Ohne Filter – Folge 19

Das Halbfinale steht: Frankreichs Offensivwucht, Englands Hunger und das Ende einer goldenen Generation

Episodenbeschreibung

Die Viertelfinali sind geschlagen, die heiße Phase beginnt. Johnny und Harri – diesmal zugeschaltet aus Washington, D.C., wo er sich vor dem Weißen Haus nicht aufbauen durfte – sortieren eine Runde voller großer Momente: Mbappé in Traumform, Bellingham als Unterschiedsmacher, ein weinender Thibaut Courtois als Sinnbild für das Ende der belgischen goldenen Generation. Dazu die umstrittene Gelb-Rote nach VAR-Eingriff, die der Schweiz das Turnier kostete, und ein Public Viewing in Atlanta, bei dem 10.000 Leute den norwegischen Ruder-Jubel geübt haben. Wer holt den Titel? Beide legen sich fest. Abonniere Ohne Filter und lass eine Bewertung da.

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#19 Mbappés Traumform und das Ende einer Generation

Das erwartet dich in der Folge

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    Alles über Frankreichs Offensivwucht

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    Spanien vs Belgien: Ein WM Thriller

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    Wie Jude Bellingham England gerettet hat

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    Haalands Abschied

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    Prognosen zum Halbfinale

Transkript der Folge

Begrüßung aus Washington, D.C.

Johnny Hofer: Die Viertelfinali sind geschlagen, jetzt geht es endgültig in die absolut heiße Phase dieser Weltmeisterschaft. Damit hallo zur neuen Ausgabe von Ohne Filter, WM-Spezial. Und da ist natürlich wieder einer mit dabei: Harri Hofstetter, unser rasender Reporter vom Kicker. Servus – wo bist du mittlerweile angekommen?

Harri Hofstätter: Servus Johnny, guten Morgen aus Washington, D.C. Ich stehe hier vor dem Teich beim George Mason Memorial. In meinem Blickfeld liegt die Richtung Weißes Haus und Washington Monument – nur dort habe ich mich nicht aufbauen dürfen, da wurde ich des Feldes verwiesen. Deswegen habe ich mich hier vor dem George Mason Memorial aufgebaut.

Johnny Hofer: Zum Verständnis für alle: Das ist aber nicht der Teich, den Donald Trump mit neuer Farbe auskleistern hat lassen.

Harri Hofstätter: Nein, das ist wieder ein anderer. Aber vielleicht hat er mit dem auch noch etwas vor.

Johnny Hofer: Das ist natürlich die große Frage – der WM-Präsident, der nach wie vor nicht bei der WM aufgetreten ist, sich aber trotzdem schon fleißig eingemischt hat. All diese Themen werden wir heute nicht besprechen, so politisch der Fußball auch ist. Wir wollen über die abgelaufenen Viertelfinali sprechen. Harri, wie hast du diese vier Partien mitbekommen? Warst du da noch im Zug unterwegs, im Amtrak, oder hast du eines auch mal in einem Pub oder beim Public Viewing gesehen?

Public Viewing in Atlanta

Harri Hofstätter: Das coolste Public-Viewing-Erlebnis war am zweiten Viertelfinaltag in Atlanta. Und zwar im Centennial Olympic Park, der ja 1996 für die Olympischen Sommerspiele in Atlanta gebaut wurde. Da war ein riesiges Public Viewing, das FIFA Fan Fest von Atlanta – Atlanta ist ja auch Host City. Da waren um die 10.000 Leute drinnen, ziemlich beeindruckend, super Stimmung. Zuerst das Spiel der Engländer gegen Norwegen und dann am Abend die Argentinier. Da hat man richtig gemerkt: Atlanta als Austragungsstadt, als Host City, da ist noch viel mehr los als in den Städten, in denen das Turnier nicht gespielt wird. Das war richtig cool. Den ersten Viertelfinaltag habe ich im Zug erlebt, auf der Fahrt von New Orleans nach Atlanta. Das war wieder ein anderes Erlebnis, auch gut: von der App gestreamt, im Speisewagen, gemeinsam mit fünf, sechs anderen Fußballfans. War auch sehr cool.

Johnny Hofer: Atlanta hat ja durchaus einen Fußballbezug, weil Atlanta United ein erfolgreicher MLS-Club ist. Miguel Almirón zum Beispiel, der Paraguayer, spielt in Atlanta – der, noch einmal zur Erinnerung: „Player number 10, cover his mouth. Decision, red card.“ Der ist es gewesen.

Frankreich gegen Marokko: die Mbappé-Show

Johnny Hofer: Satteln wir das Ganze von vorne auf. Ich möchte mit dir über die ersten beiden Viertelfinali sprechen: Frankreich gegen Marokko, das Ganze hat in Boston stattgefunden. Eine sehr souveräne Angelegenheit der Franzosen, wie ich finde, mit Mbappé und Dembélé. Und natürlich eine große Geschichte: Kylian Mbappé, 20. WM-Tor im 20. WM-Spiel – diese Quote ist absolut unerreicht. Da ist er im Gleichschritt mit Lionel Messi unterwegs.

Harri Hofstätter: Ja, das war wieder ein Beispiel dafür, welche unglaubliche Offensivpower die Franzosen haben. Ich glaube, das ist der Punkt, der sie am meisten von den drei anderen Semifinal-Teams unterscheidet: dass sie im Angriff noch einmal nachlegen können und mit Mbappé einen haben, der bei dieser WM in absoluter Traumform agiert. Deswegen sind sie für mich – und das war schon vorher so – die Favoriten auf den Titel.

Johnny Hofer: Bei Mbappé ist noch zu erwähnen: Auch wenn er bei den WM-Toren im Gleichschritt mit Messi unterwegs ist, ist es erst seine dritte WM, und er ist erst 27 Jahre alt. Bei Messi ist es die sechste Endrunde. Das zeigt einfach, wie gut er im Trikot der Bleus ist. Interessant finde ich bei den Franzosen auch, dass Michael Olise noch immer ohne eigenen Treffer ist, aber schon sechs Assists abgeliefert hat. Da untermauert sich diese unpackbare Offensivpower.

Harri Hofstätter: Die ergänzen sich perfekt, und Deschamps hat im wahrsten Sinne des Wortes die Qual der Wahl. Der kann da ohne Ende aus dem Hut zaubern. Ich bin auch der Meinung: Der Sieger dieses Semifinal-Duells Spanien gegen Frankreich wird den Titel holen. Das sind für mich die zwei Mannschaften mit dem tiefsten, breitesten Weltklasse-Kader.

Spanien gegen Belgien: Merino to the rescue

Johnny Hofer: Du hast die Spanier schon angesprochen. Die hatten es mit einem extrem stark dezimierten Belgien zu tun. Am Ende haben sie sich in L.A. mit 2:1 durchgesetzt. Wieder einmal Mikel Merino, der von der Bank kam – Merino to the rescue. Wie schon im Achtelfinale gegen Portugal hat er jetzt gegen Belgien die goldene Generation endgültig in Rente geschickt, aller Voraussicht nach. Sinnbildlich dafür auch die Verletzung von Thibaut Courtois. Und dann hat es ins Bild gepasst, dass sein Ersatzmann, der eigentlich eine Supersaison im Clubfußball absolviert hat, sich beim Treffer von Merino auch noch anpatzt. Das 1:0 hat Fabián Ruiz erzielt, den Ausgleich dann Charles De Ketelaere kurz vor der Pause – da waren die Belgier richtig stark, finde ich. Aber Belgien war eben auch wirklich stark dezimiert: Amadou Onana ist ausgefallen – nicht André, das ist der Goalie, sondern Amadou – mit einem Kreuzbandriss, den er sich während des Turniers zugezogen hat. Und dann hat sich zusätzlich noch ihr Metronom im Mittelfeld beim Aufwärmen verletzt. Ich war eigentlich sehr überrascht von den Belgiern, wie gut die waren und wie sehr sie die Spanier gefordert haben. Ich sage es ehrlich: So um die 80. Minute war ich mir relativ sicher, dass diese Partie in die Verlängerung geht.

Harri Hofstätter: Es hat sehr stark danach ausgeschaut. Und es war natürlich extrem bitter für Courtois und auch für seinen Vertreter. Courtois hat ja schon geweint, als er rausgegangen ist – entweder ist ihm da schon im Kopf herumgegangen, was passieren könnte. Ich bin da voll bei dir: Die Belgier haben die Spanier bis zum letzten Quäntchen gefordert. Entscheidend war für mich, was für die letzte Viertelstunde von der spanischen Ersatzbank hereingekommen ist. Diese vier, fünf Wechsel waren einfach zu viel für Belgien. Da kommt die geballte Weltklasse für die letzten 15 Minuten aufs Feld, um dem Gegner den Rest zu geben. So war es dann auch – auch wenn es mit dem Tormannfehler extrem unglücklich war.

Johnny Hofer: Bei Thibaut Courtois war ja auch die Geschichte, dass er nach der Partie gesagt hat, er hätte schon noch fünf bis zehn Minuten spielen können, wenn er keine langen Bälle hätte schlagen müssen – er hat sich eine Oberschenkelverletzung zugezogen. Daraufhin hat der belgische Trainer gesagt, er habe von Anfang an die Prämisse gehabt, nur zu hundert Prozent fitte Spieler auf dem Platz haben zu wollen, und wollte nichts riskieren. Da kann man hinten raus noch ein bisschen herumargumentieren. Aber das Bild von Thibaut Courtois, der da völlig verheult auf der Bank sitzt, das hat für mich das Ende der belgischen goldenen Generation ziemlich zusammengefasst. Kevin De Bruyne 35, Romelu Lukaku 33, Courtois auch schon in seinen 30ern. Die werden aller Voraussicht nach in dieser Konstellation definitiv keine Weltmeisterschaft mehr spielen. Aber die Belgier haben extrem starke und spannende junge Spieler, die werden in den nächsten Jahren noch eine gewichtige Rolle spielen, das war für mich ein bisschen der Beweis dieser Partie.

Harri Hofstätter: Das ist auf jeden Fall zu erwarten. Und man muss auch sagen: Ehre, wem Ehre gebührt. De Bruyne hat in diesem Match gegen Spanien noch einmal eine Bombenleistung abgeliefert. Er hat das Tor mit einer Weltklasseaktion eingeleitet und war auch sonst extrem stark. Das war noch einmal ein Auftritt, der seiner hundertprozentig würdig war.

England gegen Norwegen: Bellingham übernimmt

Johnny Hofer: Und was die Belgier vor acht, neun Jahren waren, das sind gefühlt aktuell die Norweger: der Außenseiter-Tipp, der eben kein Außenseiter-Tipp mehr ist, weil die Mannschaft verdammt stark ist. Da hat auch reingespielt, dass sich die Norweger in den vergangenen Jahren nie für ein Großereignis qualifizieren konnten, obwohl der Kader schon gut war. Sie haben es in Miami mit den Engländern zu tun bekommen und erst nach Verlängerung das 1:2 kassiert. Nach der norwegischen Führung gab es den umstrittenen Ausgleich nach dem Abschlag des norwegischen Tormanns: Der Ball hat, auch wenn es nicht zugegeben wird, definitiv das Seil der Spidercam berührt, er ist strichgerade runtergefallen – und dann konnten die Engländer schnell umschalten. Die Bellingham-Show war die Konsequenz: sein erster Treffer, und in der Nachspielzeit hat er gleich nachgelegt. Jude Bellingham ist für mich einer der absoluten Superstars dieses Turniers. Sein zweiter Doppelpack beweist, dass er in der Debatte, wer aktuell der beste zentrale Mittelfeldspieler der Welt ist, definitiv nicht wegzudenken ist.

Harri Hofstätter: Das Spiel war überhaupt das Treffen der Offensivgranaten: Kane, Bellingham, Haaland. Das war beim Public Viewing im Centennial Park in Atlanta. Die Norweger haben im Laufe dieser WM wirklich die Herzen der Fußballfans weltweit erobert, vor allem auch die der Amerikaner. Ich würde sagen, mindestens 75 Prozent dieser 10.000 Leute im Park waren für Norwegen. Schon eine Stunde vor dem Spiel wurde das norwegische Rudern im Publikum geübt und durchexerziert, und dann auch während des Spiels immer wieder gemacht. Da war richtig anzumerken, wie gern sie es gehabt hätten, wenn der Underdog Norwegen noch bis ins Semifinale marschiert wäre. Aber wie du richtig gesagt hast: Bellingham war im Endeffekt der X-Faktor, der Unterschiedsmacher in dem Spiel. Und man hat bei ihm das Gefühl, dass er sich richtig freigeschwommen hat. Dieser Druck, der ihm in den letzten Jahren oft auferlegt wurde und dem er nicht immer gerecht geworden ist, der ist jetzt weg. Er wirkt befreit, und ich traue ihm auch fürs Semifinale zu, dass er dem wieder seinen Stempel aufdrückt.

Johnny Hofer: Was ich interessant gefunden habe: Thomas Tuchel war total unzufrieden mit der Leistung und dann sehr direkt. Jetzt kann man den Spieß natürlich umdrehen und sagen, Tuchel hat vielleicht nicht richtig aufgestellt in dieser Partie.

Harri Hofstätter: Ja, das wurde ihm in der englischen Presse aber lustigerweise nicht übel angekreidet, auch nicht von den Experten, Roy Keane und wie sie alle heißen. Die haben es sehr positiv interpretiert, dass Tuchel nicht zufrieden war, und sind der Meinung, dass er genau der Richtige ist. Und lustig auch, dass Bellingham gleich direkt Konter gegeben hat. Die Engländer stehen wieder, wie eigentlich immer, auch medial für viel Unterhaltung – irgendeine Geschichte gibt es immer. Aber sie wirken stabil und kompakt und für ihre Verhältnisse auch harmonisch. Vielleicht ist das ein Indiz dafür, dass es diesmal wirklich ganz weit gehen könnte und Football tatsächlich home kommt.

Argentinien gegen die Schweiz: die Schwalbe und der VAR

Johnny Hofer: Full disclosure: Ich würde es begrüßen. Aber du sagst ja, dass der Gewinner aus Spanien gegen Frankreich es machen wird. Dann gab es noch die Partie Argentinien gegen die Schweiz in Kansas City. Der Titelverteidiger konnte sie nach Verlängerung mit 3:1 gewinnen. Wie war da die Sympathieverteilung im Publikum?

Harri Hofstätter: Messi ist jetzt, nach dem Abschied von Ronaldo, praktisch der globale Superstar, der noch im Turnier verblieben ist. Und natürlich dreht sich auch in den USA vieles, wenn nicht alles, um Messi, wenn die Argentinier spielen. Da waren sicher mindestens 500 Fans mit Messi-Trikots unterwegs, auch in Atlanta. Das sieht man überall, auch beim Spiel der Österreicher gegen Argentinien. Es dreht sich alles um Messi. Und wenn man sich anschaut, wie sich die Argentinier in diesen drei K.-o.-Partien drübergekämpft haben – ob das ohne Messi möglich gewesen wäre, wage ich stark zu bezweifeln. Messi untermauert seine Ausnahmerolle auch auf dem Platz, nicht nur im Trikotverkauf. Aber gut, das ist keine Überraschung: Immer wenn man ihn gebraucht hat, war er da, und das ist auch bei dieser WM so.

Johnny Hofer: Er hat ja auch das 1:0 mit seiner Ecke auf Mac Allister aufgelegt. Dann konnten die Schweizer in ihrer stärksten Phase rund um die Stundenmarke ausgleichen. Aber dann, und darüber müssen wir auch sprechen, gab es fünf Minuten später diese durchaus umstrittene Gelb-Rote Karte nach VAR-Intervention. Das ist ja eine Neuerung, dass der VAR da eingreifen kann – die Argumentation war „mistaken identity“, also wenn es um die falsche Spieleridentität geht. Zunächst gab es nämlich die Gelbe Karte für Paredes, gefallen ist aber Embolo. Und dann hat sich herausgestellt: Das war einfach eine Schwalbe. Ich verstehe nicht ganz, warum man sich vom Tor wegbewegend theatralisch zu Boden schmeißt, so wie es Embolo gemacht hat. Eine irrsinnig blöde Schwalbe. Und dann war es um die Schweiz geschehen. Wie ist das aus deiner Sicht diskutiert worden? In der Schweiz ist die Aufregung natürlich riesig, der VAR mache den Fußball kaputt – zumal die Schweizer in dieser Partie richtig gut dabei waren.

Harri Hofstätter: Aus meiner Sicht: Ich habe die Riesenaufregung natürlich verstanden, weil die Schweizer ausgeschieden sind, und klar gibt es da Kontroversen. Aber für mich war es hundertprozentig die richtige Entscheidung. Das war eine lupenreine Schwalbe, noch dazu, wie du richtig sagst, eine richtig dumme, die ich überhaupt nicht verstanden habe. Und ich finde: Wenn es diese Regel gibt und man den VAR dafür nutzen kann, diese Entscheidung zu treffen, dann soll das auch so sein. Sie war zu hundert Prozent richtig.

Johnny Hofer: Zugemacht haben es dann Julián Álvarez mit einem wirklichen Traumtor – der hat perfekt ins Kreuz gezielt – und Lautaro Martínez in der Nachspielzeit der Verlängerung zum 3:1. Die Schweiz hat aber definitiv gezeigt, auch in dieser Partie: Sie ist in der Gesamtentwicklung des Nationalteams, in der Kaderbreite und auch bei den Spitzenspielern einfach weiter als Österreich. Das war eine absolute Reifeprüfung der Schweizer, die sich durch eine dämliche Aktion um noch größere Chancen gebracht haben – weil sie die Argentinier richtig in der Hand gehabt haben, finde ich.

Harri Hofstätter: Ja, die waren extrem knapp dran. Und generell war Argentinien in allen drei K.-o.-Partien wirklich extrem knapp am Ausscheiden. Am Ende hat sich auch in diesem Duell einfach die breitere, tiefere Weltklasse im Kader durchgesetzt. Denn wie du richtig sagst: Wenn Messi nicht seinen hundertprozentig besten Tag erwischt, gibt es noch drei, vier, fünf andere im argentinischen Kader, die im entscheidenden Moment da sind und traumhafte Tore schießen können – die in jedem anderen Team die Superstars wären, bei Argentinien aber nicht, weil es eben den Messi gibt. Und am Ende bleiben die vier großen Mannschaften über, die in diesen Viertelfinal-Duellen auch als Favoriten in die Partie gegangen sind. So ist es oft bei einer WM: Für die vermeintlich kleineren Teams, für die Underdogs, geht es bis zu einem bestimmten Schritt – und das ist meistens das Viertelfinale. Dann ist es einfach zu viel.

Die Halbfinal-Prognosen

Johnny Hofer: Jetzt haben wir die zwei Halbfinal-Paarungen, wir haben schon ein bisschen darüber gesprochen: Morgen, am Dienstag, gibt es Frankreich gegen Spanien, am Mittwoch folgt England gegen Argentinien. Du hast gesagt, der Gewinner aus Frankreich gegen Spanien wird sich die WM-Krone aufsetzen. Aber wer kommt weiter?

Harri Hofstätter: Ich würde sagen Frankreich. Wie wir vorher besprochen haben: Diese Offensivkraft, diese Durchschlagskraft und auch die Kreativität, die sie im Angriff rund um den Sechzehner entwickeln, ist einfach unglaublich. Und sie haben den Spieler schlechthin im Abschluss bei dieser WM, der sensationell drauf ist: Mbappé. Wenn der so weitermacht und auch alle rund um ihn herum, kann ich mir schwer vorstellen, dass die Spanier dieser Power standhalten, auch wenn sie bis jetzt stabil in der Defensive waren. Also ich sage Frankreich.

Johnny Hofer: Es sagt auch einiges aus, dass die Partie zweimal durch Mikel Merino entschieden werden musste. Und es sagt ein bisschen etwas über die nicht hundertprozentig perfekte Matchfitness aus, zum Beispiel bei Lamine Yamal, der ein bisschen unter dem Radar läuft. Der hat schon seine Momente, der ist einfach Weltklasse, das ist ganz klar. Aber er war aus meiner Sicht noch nicht der absolut entscheidende X-Faktor bei den Spaniern.

Harri Hofstätter: Den Stempel, den man sich von ihm erwarten könnte, hat er dieser WM noch nicht aufgedrückt. Was aber nichts heißen muss, weil er das in den zwei verbleibenden Spielen theoretisch noch machen kann – das wäre nicht ganz unrealistisch. Aber ich glaube, es wird für die Spanier Endstation sein. Und wenn es so wäre, ist das ganz sicher nicht die WM von Yamal gewesen.

Johnny Hofer: Lamine Yamal ist ja noch immer ein Teenager, das darf man nicht vergessen, wenn man sieht, was der in diesem Alter schon abgerissen hat. Der ist am 13. Juli 2007 geboren – zu diesem Datum hatte Lionel Messi schon eine WM in den Beinen. Das ist immer ein bisschen zum Einordnen, weil man von Yamal eigentlich Woche für Woche Weltklasseleistungen erwartet. Und er ist einfach noch immer ein Bub, so ehrlich müssen wir sein.

Johnny Hofer: Zum zweiten Halbfinale, England gegen Argentinien: Ich sage, dieses Hindurchwurschteln der Argentinier ist jetzt vorbei. Außer sie werden, warum auch immer, ins Finale getragen. Ich kann es mir nicht vorstellen, dass Argentinien gegen England ins Finale kommt. Es wäre komisch, wenn eine Mannschaft, die selten richtig brillant spielt und Spiele überhaupt nicht dominiert, das schafft. Gut, das kann man natürlich sagen, das hat es in der Vergangenheit auch schon oft genug gegeben, und vor vier Jahren war es in Wahrheit auch so, dass Argentinien die Gegner nicht überrannt hat. Aber ich sage trotzdem: England geht ins Finale.

Harri Hofstätter: Gäbe es nicht die Nummer 10 bei Argentinien, und würde die nicht Lionel Messi heißen, wäre ich zu hundert Prozent bei dir – so bin ich zu achtzig Prozent bei dir. Ich sage auch, England wird ins Finale kommen. Aber Messi ist eben der Faktor, der alle Prognosen mit einem Schlag über den Haufen werfen kann. Ich würde aber auch meinen: Jetzt haben die Argentinier dreimal wirklich Glück gehabt und sind aus den unterschiedlichsten Gründen irgendwie drübergekommen. Gegen England ist es jetzt vorbei. Die Engländer sind sehr stark und kommen mir extrem hungrig auf diesen Titel vor. Irgendwie habe ich das Gefühl, alle im englischen Team haben diesen Spirit: Heuer ist es so weit. Ich sage, sie kommen ins Finale.

Johnny Hofer: Aber du sagst, dann ist Endstation. Im Finale wäre auch der gesperrte Spieler wieder spielberechtigt, der nach der Roten Karte im Achtelfinale eine Zwei-Spiele-Sperre ausgefasst hat. Das heißt, Thomas Tuchel muss auch wieder ein bisschen improvisieren. Er hat aber gezeigt, dass er beim In-Game-Coaching sehr viel Flexibilität und Anpassungsvermögen beweisen kann. Das ist lobend hervorzuheben, auch wenn es da ein paar Reibereien gegeben hat, über die wir schon gesprochen haben.

Ausblick auf New York und Verabschiedung

Johnny Hofer: Harri, jetzt haben wir es: Du hast dich festgelegt, du sagst, die Franzosen werden Weltmeister. Ich warte noch die Halbfinali ab. In meinem tiefsten Inneren wünsche ich mir natürlich einen zweiten englischen WM-Triumph – 60 Jahre später, das würde von der Zeit her ganz gut passen, dann könnten sie eine diamantene Hochzeit mit dem ersten WM-Titel feiern. Wäre eine schöne Geschichte. Aber die Favoriten sind, und da gehe ich mit dir mit, ganz klar im anderen Halbfinale beheimatet. Wir besprechen das Ganze dann am Freitag, bevor es Richtung Finale geht. Wo bist du dann unterwegs?

Harri Hofstätter: Ich bin dann schon in New York City. Ich werde drei Tage vor dem Finale mit dem Zug in New York City ankommen, habe dann West Coast bis East Coast mit den Amtrak-Zügen praktisch erledigt und freue mich extrem auf die Atmosphäre im Big Apple. New York ist sowieso immer ein Wahnsinn, aber ich glaube, rund um das WM-Finale wird das richtig groß. Darauf freue ich mich sehr. Mal schauen, welche coolen Locations es da gibt, wo man sich die Semifinal-Spiele und auch das Finale anschauen kann.

Johnny Hofer: Es gibt ja das RAAM, das Race Across America, wo Sportler mit dem Rad durch Amerika fahren. Du hast das quasi auch gemacht und bist schon fast am Ziel. Lass uns noch ganz kurz, bevor wir zumachen, etwas ansprechen, das wir völlig außen vor gelassen haben: Du bist in Washington. Ist in Washington außerhalb der politischen Monumente irgendetwas von dieser Weltmeisterschaft zu spüren, oder geht das da alles ein bisschen unter?

Harri Hofstätter: Ich muss ganz ehrlich sagen: gar nicht. Ich war noch nicht in der ganzen Stadt unterwegs, aber man merkt wirklich deutlich den Unterschied, ob es eine Host City ist oder nicht. Atlanta als Host City war von der WM geprägt – optisch, akustisch, atmosphärisch. New Orleans, wo ich vorher war, keine Host City, sehr weit weg von der WM, da hat man eigentlich gar nichts gespürt. Und auch hier in Washington ist es so: In den Städten, wo gespielt wird, ist viel los, da dreht sich vieles um die WM. In den anderen Städten spielt der Fußball eine untergeordnete Rolle im täglichen Leben.

Johnny Hofer: Dann hoffen wir, dass du uns aus New York noch einen tieferen und spannenderen Einblick geben kannst. Wir wünschen dir eine gute weitere Zugfahrt – so lange ist sie ja zum Glück nicht mehr, verglichen mit dem, was du schon hinter dich gebracht hast. Ich bin gespannt, was du uns am Freitag alles erzählen kannst. Danke, Harri!

Harri Hofstätter: Sehr gerne, hat mich gefreut.

Johnny Hofer: Und wenn dir diese Folge gefallen hat, dann abonniere uns gerne und verpasse keine weitere Episode von Ohne Filter. Wenn du außerdem die Video-Episoden sehen möchtest, findest du unseren gesamten Katalog auf dem Canal+ YouTube-Kanal. Ohne Filter ist ein Canal+ Podcast, produziert von Pestbüro Digital.