Realität. Ich habe es faszinierend gefunden, welches Angebot an Speisen dir da in einem Stadion kredenzt wird, in dem du eigentlich glaubst, du bist in einer Fresshalle.

Harri Hofstätter: Definitiv. Was ich beim Public Viewing im Coliseum in L.A. mitgekriegt habe: Da hattest du auch dieses ganze Angebot rundherum, und sie hatten rund ums Stadion von jedem Teilnehmerland einen Imbissstand aufgebaut. Unvorstellbar – da waren 20, 30 Imbissstände, wo du südafrikanische, US-amerikanische, kanadische Spezialitäten bekommst und so weiter. Einen Österreich-Stand habe ich skandalöserweise nicht gefunden – keine Käsekrainer, keine Hotdogs oder sonst irgendetwas. Aber da hast du auch gemerkt: Das waren die Soccer-Fans. Während des Spiels – die Amerikaner haben gegen Paraguay gespielt – wäre niemand von den Leinwänden weggegangen. Die haben sich das wirklich von Minute eins bis 45 und dann von 46 bis 97 angeschaut, und erst dann sind sie rausgegangen, etwas trinken oder essen. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen den US-Soccer-Fans und den anderen Sportfans, das betonen sie auch immer wieder. Die Soccer-Fans sind eine eigene Community im US-Sportsystem, und darauf sind sie auch stolz.

Johnny Hofer: Aber du merkst auch: Jetzt sind die NBA-Finals zu Ende gegangen, und selbst im weit entfernten San Francisco strahlen die Knicks extrem aus. Die Bars waren voll in San Francisco – gut, es war auch geschichtsträchtig, dass die Knicks mal wieder die NBA gewinnen. Aber das war irre, weil ja eigentlich das größte Fußballturnier der Welt stattfindet. Trotzdem sind alle in die Sportsbars zum Basketball-Schauen gegangen, und als die Knicks dann Meister waren, waren die Bars wieder einigermaßen leer. Das war eine interessante Beobachtung, zumindest in San Francisco, weil du das einfach nicht gewohnt bist. Es ist egal, welche Partie dann läuft, aber die Leute bleiben normalerweise dort und schauen sich noch irgendetwas anderes an. Hier war es eher: Okay, passt, ich bin für meine Sportart da – und dann ciao, danke, auf Wiedersehen.

Harri Hofstätter: Ein ganz ähnliches Erlebnis hatte ich am Venice Beach in L.A. Da haben zuerst die Dodgers live gespielt, am Nachmittag wurde überall übertragen. Dann war die Partie Brasilien gegen Marokko. Da waren die Sportbars auch ziemlich voll, weil Brasilien einfach zieht. Da waren auch mit Abstand die meisten Fan-Trikots zu sehen. Am Venice Beach waren viele Brasilianer, viele Argentinier, viele Franzosen natürlich auch. Und dann war das Knicks-Spiel, und da war noch mal viel mehr los als beim Brasilien-Spiel. Aber sobald die Knicks fertig waren, kam Schottland gegen Haiti. Das war für den gemeinen US-Sportfan nicht mehr der große Grund, an der Bar sitzen zu bleiben und sich das live reinzuziehen.

Ein enttäuschtes, aber ehrliches Fazit

Harri Hofstätter: Das ist schwer zu sagen. Insgesamt bin ich schon ein wenig enttäuscht, ehrlich gesagt, weil ich vor der WM gedacht habe: Da steckt wirklich viel drin. Wir haben extrem viele Spieler, die in den Top-5-Ligen unterwegs und dort Stammspieler sind, die international spielen. Wir haben eine passable, stabile Qualifikation gespielt, die meiner Meinung nach in einer schwereren Gruppe stattgefunden hat, als viele behaupten. Auch die Gruppengegner Algerien und Jordanien waren für mich machbar, über Argentinien brauchen wir nicht zu reden. Ich habe von Anfang an gedacht: schade, dass der Turnierbaum so aufgebaut ist, dass wir praktisch nicht an den Spaniern vorbeikommen. Und so war es dann auch – an denen vorbeizukommen war mehr oder weniger unmöglich. Das Spiel gegen Spanien war für mich ein zweischneidiges Schwert: einerseits unglaublich sicher und souverän, gespickt mit Top-Spielern. Und trotzdem traue ich mich zu behaupten: Hätten wir unseren A-Tag oder unseren Holland-Tag wiederholt und so eine Leistung abgerufen, hätten wir sie viel mehr ärgern können, wie du richtig gesagt hast.

Weiter geht's – mit dem Zug an die Ostküste

Johnny Hofer: Österreichs WM-Reise ist zu Ende, aber deine geht weiter, deshalb machen wir noch ein bisschen weiter. Harri, du warst schon mit dem Auto unterwegs, schon mit dem Flieger – und jetzt kommt der Zug. Amerika ist ja nicht unbedingt für tolle Zugreisen bekannt, aber du machst das trotzdem.
Harri Hofstätter: Ja, ich habe mir jetzt ein Amtrak-Ticket über drei Wochen mit zehn Segmenten gekauft – da kann man zehn Fahrten machen. Ich fahre rüber an die Ostküste, über Texas, Arizona, New Orleans, dann Miami und vorher noch Washington, D.C. Ich schaue mir also ein bisschen die Ostküste an. Das Autofahren habe ich jetzt hinter mir gelassen, das ist mittlerweile immer ein bisschen zu anstrengend. Ich freue mich aufs Zugfahren und bin gespannt, was ich da noch für Eindrücke sammle. Die WM verfolge ich natürlich weiter intensiv, die ist mittlerweile extrem in den USA angekommen. Auch hier heute in L.A. sitzen überall die Leute und schauen – es gibt keine einzige Bar, kein Restaurant, wo nicht mindestens fünf Fernseher mit WM laufen. Auch im Bus habe ich mit einigen Amerikanern gesprochen, die zu unserem Spiel gefahren sind. Die haben gesagt: Jetzt ist das Soccer-Fieber richtig ausgebrochen, alle schauen WM und sind gespannt, wie weit die Amerikaner kommen. Das wird noch sehr spannend und interessant.

Ein warmer Abschied

Johnny Hofer: Von uns gibt es also definitiv wieder etwas von dieser WM, Eindrücke vom Harri vor Ort – aber mit den Österreichern war es das. Schade, aber so ehrlich müssen wir sein: Es wäre vermessen gewesen, eine Sensation zu erwarten. Trotzdem bleibt ein toller WM-Sommer, das dürfen wir nicht vergessen: zum ersten Mal seit 1998 wieder bei einer WM dabei, das erste Mal seit 1954 wieder in der K.-o.-Phase einer Weltmeisterschaft. Für die meisten, die uns da draußen zuhören, war das nicht einmal ein Gedanke. Dass du das alles im Stadion miterleben konntest, beneiden wir dich alle ein bisschen, Harri. Danke für deine Eindrücke und für alles, was du uns in den vergangenen Wochen erzählen konntest. Ich freue mich schon auf die weiteren Eindrücke, die noch von dir aus den USA kommen.

Harri Hofstätter: Sehr gerne. Das war richtig cool. Dass diese WM in den USA als XXL bezeichnet wird, ist völlig zu Recht. Die Stadionerlebnisse waren einfach unglaublich, ebenso die Stimmung und wie das Land jetzt langsam in die WM reingekommen ist. Das war sehr beeindruckend zu beobachten.
Johnny Hofer: Deine Reise geht weiter, wir freuen uns auf alles, was noch von dir kommt. Ich sage Danke fürs Dabeisein und Danke fürs Zuhören. Wenn dir diese Folge gefallen hat, abonniere uns gerne und verpasse keine weiteren Episoden von Ohne Filter. Wenn du außerdem die Video-Episoden sehen möchtest, findest du unseren gesamten Katalog auf dem Canal+ YouTube-Kanal. Ohne Filter ist ein Canal+ Podcast, produziert von Pestbüro Digital. Ciao, bis zum nächsten Mal!