Ohne Filter – Folge 22

Gregoritsch: „Wir waren die größten Idioten“

Episodenbeschreibung

Ohne Filter ist zurück. Zum Auftakt der zweiten Staffel bleiben Johnny Hofer und Michael Gregoritsch unter sich – und reden über die Wochen, die alles verändert haben. Eine WM in den USA, eine Gruppe mit beiden Finalisten, eine Schlacht mit Handshake und diese eine Minute, in der Gregoritsch innerlich schon draußen war. Er erzählt, warum ihm ein Assist mehr bedeutet als ein eigenes Tor, wie aus Team Ronaldo plötzlich Team Messi wurde, was Patrick Wimmer im Training nicht durfte und warum ein getauschtes Trikot nichts fürs Freibad ist. Dazu Jetlag, Golf und drei sehr ehrliche Wochen ohne Profi-Standard.

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#22 Gregoritsch: „Wir waren die größten Idioten“

Das erwartet dich in der Folge

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    Ohne Filter kommt zurück aus der Sommerpause

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    Fehler und Erfolge Österreichs in der WM 26 hautnah

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    Wie ein Profi nach dem Turnier runterkommt

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    Warum Assists manchmal mehr Wert haben als Tore

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    Über Politik im Spiel

Transkript der Folge

Zurück aus der Sommerpause

Johnny Hofer: Wir sind zurück aus der Sommerpause. Ohne Filter startet in die zweite Staffel – und heute machen wir es einmal ganz intim, in kleiner Runde: nur der Gregerl und ich. Servus Gregerl, und schön, dass wir es wieder aus der Sommerpause herausgeschafft haben.
Michael Gregoritsch: Servus Johnny, so ist es. Wir sind wieder zusammen. Wir hatten eine kurze Pause, die uns beiden gutgetan hat – und jetzt sind wir wieder voll da.

Johnny Hofer: Du stehst ja jetzt eigentlich schon komplett vor dem Beginn der neuen Saison. Bist du bereit, nach allem, was passiert ist, wieder voll in die neue Saison hineinzustarten?

Michael Gregoritsch: Ja, es ist ehrlicherweise dieses Hamsterrad, in dem man drinnen ist und das man jetzt auch schon Jahre kennt. Es ist Gott sei Dank auch schon das dritte Turnier, nach dem ich wieder in eine Saison einsteige. Diesmal habe ich deutlich länger Urlaub gehabt und ein bisschen weniger Vorbereitung. Deswegen fehlt da natürlich noch einiges, damit es in die Saison hinein funktioniert. Aber an und für sich hat der Urlaub sehr gut getan, und jetzt bin ich voller Vorfreude und Tatendrang auf die nächste Saison.

WM-Rückblick: Stolz und Unvollendet-Sein

Johnny Hofer: Dann fangen wir ganz am Anfang an, beim Sommer. Da ist etwas passiert in den USA. Wir haben uns ab und zu gehört, du hast uns immer wieder etwas geschickt aus dem Teamcamp rund um das Turnier. Wie schaust du mit ein bisschen Abstand auf die Zeit in den USA zurück?

Michael Gregoritsch: Einerseits mit einem weinenden Auge – vor allem, weil ich das Gefühl gehabt habe, dass wir ein bisschen Lospech gehabt haben mit den beiden Finalisten, und andererseits auch nicht ganz an unser Maximum gekommen sind von der Leistung her. Das hat so ein bisschen dieses Unvollendet-Sein in mir hinterlassen. Andererseits jede Menge Freude und Stolz über das, was wir dort erlebt haben. Das waren wirklich sehr, sehr intensive, coole Wochen.
Es war die erste Weltmeisterschaft für Österreich im neuen Jahrtausend. Wir haben auf jeden Fall alles gegeben, das kann ich versprechen. Wir haben versucht, unser Land stolz zu machen – und aufgrund der Rückmeldungen der Fans, die ich persönlich bekommen habe, haben wir das auch geschafft. Wir haben ein cooles Turnier gehabt, mit vielleicht diesem Schönheitsfleck, dass wir dann doch relativ chancenlos im Sechzehntelfinale ausgeschieden sind.

Zeitverschiebung und Turnieralltag

Johnny Hofer: Das ist einmal die Weltmeisterschaft – eine Europameisterschaft hast du ja schon gekannt. Was hat dich an dieser WM am meisten überrascht?

Michael Gregoritsch: Vom Grundsatz her ist ein Turnier relativ ähnlich. Was ein bisschen schade war, war die Zeitverschiebung. Das hat mir persönlich wehgetan, weil du dieses Turniergefühl nicht ganz mitbekommst. In der Früh, wenn du trainierst, ist ja meistens schon das erste Spiel gewesen – entweder zehn oder zwölf Uhr unserer Zeit. Damit verpasst du jeden Tag einmal ein Spiel komplett, und beim zweiten verpasst du zumindest die Halbzeit, weil du noch rund ums Training bist oder vielleicht beim Mittagessen sitzt.
Klar, da ist dann eine Leinwand aufgebaut, wo die Spiele laufen, aber das ist natürlich schade. Bei den Europameisterschaften ist das anders: Da trainierst du am Vormittag und könntest am Nachmittag wirklich jedes einzelne Spiel schauen. Ob du das dann immer machst, ist noch einmal eine andere Frage. Aber das war ein bisschen schade, weil durch diese Zeitverschiebung von Westen nach Osten schon einiges verloren gegangen ist.

Johnny Hofer: Wie viel hast du dort geschaut? Du hast es angesprochen – nicht alle Spiele. Aber hast du sonst alles geschaut, was man hätte schauen können?

Michael Gregoritsch: Zumindest die Abendpartie habe ich immer geschaut, das war dann die Nachtpartie in Österreich. Die Nachmittagspartien nicht immer, teilweise hat man dann auch einfach etwas anderes zu tun. Ich will ja auch einmal rauskommen und nicht nur im Hotelzimmer oder in der Players Lounge sitzen und Spiele anschauen. Deswegen war es diesmal ein bisschen anders als bei den Europameisterschaften – einfach aufgrund der Größe des Landes. Das ist aber kein negativer Vorwurf.

Teamcamp, Santa Barbara und ein Abstecher nach L.A.

Johnny Hofer: Wie viel hast du außerhalb dieser Blase gesehen? Vielleicht muss man da gar nicht entfliehen, weil die Stimmung im Team gut ist. Aber wie viel abseits des Teamcamps, des Hotels, des ganzen Tagesablaufs hast du überhaupt mitbekommen?

Michael Gregoritsch: Schon einiges. Man hat immer wieder Zeit gehabt, seine privaten Dinge zu machen. Allein schon im Hotel – das war ein Riesenresort. Ganz oben war so ein Markt, wo es einen guten Kaffee gegeben hat und eine kleine Bäckerei. Wir haben einen Strandzugang gehabt und einen Golfplatz relativ nah, den ich während des Turniers dann aber weniger genutzt habe, weil es um Regeneration und andere Dinge gegangen ist.
Aber das Stadtzentrum von Santa Barbara war 15, 20 Minuten weg. Das heißt, es hat schon Möglichkeiten gegeben, für ein, zwei Stunden dem Ganzen zu entkommen. Dort war auch das mit Abstand beste Burgerlokal, in dem ich je einen Burger gegessen habe. Das haben wir ein, zwei Mal genutzt – am Tag nach dem Spiel geht es ja auch darum, die Kalorien wieder aufzufüllen. Der Mensch in uns Nationalspielern kommt also nie zu kurz. Und das ist ja das Wichtigste, damit der Spieler dann funktioniert.

Land und Leute – und die politischen Nebenschauplätze

Johnny Hofer: Welchen Eindruck hast du vom Land, von den USA, mitgenommen? In der großen Rundum-Berichterstattung ist es durchaus gemischt geblieben: Auf der einen Seite ist sehr viel Positives hervorgekehrt worden, auf der anderen Seite hat es diese ganzen sportpolitischen Nebenschauplätze gegeben und dieses Geschmäckle, das übrig geblieben ist. Was ist für dich von den USA übrig geblieben?

Michael Gregoritsch: Grundsätzlich: Die Menschen waren außergewöhnlich nett. Der eine sagt, das ist oberflächlich – aber wenn mich jemand wirklich fragt, woher ich komme, was ich da mache, ob die Familie da ist, dann verwässert dieses Oberflächliche für mich ein bisschen. Wenn mich jemand diese eher privaten Dinge fragt, dann ist es für mich nicht mehr oberflächlich. Und es hat extrem Spaß gemacht, sich mit den Leuten zu unterhalten. Sie haben nicht immer totale Ahnung gehabt vom Fußball, aber sie waren dann sofort totale Fans und haben gesagt: Ja, dann müssen wir Österreich schauen, wie cool, und Team USA und was weiß ich. Die Personen, mit denen wir zu tun gehabt haben, auch das Hotelpersonal, das war wirklich durchgehend positiv. Die haben sehr viel Spaß gehabt mit uns, ich habe sehr viel Spaß gehabt mit ihnen. Das hat auf jeden Fall einen positiven Eindruck hinterlassen. Wir sind ja zwölf Tage vor dem Turnier schon dort gewesen. Das heißt, wir hatten einmal Zeit, nach L.A. zu fahren, das war zwei Stunden weg. Ich war auch noch nie dort – ein sehr, sehr cooler Vibe. Da hat es Dinge gegeben, wo wir dann einfach wie Touristen Fotos und Videos gemacht haben. Wir waren natürlich alle einmal am Venice Beach und haben uns den Muscle Beach angeschaut. Den stellt man sich vielleicht einen Tick großartiger vor, als er ist, aber es ist trotzdem cool anzuschauen.

Johnny Hofer: Da muss ich dich fragen: Am Muscle Beach hast du natürlich auch geflext, oder?

Michael Gregoritsch: Dort habe ich geflext, natürlich. Dort habe ich mein Leiberl ausgezogen und gesagt: bitte nicht, ich will ja nicht, dass die anderen eingeschüchtert sind. Nein, Spaß. Aber ich habe L.A. sehr genossen. Ich muss sagen, ich bin ein Riesenfan geworden von der Stadt, weil sie dieses Südliche mit den Palmen gehabt hat, aber trotzdem einen coolen Flair. Die Menschen waren gut angezogen, sportlich, haben sich gesund ernährt – das hat mir gut getaugt. Das war sehr, sehr positiv. Die ganzen anderen Dinge, diese politischen Dinge, haben mir natürlich nicht gefallen. Das hat angefangen mit dem Schiedsrichter, der nicht einreisen durfte, und mit den Iranern, die jedes Mal maximal zum Spiel einreisen durften und dann wieder rausmussten. Das hat mir persönlich wehgetan – auch, dass wir ihnen dann vielleicht nicht geholfen haben, weil sie mit einem Sieg noch im Turnier geblieben wären. Das funktioniert so nicht bei einer Fußball-Weltmeisterschaft. Ein Land kann Einreisebedingungen haben, wie es will, da gibt es sicher mehrere Gründe, und es steht mir auch nicht zu, das zu bewerten, weil ich geschichtlich nicht so vertraut bin damit. Gleichzeitig darf es nicht sein, dass eine Mannschaft oder ein Schiedsrichter, die sich sportlich für dieses Turnier qualifiziert haben, dann irgendwie benachteiligt werden. Das ist ein ganz klarer Nachteil – erstens sportlich, und zweitens menschlich ist es fürchterlich.

Der größte Moment: der Assist zum Tor von Sascha

Johnny Hofer: Du hast das Sportliche angesprochen, du hast schon ein bisschen über die sportliche Bilanz geredet. Was war für dich – ich glaube, es ist ein bisschen erwartbar – der sportlich größte Moment dieser WM?

Michael Gregoritsch: Ja, das war selbstverständlich das Tor von Sascha. Das sehe ich persönlich auch von den Emotionen her, vom Moment her: In dem Moment habe ich das fast höher eingeschätzt als mein Tor damals gegen Bosnien. Ich habe wirklich diesen Assist gegeben und mir gedacht: Das gibt's ja nicht. Ich habe Tränen in den Augen gehabt auf dem Platz, weil mir das so viel bedeutet und so viel Erleichterung gegeben hat.
Da war keine zweite Chance mehr. Gegen Bosnien hätten wir im Notfall eine zweite Chance gehabt im März, und es waren auch noch 15 Minuten zu spielen. Da hätte noch viel passieren können. Das war einfach der letzte Moment zu überleben. Ich glaube auch, dass das Team daran zerbrochen wäre. Ich glaube, dass die österreichische Nationalmannschaft nicht mehr dieselbe gewesen wäre, wie sie es jetzt im September ist, wenn es so ausgegangen wäre und wir verloren hätten.

Messi, der GOAT

Michael Gregoritsch: Gleichzeitig – ohne diese typische Antwort zu geben: Wenn mir jemand gesagt hätte, ich habe ein Foto, auf dem ich den Lionel Messi attackiere, bei einer Fußball-Weltmeisterschaft … Das ist das Bild meiner Karriere, das werde ich mir auch noch ausdrucken. Du hast gesagt, die Wohnung ist nicht so schön eingerichtet – das wird sich anpassen, das wird sich verändern. Aber das kann ich dir versprechen: Dieses Bild wird riesengroß in meine Wohnung kommen. Natürlich kann man sagen: Wir haben gegen ihn verloren, wie kannst du so über ihn reden? Ja. Aber er ist eine Ziege – er ist der GOAT. Der kleine Mann hat, um das Jugendwort zu verwenden, richtig Aura. Er ist ein Wahnsinnsfußballer. Ich war lange Zeit Team Cristiano Ronaldo, und allerspätestens seit der WM, wo wir gegen ihn gespielt haben und ich gesehen habe, dass der Typ einen Magneten im Fuß hat, bin ich hundertprozentig Team Messi. Und meinen Enkeln und meinen Kindern, die es hoffentlich geben wird, werde ich auf jeden Fall dieser nervige alte Mann sein, der von Lionel Messi spricht, den keiner mehr kennt. Aber mir soll niemand erzählen, dass es jemals einen Besseren gegeben hat als ihn.

Johnny Hofer: Der Beste.

Michael Gregoritsch: Ja, jetzt kann man ja darüber reden: Wir haben das trainiert. Der Patrick Wimmer hatte die Anweisung, er darf nicht zurücklaufen. Er musste zurückspazieren, damit man quasi den Messi simuliert. Und es war ganz skurril, weil du denkst: Das gibt's ja nicht. Und es ist so – er rennt nicht zurück. Aber er hat ein bisschen begonnen zurückzulaufen, nachdem er den Elfmeter verschossen hat und gemerkt hat, wir könnten ihnen gefährlich werden. Deswegen soll mir keiner erzählen, dass sie uns unterschätzt hätten: Spanien und Argentinien haben uns sehr ernst genommen, das hat man gemerkt auf dem Feld.
Johnny Hofer: Aber wie habt ihr den Patrick Wimmer wieder runtergekriegt, nachdem er die Anweisung gekriegt hat, dass er im Training …

Michael Gregoritsch: Das war natürlich ein Running Gag, aber es war extrem lustig, weil es wirklich die Anweisung war: Wimsi, du darfst nicht zurücklaufen, du gehst zurück.
Die Schlacht gegen Argentinien

Die Schlacht gegen Argentinien

Johnny Hofer: Von der Partie ist mir vor allem eine Sache in Erinnerung geblieben: dein kleines Privatduell mit Romero. Das war für mich der Moment des Matches – zuerst kommst du nicht drüber, und dann setzt du einen richtig schönen Einsteiger nach. Da bin ich vor dem Fernseher gesessen und habe mitgefiebert: Wie zach ist das gegen so eine Rüpeltruppe? Das sind ja richtige Halunken. Da dann auch noch zu bestehen – das hast du ja auch nicht ständig, dass du solche Hundlinge als Gegner hast.

Michael Gregoritsch: Genau, und das ist sehr, sehr lustig. Wir haben das Spiel um 12 Uhr Ortszeit gehabt. Und ich bin wirklich den Tag davor, ab 16, 17 Uhr, in einen Modus gegangen, wo ich sage: Okay, ich weiß, morgen wird es sehr hart, aber ich will dagegenhalten. Mein Spiel lebt ja davon, dass ich sehr viel lache auf dem Feld und viel Spaß habe. Aber ich habe gewusst, ich muss auch in diesen anderen Modus schalten.
Das hat mir dann gut hineingepasst: Ich hatte vorher schon einen Pressball gegen De Paul, wo ich ihm das Knie aufgeschlagen habe. Dann habe ich auch noch den Ball, den Molina abschießt, vor unsere Trainerbank bekommen. Da sind mir dann auch diese Schimpfwörter ausgekommen, die ich in der deutschen Bundesliga niemals verwenden würde – ich kann ja ein bisschen Spanisch. Nachdem er mich zerlegen wollte und mit dem Ellbogen in den Hinterkopf gesprungen ist – da hat es eine kleine Vorgeschichte gegeben, wo er sich umdreht und mir quasi zeigt, ich soll ihm jetzt einmal eine geben –, hat er mich beschimpft und nicht gewusst, dass ich Spanisch kann. Was er gesagt hat, kann ich hier nicht sagen, aber er hat mich sicher nicht gefragt, wie das Wetter in L.A. ist. Daraufhin habe ich ihm auch eine gegeben.

Johnny Hofer: Was hast du gesagt?

Michael Gregoritsch: Ich habe ihn auch nicht gefragt, wie das argentinische Grillfleisch so ist. Da ist es dann schon eher Richtung vulgäre Sachen gegangen. Aber was ich sagen muss – das habe ich dann doch auch cool gefunden, deswegen habe ich sie eigentlich auch sehr lange im Turnier unterstützt: Während des Spiels war Schlacht, das war eine richtige Schlacht. Und nach dem Spiel hat es einen Handshake gegeben.
Ich hätte es mir noch ein bisschen freundlicher gewünscht, vor allem, weil sie gewonnen haben. Aber sie haben die Hand gegeben, jeder ist auf jeden zugekommen. Ich weiß nicht, wie es ausgeschaut hätte, wenn das Spiel unentschieden ausgegangen wäre oder wenn wir gewonnen hätten. Aber in dem Fall war es so, dass sie hinten raus zumindest wertgeschätzt haben, dass wir dagegengehalten haben. Und ich finde, wir haben dagegengehalten.

Johnny Hofer: Und nachher soll dann keiner mehr eine geben.

Michael Gregoritsch: Ich muss wirklich sagen: Während des Finales war lange Zeit der Punkt, wo ich gesagt habe, ich wünsche mir, dass sie gewinnen. Weil was sie schon gehabt haben: von den 26 Spielern, die im Kader waren, für diesen einen, der die Nummer 10 anhat … So viele Trikots von einem Spieler in einem Stadion gibt es, glaube ich, gar nicht woanders. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Cristiano Ronaldo ein Stadion füllt und jedes Portugal-Trikot mit Ronaldo und der 7 bedruckt ist. Bei Argentinien hat wirklich jeder ein Messi-Trikot mit der 10 an. Und die, die es nicht anhaben, sind Familienmitglieder von den anderen gewesen. Ich glaube wirklich: Wenn du in dieser Kabine aufgestanden wärst und gesagt hättest, von euch 25 müssen fünf für 20 Jahre ins Gefängnis gehen, damit er noch einmal Weltmeister wird, dann stehen 24 auf, und der 25. ist schon auf dem Weg ins Gefängnis und sagt: Ja, ja, kein Problem. Deswegen habe ich das sehr bewundert.
Gleichzeitig war es im Finale einfach viel zu viel. Ich bin richtig wütend geworden auf der Couch. Ich habe das Finale allein angeschaut, weil ich von den zwei Vortagen sehr müde war, Freitag, Samstag. Ich war brennheiß. Ich war so wütend auf diese Argentinier, weil es nur mehr darum gegangen ist, den anderen zu verletzen. Und das hat nichts mehr zu tun gehabt mit der Qualität, die sie eigentlich haben.

Trikottausch mit Tücken

Johnny Hofer: Das hat sich ein bisschen so entwickelt, dass es gefühlt immer ruppiger geworden ist, je weiter sie im Turnier gekommen sind. Ich würde noch auf ein anderes Thema kommen, das auch für ein bisschen Spekulation gesorgt hat: Wer hat denn eigentlich das Messi-Trikot von euch bekommen? Oder hat er fünf mitgehabt?

Michael Gregoritsch: Er hat viele mitgehabt. Ich glaube, ich bin gescheit gewesen: Ich habe mir gedacht, ich frage nicht den Messi, weil da schon davor mehrere auf dem Feld waren, die ihn gefragt haben. Ich habe dann den Rodrigo De Paul gefragt. Ich finde, er ist ein geiler Spieler, ich bin auch ein Fan gewesen von Atlético Madrid an und für sich, und ich finde ihn ganz cool. Also bin ich hin und habe ihn auf meinem rudimentären Spanisch gefragt, ob ich sein Trikot haben kann. Er sagt: Ja, ja, sicher, sí, claro. Geht zurück in die Kabine, kommt raus, gibt mir das Trikot, Handshake – ich denke mir: geil. Und dann hat mir der Hundling einfach ein Fanshop-Trikot gegeben. Und das Schlimmste: Es hat Größe L, und ich brauche XL. Das heißt, es ist nicht einmal ein Fanshop-Trikot, das ich anziehen kann. Das ist das Traurige daran. Ihr erinnert euch, der Arjen Robben hat damals bei Bayern immer diese hautengen Adidas-Trikots angehabt – so schaut das bei mir aus.
Johnny Hofer: Also nichts fürs Freibad, nichts fürs Freibad. Das ist natürlich hinterfotzig. Hast du in den anderen Spielen auch getauscht?

Michael Gregoritsch: Nein. Ich habe kurz überlegt gegen Jordanien, da habe ich dann aber selber nicht gespielt. Und da hat mich dann lustigerweise ein Videoanalyst von Jordanien gefragt, ob er mein Trikot haben kann. Das habe ich ihm dann gegeben. Den Rest … die Trikots von der WM habe ich meinen Freunden und meiner Familie gegeben. Gegen Argentinien war es eher so, dass es kurz vor einer Eskalation gewesen ist.

Johnny Hofer: Und du hast dafür die Trainingswäsche gekriegt.

Michael Gregoritsch: … dass ich meine Trikots von unserer Mannschaft behalten habe. Und gegen Spanien war ich so heiß, weil uns die Hunde so deppert haben ausschauen lassen. Ich habe mir gedacht: Sie sollen sich über die Häuser hauen. Im Nachhinein habe ich es ein bisschen bereut. Ich habe den Cubarsí oder den Laporte oder den Rodri als relativ direkten Gegenspieler gehabt – Rodri wäre natürlich schon geil gewesen, der hätte auch die richtige Größe gehabt. Aber die waren auch so schnell weg, und ich wollte mich dann auch nicht bei der Kabine anstellen. Da hatte ich nach dem Spiel andere Sachen im Kopf.

90+6: „Wir sind raus“ – und dann doch nicht

Johnny Hofer: Das verstehe ich. Wir müssen noch ein bisschen über dieses Algerien-Spiel sprechen, vor allem über die Schlussphase. Ein bisschen haben wir es schon angerissen, aber da passiert das, was eigentlich niemand mehr für möglich gehalten hat. In Österreich war es knapp vor sechs Uhr, ich bin immer wieder weggeschlummert zu dem Zeitpunkt. Ich erzähle es dir kurz aus meiner Sicht, wie es einfach gewesen ist. Dann hat der Mahrez eine Idee, und niemand versteht eigentlich, warum er diese Idee hat. Und ich sitze da, und es ist nicht nur mir, es ist jedem das Ladl runtergefallen. Ich habe mir gedacht: Das gibt's nicht, das kann nicht sein. Und das hat sich ewig angefühlt, dieser Moment, bis dann wieder angekickt worden ist und man realisiert hat: Ja, es geht noch, ein bisschen Zeit ist noch da. Aber irgendwie habe ich nicht mehr daran geglaubt – und dann passiert das alles. Was ist dir in diesem Moment nach dem Gegentor durch den Kopf geschossen?

Michael Gregoritsch: Ähm, da muss ich ehrlich aufpassen, dass ich nicht emotional werde. Ich glaube, ich habe mir noch nie in einer Minute oder in zwei, drei Minuten so viele negative Dinge selbst zugesprochen wie in dem Moment. Und das war ein Satz, den ich mehrmals wiederholt habe: Wir sind raus. Wir sind raus. Wir sind raus. Das habe ich mir durchgehend gesagt. Ich habe aufgeschaut, und unsere Familien sind da hinter der Trainerbank gesessen. Das Stadion ist gestanden, und dieser Block ist gesessen. Wow, das war schon schlimm. Dann hatten wir die Chance, direkt noch einmal anzustoßen, Philipp Lienhart hat rübergeschürft – und dann war es endgültig aus. Eigentlich. Und wir waren raus. Wir waren die größten Idioten in der Geschichte vom Fußball, mit Abstand die größten Idioten. In dem Moment, glaube ich, hat es nichts Schlimmeres gegeben, was die österreichische Nationalmannschaft erlebt hat – und mit der Erwartung, mit der Vorfreude, mit der wir dort hingefahren sind, dann so auf das Minus-0,000 runterzurutschen: Da sind wir die größten Idioten gewesen. Für 60 Sekunden. 120 Sekunden, was weiß ich – bitte blendet es noch einmal ein beim Video.
Ich habe da auch etwas im Auto: Ich habe mir ein Cappy schicken lassen, davon hat es 100 Stück gegeben, vom Dr. Ball – jetzt war das einmal Werbung für ihn. Da steht drauf: „90+6, bist du deppert.“ Und das ist so geil.

Johnny Hofer: (unverständlich)

Michael Gregoritsch: … so geil, dieses Cappy. Ich habe sogar zwei davon bekommen und eines meinem Bruder hingelegt. Mein Bruder hat eigentlich gesagt, er will das Trikot von meinem letzten Spiel bei der WM haben. Ich habe es ihm gegeben. Ich glaube, das wird das Spiel sein, das wahrscheinlich ewig in Erinnerung bleiben wird. Und dass ich auch bei diesem Tor wieder einen ganz großen Teil der Geschichte mitspielen darf, bedeutet mir einfach unglaublich viel. Das wissen alle meine Freunde, meine Familie, und wahrscheinlich auch die meisten Fans: Das Nationalteam bedeutet mir alles, und deswegen spiele ich Fußball. Deswegen mache ich das Ganze. Und dass ich da zweimal beteiligt sein darf, ist für mich top of the list.

Verarbeiten, runterkommen, Fallhöhe

Johnny Hofer: Absolut verständlich. Also, dann passiert das, dann seid ihr weiter, und dieser kurze, aber brutal intensive Rollercoaster ist zu Ende. Wie lange hast du dann gebraucht, bis du wieder runtergekommen bist?

Michael Gregoritsch: Lustigerweise habe ich es richtig schnell verarbeitet. Wahrscheinlich, weil ich das große Glück gehabt habe, dass ich ein halbes Jahr vorher durch den gleichen Rollercoaster gegangen bin. Und was gut war: Es ist weitergegangen, das Turnier ist weitergegangen. Es war nicht ein Ziel erledigt und vorbei, sondern das Turnier war noch da. Beim Spiel gegen Bosnien war die Quali dann vorbei. Ziel erreicht, und jetzt hast du etwas zum Feiern – und dann: puh, durchblasen. Das war damals auch ganz schwer. Ich bin ja raufgeflogen nach Kopenhagen, wir hatten am Sonntag das Derby gegen den FC Kopenhagen mit Brøndby. Und ich bin – das kann ich jetzt ja sagen, ich brauche es nicht verstecken – nicht in Stimmung gekommen. Aber wie auch? Das geht emotional gar nicht. Wahrscheinlich macht es sehr viel mehr Sinn, dass sich DJs, Musiker, Schauspieler und auch Profifußballer vor allem nach der Karriere irgendwo anders einen Kick holen. Weil das ist ja wöchentlich so, dass dieser Kick kommt, in dieser Höhe und mit dieser Fallhöhe. Aber diese zwei Dinge waren halt Peak-Emotionen, und die Fallhöhe ist dann groß gewesen. Ich bin ja sonst nicht so emotional – das war ganz besonders und wird mir ewig in Erinnerung bleiben.

Urlaub, Jetlag und Mini-M&M's

Johnny Hofer: Dann war das alles vorbei, dann hast du den Urlaub gehabt. Bist du ein Mensch, der im Urlaub auch einen Kick braucht, oder bist du dann einfach nur herumgelegen und hast Golf gespielt?

Michael Gregoritsch: Das erste Mal habe ich eine Woche gebraucht, in der ich meinen Jetlag verarbeitet habe.
Johnny Hofer: Ja, du bist ja sehr empfänglich für Jetlag.

Michael Gregoritsch: Fürchterlich. Und das Schlimme war: Ich bin um zehn Uhr deutscher, österreichischer Zeit schlafen gegangen und um drei Uhr wieder aufgewacht – und da ist ja in der ersten Woche immer noch ein Spiel gelaufen. Na ja, was machst du? Du schaust auf die Uhr: Ah, es spielt ja wer. Handy her: Wie ist das Ergebnis? Knappes Spiel. Okay, scheiße – dann habe ich mir die Highlights angeschaut. Da habe ich echt ewig gebraucht.
Und lustigerweise hat es dann das erste Mal angefangen nachzulassen mit dem Jetlag, als ich Sport gemacht habe. Ich bin Golf spielen gegangen und habe dann einmal Krafttraining gemacht, und dann habe ich gemerkt, ich komme ein bisschen mehr ins Schlafen hinein. Gleichzeitig habe ich dann kein Hotel mehr sehen können. Ich war dann nur daheim, habe zu Hause Zeit verbracht, Freunde gesehen, Familie gesehen.
Und dann einfach ein paar Dinge gemacht, die mir guttun. Du weißt ja, dass mein Privates immer privat bleibt – deswegen habe ich auf Social Media nichts gepostet, weil ich die Zeit sehr, sehr gerne mit meinen Nächsten und Liebsten verbracht habe.

Johnny Hofer: Welche Top-3-Aktivitäten hast du prinzipiell im Urlaub?

Michael Gregoritsch: Kulinarik.

Johnny Hofer: Wie viel kochst du selber?

Michael Gregoritsch: Ich habe immer wieder einmal, wenn ich Lust gehabt und mir Zeit genommen habe, lange, intensiv und aufwendig gekocht. Ich gehe sehr gerne essen und trinke auch gerne – nicht, dass ich mich weggeschossen hätte, aber einfach einmal am Dienstagnachmittag ein Bier und so. Das mache ich sonst nicht. Da bin ich dann schon einmal der Rowdy: Dienstagnachmittag beim Golfen einfach ein Bier und …

Johnny Hofer: Am Nachmittag, nämlich.

Michael Gregoritsch: Einfach die Dinge, die ich sonst nicht mache. Süßigkeiten essen ohne schlechtes Gewissen, Burger essen, Mäcki – solche Sachen.

Johnny Hofer: Welche Süßigkeiten?

Michael Gregoritsch: Im Moment sind es gerade Mini-M&M's. Die sind ganz klar die Nummer eins, die tun wir dann immer in eine Schüssel hinein, und dann schnabuliere ich das da aus. Und absolut underrated: Kennst du diese Koalas, in diesem Sechserpack, diese kleine Papierpackung – diese Koalas, die mit Milchcreme gefüllt sind? Uff, underrated. Das waren so meine Sachen.
Johnny Hofer: Das zählt.

Michael Gregoritsch: Ich habe zwei, drei Wochen nicht darauf geachtet und dann in der letzten Woche wieder begonnen, Profi-Standard zu leben. Es ist nicht etwas, was ich aus Pflichtgefühl mache. Ich glaube, gesund leben ist auch eine Lebensweise. Wenn dein Lebensstil generell …

Johnny Hofer: Ist gar nicht deppert, ja.

Michael Gregoritsch: … gesund zu leben ist und wenn deine Freude daraus besteht, dass du fit und gesund bist, dann ist es ja nicht so schwer, wieder umzustellen. Ich habe ja jetzt nicht drei Wochen gelebt wie ein Jolly.

Johnny Hofer: Vor allem kann man ja genießen. Genuss muss ja nicht automatisch ungesund sein.

Michael Gregoritsch: Genau. Und ich trinke das Wasser zumindest aus dem Bierglas – vom Gefühl her passt es dann.

Ausblick und Verabschiedung

Johnny Hofer: Ja, Gregerl, es geht wieder los am Wochenende. Ich wünsche dir natürlich nur das Allerbeste. Ich freue mich auch schon, dass es bei uns weitergeht. Wenn es und wie es und wann es weitergeht, da werden wir uns natürlich zeitnah bei euch da draußen melden. Von meiner Seite herzlichen Dank, dass ihr wieder mit dabei wart. War ein schöner Auftakt, finde ich. Danke für deine Einblicke und deine Gedanken zu deiner Zeit, in der nicht so viel Fußball gespielt worden ist, und zu der, in der Fußball gespielt worden ist. Die letzten Worte gehören natürlich wie gewohnt dir.

Michael Gregoritsch: Ja, ich freue mich auch, dass wir wieder miteinander quatschen, das tut mir auch sehr gut. Und dass wir weiterhin gute Gäste haben. Und im Notfall – das habe ich gerade gemerkt – funktioniert es auch mit uns beiden sehr, sehr gut. Da kann ruhig mehr von uns kommen.

Johnny Hofer: Wir haben ja genug zu besprechen.

Michael Gregoritsch: So ist es.

Johnny Hofer: Und wenn dir diese Folge gefallen hat, abonniere uns gerne und verpasse keine weiteren Episoden von Ohne Filter. Wenn du außerdem die Video-Episoden sehen möchtest, findest du unseren gesamten Katalog auf dem Canal+ YouTube-Kanal und in unserer App. Ohne Filter ist ein Canal+ Podcast, produziert von Bestbiller Digital. Danke und bis zum nächsten Mal. Ciao.

Michael Gregoritsch: Tschüss!