Ohne Filter – Folge 18

Europa schlägt zurück: Das WM-Achtelfinale, ein politischer Beigeschmack und die Viertelfinal-Vorschau

Episodenbeschreibung

Österreich ist raus, die WM läuft weiter – und Harri meldet sich diesmal aus New Orleans, nach einer 38-Stunden-Zugfahrt im Amtrak quer durch den Süden. Zwischen handgeschriebenen Sitzplatz-Zetteln und Diesel-Loks aus einer anderen Zeit blicken Johnny und Harri auf ein turbulentes Achtelfinale: Haaland trägt Norwegen über Brasilien, Merino beendet in der Nachspielzeit Ronaldos WM-Karriere, England ringt Mexiko im Aztekenstadion nieder – und rund um die begnadigte Rote gegen die USA sowie den Trump-Dance der Belgier bekommt das Turnier einen politischen Beigeschmack. Dazu die komplette Viertelfinal-Vorschau. Abonniere Ohne Filter und lass eine Bewertung da.

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#18 Haaland, Merino und ein Turnier mit Geschmäckle

Das erwartet dich in der Folge

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    Wenn sich die Politik in die WM einmischt

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    Norwegens Sieg gegen Brazilien

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    Argentiniens Comeback im Ägyptenspiel

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    England schießt sich ins Viertelfinale

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    Schweiz gegen Kolumbien: der Elfmeterkrimi

Transkript der Folge

Begrüßung und das Zugabenteuer

Johnny Hofer: Wir sind zurück bei Ohne Filter und sprechen über die Weltmeisterschaft. Mit dabei ist natürlich wieder unser rasender Reporter vom Kicker, Harri Hofstetter. Servus – wo bist du denn gerade überhaupt?

Harri Hofstätter: Servus Johnny, freut mich sehr. Ich bin gerade in New Orleans, in Louisiana.

Johnny Hofer: Das klingt abenteuerlich. Du hattest das Auto, du hattest den Flieger – und jetzt bist du komplett anders unterwegs, extrem landesuntypisch auf der Schiene. Wie war das Zugfahren in den USA? Wenn man an die USA denkt, denkt man in meiner Wahrnehmung, und in der vieler Menschen, am seltensten ans Zugfahren.

Harri Hofstätter: Ja, das stimmt. Auch die Amerikaner selbst sind eigentlich nicht das geborene Zugfahrer-Volk. Ich selbst bin aber ein leidenschaftlicher Zugfahrer und habe den Amtrak Sunset Limited von L.A. Richtung Tucson in Arizona genommen. Dort war ich eine Nacht. Und vorgestern und gestern dann die längste Etappe, von Tucson nach New Orleans – das waren 38 Stunden. Ziemlich viel Land, das da an uns vorbeigezogen ist. Es war größtenteils richtig gut und sehr bequem. Ich bin froh, in New Orleans angekommen zu sein, aber es war besser, als es klingt. 38 Stunden klingt brutal, aber es geht.

Johnny Hofer: Wie sind Züge in den USA, wie ist die Ausstattung? Das interessiert mich rein persönlich. Wie ist zum Beispiel das Bordessen? Wenn du 38 Stunden auf einem Platz pickst, musst du dich ja versorgen können.

Harri Hofstätter: Der wesentliche Unterschied zu europäischen Zügen ist, dass die Sitze viel breiter sind. Man hat viel mehr Legroom, also Beinfreiheit, man kann die Sitze fast komplett umlegen. Was die Züge selbst betrifft, ist es recht komfortabel. Bei den technischen Voraussetzungen sind sie aber wirklich noch sehr oldschool. Die Lokomotiven müssen alle 500 bis 700 Kilometer aufgetankt und mit Wasser nachversorgt werden. Da gibt es die Fresh Air Stops, wo man raus darf und die Loks nachgefüllt werden. Es ist alles noch irgendwie so 50er- bis 70er-Jahre.

Johnny Hofer: Du sagst, sie müssen aufgetankt werden – das sind Diesel-Loks?

Harri Hofstätter: Richtig, genau, die fahren mit Treibstoff. Und auch die Art, wie die Passagierlisten kontrolliert werden: Die Zugbegleiter haben das alles auf Zetteln aufgeschrieben. Man stellt sich brav am Bahnsteig an und wartet, bis man in die Waggons einsteigt, und jeder bekommt einen handgeschriebenen Zettel, wo er sich hinsetzen darf. Den klebt man dann über den Sitz. Irgendwie noch ein bisschen im vorigen Jahrhundert hängen geblieben – aber das macht auch den Charme aus. Ich habe es sehr genossen.

Johnny Hofer: Und die Bordverpflegung?

Harri Hofstätter: Die war medium. Es gab Snacks, Sandwiches, Burger, die man sich heiß machen lassen kann, viel Kaffee. Die meisten Leute waren Selbstversorger, die hatten riesige Säcke mit Lebensmitteln und Getränken mit und haben geschaut, dass sie für die Fahrt genug dabeihaben.

Johnny Hofer: Wie war dein Matchplan? Hast du vorgebaut oder dich reinfallen lassen in das, was verfügbar war?

Harri Hofstätter: Ich war naiv, muss ich sagen, im Vergleich zu meinen Mitreisenden nicht so gut vorbereitet. Ich hatte ein bisschen Wasser mit, aber eigentlich erwartet, dass es mehr Angebot im Bordwagen gibt. Es gibt schon einen Dining-Wagen, aber da muss man Mittag- und Abendessen über die Amtrak-App vorreservieren, was ich nicht wusste. Ich bin da ein bisschen naiv reingegangen.

Johnny Hofer: Zwei Tage hält man schon aus ohne dreigängiges Menü. Zum Glück ist es kein Riech-Podcast, den wir da veranstalten. Aber duschen wirst du dich hoffentlich schon können.

Harri Hofstätter: Ich bin vor fünf, sechs Stunden angekommen, eine Dusche ist sich ausgegangen.

Johnny Hofer: Sehr gut. Ich bin gespannt, was du von New Orleans erzählst – spannend, auch mal in Gegenden zu sein, wo die WM nicht unmittelbar eine Spielstätte in der Nähe hat. Houston ist zwar nicht so weit entfernt, aber ansonsten ist das ziemlich exponiert. Da bin ich gespannt, wenn wir uns nach dem Viertelfinale wieder hören. Jetzt wollen wir aber übers Viertelfinale sprechen und ein Roundup zu den Achtelfinal-Partien machen.
Kanada gegen Marokko

Johnny Hofer: Fangen wir mit Kanada gegen Marokko an, eine ziemlich klare Angelegenheit. Damit ist eine der Gastgebernationen draußen – es sind ja jetzt alle Gastgeber raus. Marokko, der WM-Vierte von 2022, hat beim 3:0 überhaupt nichts anbrennen lassen und gezeigt, dass sie mittlerweile ein absolutes Spitzenteam sind. Kanada ist mit gemischten Gefühlen rausgegangen, die hätten sich mehr erträumt, obwohl es für das Team von Jesse Marsch vergleichsweise gut gelaufen ist.

Harri Hofstätter: Ja, die Enttäuschung war in den nordamerikanischen Medien ziemlich groß, in Kanada wie in den USA hätte man sich mehr erwartet. Ich habe das Spiel noch in Tucson gesehen, in einer Bar, wo viele Kanadier waren. Das war für sie sehr ernüchternd – und auch interessant im Hinblick auf das Spiel der Marokkaner gegen Frankreich, das Team von Deschamps, ob sie da mithalten können. Kanada war sicher kein Gradmesser. Man darf gespannt sein, ob sie den Switch auf einen absoluten Top-Gegner wie Frankreich schaffen

Kanada gegen Marokko

Johnny Hofer: Fangen wir mit Kanada gegen Marokko an, eine ziemlich klare Angelegenheit. Damit ist eine der Gastgebernationen draußen – es sind ja jetzt alle Gastgeber raus. Marokko, der WM-Vierte von 2022, hat beim 3:0 überhaupt nichts anbrennen lassen und gezeigt, dass sie mittlerweile ein absolutes Spitzenteam sind. Kanada ist mit gemischten Gefühlen rausgegangen, die hätten sich mehr erträumt, obwohl es für das Team von Jesse Marsch vergleichsweise gut gelaufen ist.

Harri Hofstätter: Ja, die Enttäuschung war in den nordamerikanischen Medien ziemlich groß, in Kanada wie in den USA hätte man sich mehr erwartet. Ich habe das Spiel noch in Tucson gesehen, in einer Bar, wo viele Kanadier waren. Das war für sie sehr ernüchternd – und auch interessant im Hinblick auf das Spiel der Marokkaner gegen Frankreich, das Team von Deschamps, ob sie da mithalten können. Kanada war sicher kein Gradmesser. Man darf gespannt sein, ob sie den Switch auf einen absoluten Top-Gegner wie Frankreich schaffen.

Frankreich gegen Paraguay – ein wildes Spiel

Johnny Hofer: Frankreich hat sich im Achtelfinale mit 1:0 gegen Paraguay durchgesetzt, ein Elfmeter von Kylian Mbappé hat es richten müssen. Aber Paraguay hat die Franzosen wirklich arg bearbeitet, extrem dreckige Spielweise – positiv formuliert leidenschaftlich, aber das war eher an der Grenze zum Drüber. Es gab auch viel Kritik an der Schiedsrichterleistung, dass keine einzige gelbe Karte verteilt wurde. Wie hast du Paraguay wahrgenommen?

Harri Hofstätter: Das Spiel war fast verrückt, wie es abgelaufen ist. Die Tatsache, dass Frankreich mit drei gelben Karten rausgegangen ist und Paraguay mit keiner einzigen – das war ein Wahnsinn. Und das hat sich fortgesetzt: Durch diese Aktion von Trump und Infantino hat die Schiedsrichter-Diskussion noch mehr Schärfe bekommen, weil die Leistungen der Schiedsrichter, höflich formuliert, sehr unterschiedlich waren. Durch die Einflussnahme der FIFA haben diese Diskussionen den Spin bekommen, dass die WM sogar beeinflusst sein könnte – und das ist dann doppelt bitter. Bei Paraguay gegen Frankreich war das aber sicher nicht der Fall, da war der Schiedsrichter einfach mit der Gangart von Paraguay überfordert. Unter den Fans, mit denen ich gesprochen habe, war die Meinung einstimmig: Es wäre verrückt gewesen, wenn die Franzosen nicht weitergekommen wären, und Paraguay war wirklich unfair. Das hat sich dann noch mit diesen rassistischen Meldungen einer Senatorin aus Paraguay fortgesetzt.

Johnny Hofer: Du hast die rassistischen Meldungen der paraguayischen Senatorin angesprochen, die Kylian Mbappé aufs Tiefste und Rassistischste beschimpft hat. Er hat mit einem Statement sehr gut darauf reagiert, wie ich finde. Aber es zeigt, wie grauslig der Fußball in einzelnen Facetten abseits des Platzes zusätzlich sein kann.

USA gegen Belgien und der Trump-Dance

Johnny Hofer: Du hast das Skandalspiel schon angesprochen – dieses Konglomerat aus FIFA, Infantino und Trump. USA gegen Belgien: Der US-Spieler wurde begnadigt, nachdem er aus meiner Sicht eine ganz klare, vertretbare Rote Karte gesehen hatte, im Sechzehntelfinale. Die Belgier haben die Antwort auf dem Platz gegeben und die USA – mit einer in die Jahre gekommenen Mannschaft, bei der Kevin De Bruyne 90 Minuten auf der Bank saß – sportlich erniedrigt. Großartig fand ich, wie sie nach dem Tor von Romelu Lukaku diesen Trump-Dance gemacht und den Präsidenten auf die Schippe genommen haben, auch in der Kabine. Wie wurde das in den USA aufgenommen? Was ich mitbekommen habe, war durchaus gemischt.

Harri Hofstätter: Aus meiner Sicht war es sinnbildlich für die Situation, die generell im Land herrscht: komplett gespalten. Die Meinungen waren sehr konträr und zogen sich durch Medien, Zeitungen, TV-Stationen, Fans und Experten. Was mir aufgefallen ist – auch im Zug, wo wir darüber diskutiert haben –: Die wirklichen Fußballfans, die sich intensiv mit dem Sport beschäftigen und nicht die WM-Glory-Hunter sind, haben sich für diese Situation eher geniert. Für die, die Ahnung vom Fußball haben und ihn in Europa verfolgen, war das sehr unangenehm, weil sie wissen, dass das mit den eigentlich unumstößlichen Fußballregeln nichts zu tun hat. Unschön war auch, dass etwa Fox – ein sehr Trump-freundlicher Sender, wo unter anderem Zlatan Ibrahimović sitzt – sich hinter die Entscheidung gestellt hat. Das wurde Ibrahimović von vielen Fans angekreidet, dass er gesagt hat, es war keine Rote und man sei froh, dass die USA mit dem besten Team ins Spiel gehen. Viele Kommentatoren haben gesagt: Diese Linien verschwimmen. Aber wie das bei Trump in allen Lebensbereichen ist, bricht er mit Tabus und tritt Türen ein, die davor unumstößlich waren. Das setzt sich jetzt offensichtlich im Fußball fort.

Johnny Hofer: Was völlig absurd war – aber ich glaube, bei dieser Partie war gefühlt die gesamte Welt für Belgien. Dann passt es, dass sie sich mit einer Machtdemonstration sportlich klar über die USA gestellt haben.

Brasilien gegen Norwegen – die Haaland-Show

Johnny Hofer: Eine Machtdemonstration gab es auch von einem einzelnen Spieler, in einem denkwürdigen Spiel: Brasilien gegen Norwegen, 2:1 für die Skandinavier. Erling Haaland – was soll man zu dem Typen noch sagen? Unfassbar, der trägt das Land durch die WM. Die Norweger wirken sowieso wie eine Mannschaft auf Schullandwoche, die das alles großartig findet.

Harri Hofstätter: Und gefühlt ist Haaland, der seit Jahren auf Weltklasse-Niveau unterwegs ist, in diesem norwegischen Verbund noch einmal mehr der Bub, der sich einfach freut, dass er mit seinen Freunden Fußball spielt – und das extrem erfolgreich. Hinten raus hat dann noch Neymar nach seiner Einwechslung diesen Elfmeter verwandelt, in der zehnten Minute der Nachspielzeit. Jetzt hat er noch einmal getroffen, aber das war es dann auch für Neymar. Völlig absurd fand ich, dass er nach seinem Treffer zum norwegischen Tormann hin ist und ihn beschimpft hat. Da habe ich mir gedacht: Lass das lieber sein, das ist ein bisschen peinlich. Aber die Norweger stehen im Viertelfinale, und das ist historisch.

Johnny Hofer: Das ist irre, weil viele vor der WM über einen möglichen Geheimfavoriten gesprochen haben – und bislang liefern die ab.

Harri Hofstätter: Das ist auch eine Geschichte, die den Amerikanern extrem gut gefällt. Das geht los mit Haaland, der aussieht wie der geborene Wikinger, und mit dem Jubel, den sie immer nach dem Spiel mit den Fans machen – das geht jedes Mal durch alle Medien. Das ist genau die amerikanische Geschichte, die ihnen gefällt. Die haben nach den USA die größte Unterstützung und Fanbase im Land. Der Sieg gegen Brasilien war top. Und trotzdem waren die Norweger, auch mit Haaland, im Vergleich zu Brasilien, Frankreich, Spanien oder Portugal immer noch ein Underdog. So, wie sie spielen, traue ich ihnen alles zu – auch, dass sie über England drüberkommen. Die Engländer haben in ihrem epischen Spiel gegen Mexiko viel Kraft gelassen.

England gegen Mexiko im Aztekenstadion

Johnny Hofer: Interessant ist, dass in jedem Viertelfinale mindestens eine europäische Mannschaft steht, in zweien sogar beide. Das alte Imperium hat zurückgeschlagen. Mexiko gegen England war das letzte Spiel im Aztekenstadion, dieser ikonischen Hütte. Viel wurde über die Höhe gesprochen, rund 2.500 Meter. Da war die Sache mit Liam Gallagher lustig.

Harri Hofstätter: Ja, der Oasis-Frontmann hat das ein bisschen missverstanden: Er hat geglaubt, es geht um „attitude“ und nicht um „altitude“. Er ist auf X ausgeritten, um die Mexikaner zu verteidigen, und hat geschrieben, er verstehe nicht, warum die mexikanische Attitüde kritisiert wird – jedes Mal, wenn er in Mexiko war, hat er es super gefunden, das seien alles decent people. Dann hat ihn jemand ausgebessert, dass es um die Seehöhe geht. Und damit ist England eigentlich sehr gut zurechtgekommen, obwohl sie nach fünf Minuten alle durchgeschwitzt waren. Bellingham hat zwei Tore innerhalb von 90 Sekunden gemacht, der Kane-Elfer hat dem Ganzen ein Gesicht gegeben. Eine Rote Karte könnte den Engländern noch Probleme bereiten.

Johnny Hofer: Weil sich Thomas Tuchel den Luxus leistet, einen gar nicht so schlechten Rechtsverteidiger von Real Madrid mit dem Namen Trent Alexander-Arnold zu Hause gelassen zu hat. Diese Baustelle wird interessant. Bei Mexiko sind Quiñones und Jiménez zum 1:2 und 2:3 noch einmal herangekommen, aber am Ende hat das Motherland of Football die Partie für sich entschieden. Gegen Norwegen wird es im Viertelfinale interessant.

Portugal gegen Spanien – das Ende von Ronaldo

Johnny Hofer: Gehen wir zum nächsten europäischen Duell, dem Derbi Ibérico: Portugal gegen Spanien. Merino in der Nachspielzeit, wie schon vor zwei Jahren gegen Deutschland – diesmal hat er quasi die WM-Karriere von Cristiano Ronaldo beendet. Vor zwei Jahren hat er die Teamkarrieren von Thomas Müller, Toni Kroos und Ilkay Gündoğan beendet. Es war keine leckere Partie, viel weniger Tore als bei Mexiko gegen England, aber beide Mannschaften mussten ihr Herz und ihre komplette Energie auf dem Platz lassen.

Harri Hofstätter: Es waren teilweise richtige Abnutzungskämpfe im Achtelfinale, wo man den Mannschaften aufgrund der äußeren Bedingungen und der Dauer von Turnier und Saison angemerkt hat, dass sie am Ende ihrer Kräfte waren. Bei England war das extrem. Auch Spanien gegen Portugal war sehr intensiv und hart geführt, wenn auch nicht torreich. Mit Ronaldo natürlich ein Drama zum Schluss, auch für die Amerikaner: Die hätten sich gewünscht, dass die Portugiesen genauso wie Messi mit Argentinien weiterkommen. Der Höhepunkt Messi gegen Ronaldo wäre für die WM-Organisatoren und die US-Fans ein Traum gewesen. Die Spanier waren wie in allen Spielen bisher nicht wirklich berauschend, aber defensiv unglaublich gut. Sie haben in der K.-o.-Phase noch kein Tor bekommen und stehen bombensicher. Ich glaube, den Spaniern kann man jetzt alles zutrauen – vom Ausscheiden im Viertelfinale bis zum WM-Titel ist alles drin.

Johnny Hofer: Schon das fünfte WM-Spiel in Folge ohne Gegentreffer. Und zu diesem Messi-Ronaldo-Duell, das manche herbeigesehnt haben: Es ist einfach nicht mehr 2010, so ehrlich müssen wir sein.

Argentinien gegen Ägypten und der Weltmeister-Bonus

Johnny Hofer: Da kommen wir schon zu Lionel Messi: Argentinien gegen Ägypten. Ägypten war 2:0 vorne, du hattest den Anschein, dass Argentinien da rausgeht. Dann haben der VAR und Schiedsrichter François Letexier ein bisschen nachgeholfen, und ab der 79. Minute hat Argentinien gedreht – Romero, Messi und Enzo Fernández in der Nachspielzeit. Wie hast du die Partie gesehen?

Harri Hofstätter: Dass es den Argentiniern noch einmal gelingt, so ein Spiel mit purer Willenskraft und Leidenschaft umzureißen – wie schon gegen Kap Verde –, hat mich beeindruckt. Die Diskussionen um Schiedsrichter und VAR sind in dem Fall ein bisschen weit hergeholt. Man kann über die eine oder andere Sache streiten, aber das Spiel haben die Ägypter aus meiner Sicht selbst aus der Hand gegeben. Es war nicht so, dass der Schiedsrichter die Partie mit einer Tendenz zum Kippen gebracht hätte. Aber es ist bezeichnend für das, was ich vorher gemeint habe: Infantino und Trump haben mit ihrer Einflussnahme auf die Sperre des US-Spielers eine Note ins Turnier gebracht, sodass bei jeder strittigen Situation sofort dieses Geschmäckle reinkommt, dass etwas manipuliert sein könnte. Und das wird dann auch offen angesprochen, von den Ägyptern selbst und von den Medien.

Johnny Hofer: Zusammenfassend muss man sagen: Messi hätte nach der Auftaktpartie eigentlich eine Sperre bekommen müssen, das war eine klare Rote gegen Österreich. Und beim Spielaufbau wurde ein Foul an Xaver Schlager nicht gepfiffen, daraus ist ein Treffer resultiert. Es gab schon einige Situationen, in denen die Argentinier in diesem Turnier auch ein bisschen Fett abbekommen – pardon, begünstigt wurden.

Harri Hofstätter: Dass alles geschoben und manipuliert ist, halte ich für weit hergeholt. Was ich schon beobachte, ist ein Weltmeister- beziehungsweise Lionel-Messi-Bonus, den man teilweise gar nicht abstreiten kann. Der ist bei den Argentiniern phasenweise ein bisschen zu klar ersichtlich. Aber wie auch immer: Sie haben sich gegen Ägypten durchgesetzt, erstmals bei einer WM ein 0:2 gedreht und stehen im Viertelfinale.

Die Schweiz schreibt Geschichte

Johnny Hofer: Schauen wir uns abschließend die letzte Achtelfinalpartie an: Die Eidgenossen sind nach 0:0 und einem 4:3 im Elfmeterschießen weiter und stehen erstmals seit 1954 wieder in einem WM-Viertelfinale – damals die Heim-WM der Schweizer. Die haben etwas zu feiern, und das geht auch voll in Ordnung.

Harri Hofstätter: Absolut beeindruckend, wie die Schweizer durch das Turnier kommen, und hundertprozentig verdient. Sie haben sich im letzten Jahrzehnt vom europäischen Mittelklassewagen zu einem richtigen Rennwagen, einem Luxuswagen entwickelt. Wenn man den Schweizer Fußball und die Bedeutung des Fußballs in der Schweiz hernimmt, müsste man das gar nicht erwarten. Im Viertelfinale gebe ich ihnen wieder alle Chancen, weil sie die Qualität und die Erfahrung mit Xhaka und anderen haben, die seit Jahren in Top-Ligen unterwegs sind. Für die Schweiz muss im Viertelfinale nicht zwangsläufig Schluss sein. Was das Nationalteam angeht, sind sie Österreich schon ordentlich einen Schritt voraus. Auch die Angst vorm Elfmeterschießen haben sie besiegt – bei der WM hatten sie davor erst eines, 2006 gegen die Ukraine, wo sie gescheitert sind. Bei Großereignissen haben sie in sechs Versuchen erst einmal nach Penalty gewonnen, 2021 im EM-Achtelfinale gegen Frankreich mit 8:7. Jetzt treffen sie im Viertelfinale auf den Weltmeister Argentinien, in Kansas City.

Johnny Hofer: Ich sehe das ähnlich, der Schweizer Weg ist nicht zwangsläufig vorbei, weil die Argentinier zu wackelig und die Schweizer als ganze Mannschaft zu stabil sind. Ich würde sie auf keinen Fall abschreiben. Interessant ist auch, wie sich die Schweiz zu einer Tormann-Nation entwickelt hat. Jetzt ist die Ära Sommer vorbei, Gregor Kobel setzt diese Weltklasse-Ära im Tor fort und wird gleich zum nächsten Helden.

Harri Hofstätter: Sie haben in den letzten fünf bis zehn Jahren auf einem guten Nachwuchssystem eine richtige Tormann-Schule aufgebaut, die in Europa top ist. Das schlägt sich dann in solchen Elfmeterschießen nieder, das ist kein Zufall. Gregor Kobel wurde nach seinem gehaltenen Elfer zum gefeierten Helden. Auch da hinken wir hinter der Schweiz her, weil es solche Weltklasse-Goalies in Österreich in der Breite schon lange nicht mehr gab.

Viertelfinale: England gegen Norwegen

Johnny Hofer: Das nächste Viertelfinale, über das wir schon ein bisschen gesprochen haben, ist Norwegen gegen England in Miami. Siehst du es auch nicht als gegeben an, dass die Engländer da drüberkommen?

Harri Hofstätter: Ich glaube, es wird richtig knapp, aber am Ende wird es England machen. Für mich hat das Spiel absolut Potenzial zu einem Klassiker, wie bisher eigentlich alle England-Spiele auf dieser Stufe. Ich glaube, sie werden nach dem Spiel noch einmal die Oasis-Hymne anstimmen, Wonderwall wird kommen, Liam wird sich freuen und Noel noch mehr – dann klingelt es wieder in der Kassa und die Tantiemen ziehen an. Die ganze Geschichte mit den England-Fans, Oasis, Harry Kane und Bellingham ist für jede WM eine Bereicherung. Insofern würde ich mir wünschen, dass sie weit kommen, am besten bis ins Finale. Aber die Norweger werden es ihnen extrem schwer machen.

Johnny Hofer: Dann könnten die Engländer ihr Finaltrauma aus den letzten Europameisterschaften beseitigen. Eine lustige Anekdote noch, weil du Wonderwall angesprochen hast: Das war noch in der Gruppenphase, da hat Harry Kane gar nicht gewusst, was die Fans da singen. Mittlerweile, nachdem sie es jede Partie singen, hat er das verinnerlicht und kann fast mitsingen.

Viertelfinale: Spanien gegen Belgien und Frankreich gegen Marokko

Johnny Hofer: Ein weiteres europäisches Duell ist Spanien gegen Belgien in L.A.: der Europameister gegen das ein bisschen verwelkte Traumteam, die goldene Generation Belgiens, die teilweise schon ohne Spieler dieser Generation auskommt und mit etwas Auslosungsglück im Viertelfinale steht.

Harri Hofstätter: Es wäre so eine klassische Fußballgeschichte: Die letzten fünf bis acht Turniere hieß es immer goldene Generation Belgien, und nie ist etwas daraus geworden. Vor dieser WM hat man nicht mehr wirklich mit ihnen gerechnet, weil viele weg sind. De Bruyne hat im Achtelfinale nicht mal gespielt, ist aber immer noch gut dafür, wenn er im Viertelfinale kommt, eine Partie zu entscheiden. Und Romelu Lukaku kommt jetzt offensichtlich auch ins Rollen, extrem gefährlich. Belgien ist ähnlich wie die Schweiz durchs Turnier gegangen – nicht spielerisch herausragend, aber sehr stabil, und hat sich vom ganzen Zirkus gegen die USA nicht aus der Ruhe bringen lassen. Vier Tore gegen den Gastgeber sind nicht schlecht. Gegen Spanien müssen sie aber noch eine Schippe drauflegen.

Johnny Hofer: Und Frankreich gegen Marokko ist für mich der absolute Kracher im Viertelfinale, in Foxboro bei Boston. Das vermeintlich Beste aus Europa gegen das zweifelsfrei Beste aus Afrika. So wenig die Franzosen anbrennen lassen, so ungewiss ist der Ausgang.

Harri Hofstätter: Rund ums Spiel ist es brisant, Frankreich gegen eine nordafrikanische Mannschaft ist immer brisant und wird medial hochkochen. Auf dem Platz sehe ich das auch so: Bei Marokko sind drei, vier, fünf Spieler, die mit dem Fußball, den die Franzosen bisher abgefackelt haben, auch spielerisch mithalten können. Es wird ein extrem emotionales, hitziges Spiel. Am Ende setzen sich trotzdem die Franzosen durch, sie haben die geballte Weltklasse und mit Deschamps für mich den besten Trainer der WM. Deswegen mein Tipp Frankreich – aber auch das Spiel wird extrem eng.

Johnny Hofer: Spannend auch, weil einige marokkanische Spieler französische Wurzeln haben, was ihr Aufwachsen betrifft. Einen zu nennen: Ayyoub Bouaddi, der Shooting Star im Mittelfeld von Lille, gesetzt, angeblich schon 50 Millionen wert und erst 18 Jahre alt. Den sehen wir erst ganz am Anfang seiner Karriere, der wird den Marokkanern noch viel Freude bringen.

Ausklang in New Orleans und Verabschiedung

Johnny Hofer: Das sind die Viertelfinal-Begegnungen, die wir uns natürlich alle anschauen. Wo wirst du das tun? Du bist jetzt in New Orleans – gehst du in einen Jazzclub?

Harri Hofstätter: Auf jeden Fall. Ich werde mit einem Raddampfer fahren, in einen Jazzclub gehen und hier einen Tag verbringen. Dann geht es weiter mit Amtrak Richtung Ostküste. Die Stationen werden Atlanta, Washington, D.C., Philadelphia und New York City sein. Ich hangle mich von der West Coast zur East Coast und schaue, dass ich rechtzeitig zum Finale an der Ostküste bin – aber da ist es noch lange hin. Die Spiele schaue ich mir entweder im Zug an, mit der Streaming-App auf dem Handy in Gemeinschaft mit den Reisegefährten, oder in den Städten. An der WM kommt man in den USA unmöglich mehr vorbei, in allen Städten, auch dort, wo nicht gespielt wird. Es ist ein richtig großes Thema, auch wenn die Amerikaner draußen sind.

Johnny Hofer: War das ein Stimmungsdämpfer im Hinblick auf die Relevanz des Turniers, dass die Amerikaner draußen sind?

Harri Hofstätter: Sicher ein Stimmungsdämpfer, aber auf dieser Stufe, im Viertelfinale, interessiert das wirklich jeden Sportfan in den USA, auch wenn das Gastgeber-Team draußen ist. So viel Sportsgeist und Fachwissen haben die Amerikaner schon, dass sie wissen: Jetzt ist das ein globales Ereignis mit globalem Interesse, und es wird dementsprechend behandelt.

Johnny Hofer: Dann bin ich gespannt, welche Eindrücke du weiter sammelst. Interrail für Fortgeschrittene, was du da machst – endlich erfüllt sich Harri Hofstetter seinen Interrail-Traum, und dazu noch auf einem völlig anderen Kontinent. Sehr vorbildlich auf Schiene, wobei es schon komisch ist, dass die Züge dort mit Diesel betrieben werden. Das verwundert mich.

Harri Hofstätter: Ja, auf Schiene sind noch einige Sachen so wie im vorigen Jahrhundert.

Johnny Hofer: Harri, herzlichen Dank wieder einmal für deine Eindrücke und deine Zeit. Ich wünsche dir weiterhin eine gute Reise. Wir hören uns nach dem Viertelfinale wieder. Das war's von uns – vielen Dank, dass ihr wieder dabei wart, fürs Zuhören und Zusehen. Alle Eindrücke vom Harri gibt es natürlich auch weiterhin auf Kicker.at zum Nachlesen. Harri, bis bald!

Harri Hofstätter: Ciao, ciao!

Johnny Hofer: Und wenn dir diese Folge gefallen hat, abonniere uns gerne und verpasse keine weitere Episode von Ohne Filter. Wenn du außerdem die Video-Episoden sehen möchtest, findest du unseren gesamten Katalog auf dem Canal+ YouTube-Kanal. Ohne Filter ist ein Canal+ Podcast, produziert von Pestbüro Digital. Ciao, ciao!