Ohne Filter – Folge 22

Florian Kainz über die vielen letzten Male

Episodenbeschreibung

Nach exakt 200 Bundesliga-Spielen ist Schluss: Florian Kainz sitzt bei Johnny Hofer und Michael Gregoritsch und erzählt, wie man ein Karriereende selbst in der Hand behält. Es geht um den Moment, in dem die Entscheidung gereift ist, um die vielen letzten Male, die danach kommen, und um zwölf Jahre Köln, die sich nicht in einem Umzugswagen verstauen lassen. Dazu ein Kunstrasenplatz im Jahr 2005, ein Vokuhila, ein Ferserl aufs Tor – und die Frage, was ein Körper macht, der plötzlich keinen Trainingsplan mehr bekommt. Teil eins von zwei.

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#23 Florian Kainz über die vielen letzten Male

Das erwartet dich in der Folge

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    Florian Kainz über sein Karrierende

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    Abschiede im Fußball

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    Ziele nach der Fußballerkarriere

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    Wann man weiß das es Zei ist zu gehen

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    Wechsel vom Spieler zum Experten

Transkript der Folge

Begrüßung: der Gast und die grüne Brille

Johnny Hofer: Schwarz, zweimal grün und rot – und immer Weiß. Unser heutiger Gast hat in seiner Karriere viel gesehen. Einen Hang zu Traditionsvereinen, und nach exakt 200 Spielen in der deutschen Bundesliga ist Schluss. Steirer, da ist er her. Herzlich willkommen, Florian Kainz!

Florian Kainz: Danke für die Einladung, ich freue mich, dass ich heute dabei sein darf.

Johnny Hofer: Natürlich auch wieder mit dabei: Michael Gregoritsch. Jetzt hat er die Sonnenbrille abgenommen, für alle, die mit Bild dabei sind. Gregerl, schön, dass du dabei bist – und warum jetzt die Cool Shades weg?

Michael Gregoritsch: Ich habe mir gedacht, ich setze die grüne Brille auf, weil er so lange bei grünen Vereinen gespielt hat. Weil das grüne Dress eines ist, das ich mit ihm getauscht habe. Deswegen habe ich mir gedacht: passend in Grün.

2005 am Kunstrasen: die erste Begegnung

Johnny Hofer: Michi, wir haben heute den Flo da, einen alten Wegbegleiter. Ihr habt zwar nur im Nationalteam zusammengespielt, aber eure Wege haben sich sehr oft gekreuzt. Warum ist der Kainzi heute bei uns? Oder: Was verbindet dich mit ihm?

Michael Gregoritsch: Die allererste Verbindung haben wir gehabt – das war wahrscheinlich im Jahr 2005 auf dem Kunstrasen beim GAK. Da hat der Kainzi noch einen Vokuhila gehabt und war damals bei Sturm Graz der Spieler, auf den man in der Jugend aufpassen musste. Ich werde das nie vergessen, das ist meine Core Memory: Wir haben damals echt hart verloren, und der Kainzi hat eine Chance gehabt im Sechzehner, wo er mit dem Ferserl quasi aufs Tor geschossen hat. Also ein Stangelpass und dann mit dem Ferserl. Und lustigerweise muss ich bis heute jedes Mal daran denken, wenn ich den Kainzi sehe. Das war meine erste Erinnerung. Und es ist schön, dass sich unsere Wege 20 Jahre später noch immer kreuzen und dass wir echt Freunde geworden sind.

Florian Kainz: Du kennst Geschichten! Daran hätte ich mich jetzt nicht erinnert, muss ich ganz ehrlich sagen. Ich verbinde mit dir und natürlich auch mit deinem Vater viele Geschichten, weil wir viel miteinander erlebt haben. Wir zwei haben im Nationalteam viel Spaß miteinander gehabt und auch privat. Auch mit Kapfenberg habe ich viele Erinnerungen: Mit den Sturm-Amateuren habe ich meine ersten Tore geschossen, da haben wir die Kapfenberger Ansicht gehabt. Und mein erstes Bundesliga-Tor habe ich in Kapfenberg geschossen. Sehr viele Verbindungen also – nicht nur mit dir, sondern auch mit deinem Vater.

Michael Gregoritsch: War das das Spiel, wo mein Papa die Wette gegen den Foda verloren gehabt hat und dann in der Tracht auf der Bank gestanden ist?

Florian Kainz: Was?

Michael Gregoritsch: Der Werner Gregoritsch hat im Steirer-Janker gecoacht.

Florian Kainz: Ja, da habe ich sicher gespielt, aber ich weiß nicht, ob das dieses Spiel war.

Michael Gregoritsch: Okay.

Florian Kainz: Ich weiß es nicht mehr. Damals haben wir noch viermal gegen jeden Gegner gespielt. Deswegen habe ich, glaube ich, die meisten Spiele meiner Karriere gegen Wiener Neustadt gemacht.
Johnny Hofer: Ein schöner Ground, den es ja leider nicht mehr gibt. Ich habe mittlerweile ein paar Fragen. Die erste: Ist es eine Sommerpartie gewesen, wo dein Papa an der Outlinie im Steirer-Janker gestanden ist?
Michael Gregoritsch: Ja, das war irgendeine Aprilpartie, und ich glaube, er hatte eine Wette mit dem Franco Foda. Das können wir uns gleich aufschreiben, weil mein Vater irgendwann in Zukunft sicher einmal Gast bei uns sein wird. Und dann müssen wir noch einmal nachfragen, warum das war und was es damit eigentlich auf sich gehabt hat.

Johnny Hofer: Also das Bild habe ich vor Augen. Einfach „Werner Gregoritsch Steirer-Janker“ googeln, dann findet man das, glaube ich, definitiv in den Untiefen des Internets. Und die andere Frage, die uns wirklich am Herzen liegt: Was ist eigentlich aus dem Vokuhila geworden?

Florian Kainz: Ja, man wird irgendwann erwachsen, muss man sagen. Man hat schon ein paar Jugendsünden frisurentechnisch. Wobei ich sagen muss, ich hatte nicht so viele Jugendsünden. Ich habe jetzt bei meinen FC-Fotos auch gesehen, dass ich da einmal einen leichten Schnauzer gehabt habe. Also das war nichts, gell, Gregerl? Sind wir uns einig?

Michael Gregoritsch: Ich muss sagen, für mich ist das eine lustige Geschichte, aber für mich bist du ein sehr fescher Kerl. Du hast dich immer gut angezogen und auf dem Platz immer Flair versprüht – vor allem, wenn du dann so gejubelt hast.

Florian Kainz: Das wollte ich vorher noch sagen: Jubeln habe ich schon damals bei meinem ersten Tor nicht können, und ich habe es nie gelernt. Deswegen haben sie mich letztes Jahr noch verarscht.
Michael Gregoritsch: Aber es ist schön, wegen des Jubels verarscht zu werden. Da zeigt man einfach, dass man richtige Emotionen in sich trägt.

Johnny Hofer: Abgesehen davon, dass ich in meiner Karriere – die ich als Fußballer nicht als Karriere bezeichnen würde – wenig Tore geschossen habe: Du hast doch die ganze Karriere lang Tore gemacht. Hast du dir nie Gedanken gemacht, wie du jubeln könntest? Das war ja jetzt nicht so außerordentlich selten, dass du Tore schießt.

Florian Kainz: Natürlich habe ich mir Gedanken gemacht, aber mir ist nichts Gutes eingefallen und nichts, was zu mir passt. Da habe ich mir gedacht: Dann ziehe ich meinen Stiefel weiterhin so durch.
Michael Gregoritsch: Ja, ich habe es schön gefunden.

Florian Kainz: Danke.

fünf schnelle Fragen

Johnny Hofer: Jetzt haben wir schon einige Zeit absolviert. Wir haben natürlich auch für dich fünf schnelle Fragen vorbereitet – obwohl wir sie mittlerweile gar nicht mehr bräuchten, um warm zu werden. Ich stelle sie trotzdem, weil eine für uns ganz wichtig ist: Wie trinkst du deinen Kaffee?

Florian Kainz: Schwarz oder mit Hafermilch.

Johnny Hofer: Kurz oder lang?

Florian Kainz: Beides. Je nach Tageszeit.

Johnny Hofer: Laufen oder Padel?

Florian Kainz: Padel.

Michael Gregoritsch: So ein Versager. Padel!

Johnny Hofer: Ich spar's dir – ich war ja heute selber Padel spielen.

Michael Gregoritsch: Wirklich?

Johnny Hofer: Köln oder Graz?

Florian Kainz: Das ist eine gemeine Frage, gerade in diesen Tagen. Aber ich würde dann schon Graz sagen.

Johnny Hofer: Tor oder Assist?

Florian Kainz: Assist.

Johnny Hofer: Adler oder Geißbock?

Florian Kainz: Adler.

Johnny Hofer: Also dann passt es auch zum Aktuellen.

Florian Kainz: Assist muss ich sagen – wenn ich den Gregerl so schön sehe: Es ist echt schade, dass wir auf Vereinsebene nie zusammengespielt haben, weil da wäre meine Assist-Quote gewaltig nach oben gegangen. Und deine Tor-Quote.

Michael Gregoritsch: Und meine Tor-Quote, das stimmt.

Florian Kainz: Aus jeder Situation hätte ich noch einen Chip gehabt.

Michael Gregoritsch: Ich muss sagen, wir waren nie gleichzeitig bei einem Verein. Ich war nie im Gespräch bei einem Verein, bei dem du warst – und umgekehrt auch nicht.

Florian Kainz: Ja, leider nicht.

Michael Gregoritsch: Bei Werder wäre es schon ein bisschen schade gewesen. Das ist echt schade, vor allem, weil wir uns immer gut verstanden haben. Deswegen schätze ich ihn sicher auch so sehr: Auch wenn wir nicht regelmäßig viel Kontakt haben – wenn wir uns sehen oder wissen, wir sind in der gleichen Stadt, gibt es zumindest einen kurzen Call, wie es ausschaut. Und wenn wir uns sehen, ist es immer sensationell lustig. Wir kommen immer wieder auf die alten Geschichten.

Sturm gegen GAK: Rivalität im Nachwuchs

Johnny Hofer: Ihr seid ja zwei Grazer Buben, auch wenn ihr in der Jugend durchaus getrennt wart in den Farben. Aber wie war das? Das ist schon interessant: Die Rivalität im Jugend-, fast noch Kinderbereich zwischen Sturm und GAK – war die zu dem Zeitpunkt für euch beide auch schon spürbar?

Florian Kainz: Ja, auf jeden Fall. Bei mir hat sie eigentlich bis zu den Amateuren gehalten. Der GAK ist dann ja zuerst in die Regionalliga runtergegangen, und da waren die Spiele mit den Sturm-Amateuren gegen den GAK noch richtige Derbys. Danach haben sie ja von ganz unten wieder anfangen müssen. Aber in meiner Jugend war das schon noch eine richtige Rivalität. Wobei man sagen muss: Der Michi ist ja noch zwei Jahre jünger.
Natürlich hat er schon immer höher gespielt, weil er schon immer der Beste war. Aber so oft haben sich unsere Wege im Jugendalter auch nicht gekreuzt.

Michael Gregoritsch: Das ist lustig, weil es ihm wahrscheinlich gar nicht so aufgefallen ist. So wie er sagt: Ich habe bei den 93ern gespielt, und wir mit den 93ern haben gegen die 92er gespielt – oder zumindest gegen einen Mix aus 92 und 93. Und wahrscheinlich ist es ihm nicht so in Erinnerung, weil ich ja quasi der Jüngste in der Mannschaft war und dementsprechend bei den 93ern auch nicht so gut. Aber er war ja Kapitän und der beste Spieler dort. Das heißt, ich kann mich an ihn viel besser erinnern – und ich kann mich zum Beispiel auch an einen Peter Tschernegg erinnern. Der hat dann eine ordentliche Bundesliga-Karriere in Österreich gemacht. Umgekehrt war die Erinnerung sicher nicht so groß, weil ich halt einfach zwei Jahre jünger war. Ich war halt der, der eingewechselt worden ist, während er von Beginn an gespielt hat – und nicht der, über den von der anderen Mannschaft schon davor geredet worden ist.

Johnny Hofer: Das ist sehr oft der Klassiker, dass man sich eher an die Älteren erinnern kann als an die Jüngeren. Das ist ja nicht nur im Fußball so.

Das Karriereende: Wann die Entscheidung gereift ist

Johnny Hofer: Kainzi, lass uns doch über das sprechen, was in den vergangenen Wochen bei dir passiert ist. Du hast die aktive Karriere beendet. Das ist ja auch schon eine reife Überlegung gewesen. Wann hast du gewusst: Es ist vorbei, ich lasse es jetzt sein?

Florian Kainz: Ich muss sagen, letztes Jahr im Herbst war es nicht mehr einfach, wenn man nicht mehr spielt, vielleicht einmal einen Kurzeinsatz hat und oft nicht im Kader ist. Dann war das Trainingslager, wo ich nicht mitfahren durfte. Wir sind direkt vom Trainingslager zum Auswärtsspiel nach Heidenheim geflogen – da bin ich heimgeschickt worden. Da macht man sich Gedanken, ob es noch Sinn macht, im Sommer weiterzuspielen.
Ich wollte meine Karriere in Köln beenden. Im Frühjahr ist die Entscheidung gereift, im März habe ich es bekannt gegeben – zu einem relativ frühen Zeitpunkt. Aber ich bin froh, dass ich meine Karriere so beenden konnte: als Spieler, der noch halbwegs fit ist, in der Bundesliga aufgehört, wir sind nicht abgestiegen, und ich hatte einen schönen Abschied. Es ist echt gut gelaufen, so wie es dann im Endeffekt passiert ist. Aber natürlich sind auch schwere Momente dabei, wenn du dann siehst, dass die anderen, deine Freunde, wieder zu trainieren beginnen. Es sind immer wieder Tage oder Situationen dabei, die ein bisschen schwieriger sind.

Michael Gregoritsch: Bist du kicken gegangen, seit du aufgehört hast?

Florian Kainz: Nein. Ich habe heute wieder beim Geißbockheim vorbeigeschaut, ich war jetzt schon zwei, drei Mal kurz auf Besuch am Geißbockheim. Aber kicken, muss ich sagen, noch nicht. Ich muss mir meine sportlichen Aktivitäten ein bisschen einteilen.

Michael Gregoritsch: Ja, da kommen wir später noch dazu. Aber juckt es dich ein bisschen? Und ich rede gar nicht von diesem Fünf-gegen-Fünf-Ball-halten, davon rede ich eher weniger – sondern eher, dass du sagst: so eine Torschusseinheit, das, was halt immer geil ist. Dass du einfach auf den Platz gehst, dich zehn Minuten aufwärmst und dann einfach 50 Mal aufs Tor schießt.

Florian Kainz: Ja, das schon. Weißt du, was mich gejuckt hat? Beim Spiel England – ich glaube, England gegen Argentinien war das –, wo England in der Nachspielzeit gedrückt hat und er auf der rechten Seite zweimal eine halbhohe Flanke reingehauen hat. Da hat es mich gejuckt: Jetzt würde ich gerne die letzten zehn Minuten reinkommen und ein paar Flanken reinschießen. Nein, bei solchen Situationen, wenn man das Spiel anschaut, oder bei Freistoßsituationen, da juckt es schon. Das muss man schon sagen.

Johnny Hofer: Aber noch einmal im Amateurfußball mitzukicken – kannst du dir das vorstellen? Es gibt ja doch einige Profis, die mit ein bisschen Abstand noch einmal ein paar Sachen gemacht haben.

Florian Kainz: Nein, das kann ich mir aktuell nicht vorstellen. Ich weiß nicht, ob ich in einem Jahr noch einmal denke, ich kicke noch einmal irgendwo und trainiere darauf hin, dass ich noch einmal wo anfange. Aber aktuell kann ich mir das nicht vorstellen, das war eigentlich nie in meinen Überlegungen.

Johnny Hofer: Ich denke gerade nur daran, weil ich ein Video von Niklas Süle gesehen habe, wo er gefühlt als Stürmer aufgerannt ist. Körperlich ist da nach der Karriere dann doch ein bisschen ein Unterschied zwischen Niklas Süle und Flo Kainz, ehrlicherweise – ich weiß nicht, was ich mir da für Bilder angeschaut habe.

Was der Körper nach der letzten Saison macht

Johnny Hofer: Was ich schon interessant finde: Man hört auf, und der Körper ist ja einfach diesen Rhythmus gewohnt. Jetzt hast du den Urlaub gehabt, in dem alle anderen auch im Urlaub sind. Wie trainiert man da ab? Oder wie schaut man, dass man den Körper an eine Nicht-Profi-Zeit gewöhnt?

Florian Kainz: Ja, es war lange Zeit echt so, dass ich gedacht habe, ich bin nur im Urlaub. Weil gefühlt ist die Saison vorbei und dann ist Urlaub. Bis der FC wieder zu trainieren angefangen hat, war es für mich einfach nur Urlaub. Und dann habe ich erst richtig gecheckt: Okay, es ist wirklich vorbei. Aber ich habe relativ schnell für mich gemerkt, ich muss etwas machen, weil ich halte es auch nicht aus – wenn du die ganze Zeit Sportler bist – ruhig zu sitzen und nichts zu machen. Ich halte das nicht aus. Ich war dann gleich relativ viel padeln, einfach mit Freunden ein bisschen zocken und Spaß haben, und habe dann relativ schnell zu laufen begonnen.

Michael Gregoritsch: Hast du deinen Lebensstil verändert? Also isst und trinkst du jetzt ohne schlechtes Gewissen Schokolade, Bier, Wein?

Florian Kainz: Nein, ich merke nur, dass ich weniger esse. Ich habe nicht mehr so viel Appetit. Ich esse weniger, aber sonst habe ich meinen Lebensstil nicht wirklich verändert.

Michael Gregoritsch: So fürchterlich!

Florian Kainz: Noch schlechter geht's nicht, gell? Na, meine Essenszeiten sind den Kindern angepasst.

Johnny Hofer: Du hast es schon angesprochen, manchmal hat es dich gejuckt. Aber nimm uns noch einmal mit in die letzten Wochen dieses Frühjahrs: Wie war euer Gefühl, als die Wochen vergangen sind, als die Spiele vergangen sind und du gewusst hast, jetzt geht es immer näher dem Ende zu, jetzt ist es dann wirklich irgendwann einmal vorbei?

Florian Kainz: Eigentlich war es ein gutes Gefühl. Ich habe mich ein bisschen darauf gefreut. Ich habe versucht, die positiven Sachen mitzunehmen und alles zu genießen. Ich habe gewusst, das letzte Spiel wird in München sein – so einen Abschluss in der Allianz Arena gegen Bayern, wo sie Meister werden. Dann mein letztes Heimspiel, wo die Familie gekommen ist, Familie und Freunde. Es war eine Party organisiert, und da waren viele Ereignisse, wo viel Abschied war, aber wo einfach coole Dinge passiert sind. Ich habe es echt geschafft, das Ganze zu genießen – und dann noch einmal versucht, Spiele zu kriegen, Minuten zu kriegen und noch einmal alles zu geben, dass wir den Klassenerhalt schaffen. Natürlich das Sportliche, aber auch die Zeit mit Mannschaftskollegen und Freunden noch einmal zu genießen.

„Es gibt so viele letzte Male“

Johnny Hofer: War das dann komisch, als du dich das letzte Mal umgezogen hast, dich das letzte Mal aufgewärmt hast, das letzte Mal ins Stadion reingegangen bist und gewusst hast: Heute ist wirklich das letzte Spiel als Profifußballer?

Florian Kainz: Ja, komisch schon. Aber wenn du das so sagst: Es gibt dann so viele letzte Male. Du hast das letzte Heimspiel, das letzte Auswärtsspiel, das letzte Derby, das letzte Mal Einwechslung, das letzte Mal Mannschaftsabend, das letzte Mal Trainingslager. Viele letzte Male, viele Abschiede – und nach dem Fußball ist es mit Abschieden weitergegangen: Köln-Abschied und so weiter. Es sind in letzter Zeit sehr viele Abschiede gewesen.

Zwölf Jahre Köln – und zurück nach Graz

Johnny Hofer: Und Köln war ja jetzt einfach lange Zeit euer Lebensmittelpunkt, eure Familie. Wenn man es auf Social Media ein bisschen mitverfolgt hat, bei deiner Frau und bei dir, dann geht es ja schon mit einem ziemlich weinenden Auge aus der Stadt weg, gefühlt.

Florian Kainz: Ja, natürlich. Auf der einen Seite freuen wir uns voll auf Graz: Nach zwölf Jahren wieder zurückzukommen, die Familie ist wieder in der Nähe, wir haben Freunde in Graz, auch mit den Kindern kommen viele spannende Sachen auf uns zu. Aber andererseits ist es schon schwer, aus Köln wegzugehen, weil wir uns dort so wohlgefühlt und sehr viele Freunde gefunden haben. Natürlich hat man auch mit dem Verein eine große Verbundenheit. Und da fällt es uns schon schwer. Wir haben jetzt privat einige Abschiedsfeiern gehabt, das ist schon hart. Aber wie gesagt, dann freuen wir uns auf Graz. Und auf Österreich natürlich.

Michael Gregoritsch: (unverständlich) War das klar, dass du heimgehst, oder hat der Verein irgendetwas angeboten, wo du sagst: Boah, das muss ich mir noch einmal überlegen, ob ich nicht quasi in einer anderen Rolle im Verein bleibe?

Florian Kainz: Nein, es war schon meine Entscheidung, dass ich gesagt habe, ich höre auf und wir gehen nach Graz zurück. Das habe ich dann auch gleich so mit dem Verein kommuniziert, und da hat es dann auch gar keine weiteren Gespräche gegeben.

Michael Gregoritsch: Okay. Aber das ist ja gut.

Florian Kainz: Ja, deswegen war es so fein mit meiner Entscheidung, weil sie von mir gekommen ist. Du warst jetzt nicht fremdbestimmt, dass der Verein sagt, du musst weg – oder du hast eine Verletzung und kommst nicht mehr zurück. Sondern echt, wie ich vorhin schon gesagt habe: Ich höre als halbwegs fitter Spieler auf und gehe jetzt neue Dinge an.

Neues Ziel: Halbmarathon beim Graz Marathon

Johnny Hofer: Neue Dinge – du hast dann zum Rennen angefangen. Das stelle ich mir schon ein bisschen speziell vor. Du bist ja immer schon einer gewesen, der sehr gerne viel gelaufen ist auf dem Fußballplatz. Aber ich habe noch selten einen Kicker gehört, der gesagt hat: Ich gehe so gern rennen.

Michael Gregoritsch: Ich nicht. Das ist so, wie wenn du mit mir laufen gehen willst und ich sage: Ich hasse laufen.
Florian Kainz: Ja, ich war auch nie der wirkliche Läufer, aber ich finde, jetzt ist es einfach ein cooles Ziel von mir. Wenn du darauf ansprichst: Ich mache jetzt einen Halbmarathon, ich laufe beim Graz Marathon.

Michael Gregoritsch: Nicht so schlimm.

Johnny Hofer: Wann ist der Marathon?

Florian Kainz: Und das war für mich auch gut, dass ich relativ schnell ein neues Ziel gehabt habe, auf das man hinarbeiten kann. Ich habe mir meine Zielzeit gesetzt und versuche jetzt, regelmäßig zu trainieren. Und das muss ich sagen: Es ist echt schwierig, sich die Laufzeiten einzuteilen. Wann geht man laufen? Mit den Kindern? Wann hat man die Zeit? Jetzt war viel Stress, Umzug und so weiter. Das ist das Schwierigste – nicht, dass ich laufen gehe oder dass ich mich zum Laufen motiviere, sondern eher: wann.

Michael Gregoritsch: Ich habe ein paar Mal von Spielern gehört, die aufgehört haben – weil ich immer mehr in das Alter komme, in dem Freunde und Spielerkollegen langsam aufhören –, sie haben gesagt, es ist schwierig, weil du früher deinen Tagesplan vorgegeben gehabt hast. Egal, ob Vormittags- oder Nachmittagstraining war: Du hast dich zwar aufgeregt, aber ich kenne es ja von mir selber aus dem Urlaub. Da machst du dann halt irgendwie – ich mache mir zum Beispiel im Urlaub um elf eine Golfpartie aus, und die dauert dann bis drei.
Dann will ich eigentlich nicht mehr laufen. Um acht in der Früh will ich aber auch nicht aufstehen zum Laufen. Das ist eigentlich schwierig, wenn du dir nicht selber einen Terminkalender machst, oder?

Florian Kainz: Als aktiver Spieler bin ich immer gleich in der Früh laufen gegangen, vor dem Frühstück. Dann hatte ich es hinter mir. Gerade im Urlaub am Abend laufen zu gehen, ist für mich fast das Unmöglichste.

Michael Gregoritsch: Unmöglich. Unmöglich. Unmöglich ist es.

Florian Kainz: Du bist hin von der Sonne.

Michael Gregoritsch: Oder vom Sommerspritzer.

Florian Kainz: Nein, ich bin immer in der Früh gelaufen. Das ist jetzt schon schwer. Ich habe schon eine Struktur mit den Kindern, die stehen zur gleichen Zeit auf, Kindergarten und so. Ich habe schon meinen geregelten Tagesablauf, mehr oder weniger. Aber es ist trotzdem etwas anderes, wenn du von neun bis 14 Uhr weg bist.

Ankommen in Graz

Michael Gregoritsch: Du bist noch nicht in Graz, oder?

Florian Kainz: Noch nicht, ich bin noch in Köln, aber ich komme jetzt in drei, vier Tagen oder so nach Hause.

Michael Gregoritsch: Was glaubst du, wie es wird, wenn du in Graz lebst? Wenn du im Urlaub bist, richten sich alle die zwei Wochen nach dir, und jeder sagt: Der Kainzi ist da, mein bester Haberer, mein Bruder, mein Bua, mein was weiß ich. Was glaubst du, wie es wird? Gehst du am Anfang unter mit Freundetreffen und Terminen?

Florian Kainz: Das ist extrem schwer zu sagen. Natürlich freuen sich alle, dass wir jetzt wiederkommen und dass wir uns regelmäßiger treffen. Mit jedem, mit dem man telefoniert, heißt es: Ja, wenn du jetzt wieder in Graz bist, dann können wir uns ja öfter sehen. Aber ich glaube, das wird sich einfach einspielen. Das wird dann ein Selbstläufer, wann man wen trifft und wie oft man sich trifft. Natürlich brauchen wir auch einmal Zeit für uns als Familie zum Ankommen. Und ja, es passiert bei uns privat auch einiges: Der Große kommt in die Schule.
Und das ist eine Riesenumstellung. Das wird man sehen, da mache ich mir nicht zu viele Gedanken. Es hat dann auch jeder von den engeren Leuten und von der Familie Verständnis, wenn du einmal sagst: Es geht nicht, wir brauchen ein bisschen Ruhe.

Stadion als Zuschauer – und das steirische Unterhaus

Michael Gregoritsch: Wirst du viel ins Stadion gehen, egal wo? Oder am Freitagnachmittag auf einen Sportplatz?

Florian Kainz: Ja, das habe ich schon vor. Man hat ja gefühlt in der Steiermark tausend Freunde, die Trainer sind in der Landesliga und so weiter. Da werde ich von Stadion zu Stadion gehen und freue mich schon, das anders zu erleben. Ich war jetzt beim Testspiel vom FC gegen San Sebastián, und das war das erste Spiel seit gefühlt 20 Jahren, das ich angeschaut habe, ohne selber zu spielen oder verletzt zu sein.

Michael Gregoritsch: Ja, und es ist ja trotzdem – wo du nicht angespannt bist, wie die Mannschaftskollegen spielen werden. Es ist ja spannend. Ich war im Sommer in Barcelona im Stadion. Da haben wir Bier getrunken und dieses – wie heißt das Baguette? Bocadillo. Ja, Bocadillo haben wir gegessen. Es war lustig, wieder ins Stadion zu gehen. Ich bin da zumindest auch verwöhnt.
Wir sind hinter dem Tor gesessen, zwar unterer Rang, ein bisschen besser, aber es ist geil. Also ins Stadion gehen ist geil, und darauf freue ich mich auch schon extrem. Ich kann es gar nicht erwarten, dass ich einfach einmal ins Stadion gehe – mit Freunden und ohne das Gefühl: Boah, ich muss jetzt unbedingt angespannt sein, wie die Truppe spielt.

Florian Kainz: Ja, ich weiß, was du meinst. Es ist aber ganz komisch irgendwie, weil man es einfach nicht gewohnt ist. Ich bin schon gespannt, wo du dann ins Stadion gehst.

Johnny Hofer: Ich?

Michael Gregoritsch: Überall. Auf der Bucketlist steht auf jeden Fall ein Old-Firm-Derby. Auf der Bucketlist steht auch Istanbul. Und dann werde ich natürlich den GAK schauen. Ich will auch unbedingt einmal zu Rapid ins Stadion. Ich war jetzt vor drei, vier Wochen noch in meinem Urlaub bei meinem besten Freund, beim Waltschek, also bei Sturm. Also ich werde viel ins Stadion gehen.

Florian Kainz: Zu Rapid als Spieler oder als Zuschauer ins Stadion?

Michael Gregoritsch: Als Zuschauer ins Stadion. Ruhig bleiben, ruhig bleiben.

Johnny Hofer: Wie ist es dir denn gegangen, Gregerl, als du bei Sturm in der Champions-League-Quali warst?

Michael Gregoritsch: Ich war positiv überrascht, ich habe sehr viel positives Feedback gekriegt. Kurz bevor ich dann zum Liebenauer Stadion hingefahren bin, siehst du den Stadionturm, und da habe ich mir gedacht: Ist das jetzt eigentlich clever, dass ich da hingehe? Aber es war wirklich extrem positiv – viel positives Feedback für die WM und viele Kinder, die gekommen sind. Es weiß ja jeder, dass ich ein bekennender GAKler bin. Aber die Stimmung im Stadion und wie dieses Spiel dann hergegangen ist, das 4:0 gegen Heart of Midlothian – das muss ich echt sagen: richtig beeindruckend, also cool gewesen.

Florian Kainz: Ich glaube auch, dass dich viele Kinder einfach als den Nationalhelden wahrnehmen, der unser Land zur WM geschossen hat, und nicht als ehemaligen Roten.

Michael Gregoritsch: Ich glaube sowieso, dass ich nicht als ehemaliger Roter wahrgenommen werde – eher sogar als Kapfenberger, aber wenn, dann als Spieler von Österreich. Das ist ja etwas Schönes, und das hat sich auch in den letzten Jahren verändert, was ich sehr wertschätzen kann. Deswegen: Ich bin auf jeden Fall wirklich begeistert von diesem Spiel und vor allem von der Stimmung.

Johnny Hofer: Gregerl, der (unverständlich), das ist ja ganz klar. Gibt es eigentlich irgendeinen Verein in Graz – weil wir vorher schon kurz über das Unterhaus geredet haben –, wo ihr gerne einmal hinschauen würdet? Das Einzige, was mir jetzt in den Kopf kommt, ist LUV Graz. Gibt es da zum Zuschauen irgendetwas, das besonders cool ist? Habt ihr da vielleicht Tipps, beide?

Michael Gregoritsch: Bei mir ist es auf jeden Fall so: Ich komme ja aus Thal, ich bin in Thal aufgewachsen. Aber wir spielen halt in der Unterliga. Lange Zeit war der GAK der Unterhausverein, den ich empfehlen konnte. Und sonst keine Ahnung: Wie gesagt, meine Freunde haben alle aufgehört, entweder im Unterhaus, oder sie sind bei einem kleinen Verein aus Graz untergekommen – der Waltschek war bei Sturm.
Deswegen habe ich jetzt keinen Unterhausverein, den ich empfehlen kann. Aber es gibt einige. Und deswegen sage ich: Die steirische Landesliga ist sicher die beste Landesliga in Österreich.

Florian Kainz: Ich kann dir gar nichts empfehlen. Der Mike ist jetzt Trainer, der (Name unklar), der Bachan. Da werde ich auf jeden Fall einmal hinschauen.

Michael Gregoritsch: Ja, das ist ein super Sportplatz, muss man sagen.

Florian Kainz: Ja, sehr schön. Und dann werden wir sehen. Der Stanko ist ja jetzt auch Trainer, oder?

Michael Gregoritsch: Er war es, er war es. Dann müssen wir eigentlich einmal eine Spezialfolge über das steirische Unterhaus machen.

Johnny Hofer: Vom Sportplatz. Ja, aber gut, da kann uns der Kainzi ja dann einführen. Ich sage einmal: In einem Jahr holen wir uns dann ein Update von dir, wo es die beste Schnitzelsemmel gibt und wo das beste Bratwurstl serviert wird im steirischen Unterhaus.

Die neue Rolle: Experte bei Canal+

Michael Gregoritsch: Ja, aber jetzt werfe ich einmal ein – ich weiß nicht, ob ich das jetzt spoilern darf: Kainzi, du wirst ja Experte bei Canal+.

Johnny Hofer: Genau so schaut es nämlich aus.

Florian Kainz: Ein Neuer.

Michael Gregoritsch: Wir reden von Unterhaus, und du bist in den großen Stadien unterwegs – zumindest in den großen Studios und den großen Stadien. Freust du dich?

Florian Kainz: Ich freue mich extrem, muss ich sagen. Richtig cool, eine neue Aufgabe. Ich habe Bock drauf, ich habe richtig Bock drauf.

Michael Gregoritsch: Weißt du schon, welche Teams oder welche Spiele du machst? Ich weiß es nicht.

Florian Kainz: Nein, noch nicht. Die Auslosung ist ja noch nicht.

Michael Gregoritsch: Nein. Bist du donnerstags immer, oder mittwochs auch?

Johnny Hofer: Der Kainzi ist unser Allrounder, den schmeißen wir überall dorthin, wo er am besten aufgehoben ist. Aber, Gregerl, da ist ja erst Auslosung, wie wir schon gesagt haben.
Michael Gregoritsch: Ich habe letztes Jahr in einer Conference-League-Quali gespielt mit Brøndby. Dieses Jahr hätten wir es uns über die Rückrunde fast verdient. Vielleicht schaffen wir es noch einmal, dass der Kainz Experte bei meinem Spiel ist. Das ist fast so, wie wenn wir zusammenspielen.

Florian Kainz: Das wäre ein Traum meinerseits.

Michael Gregoritsch: Nein, glaube ich auch, finde ich auch. Machst du eigentlich Abschiedsspiele? Machst du dann einen Abschiedskick mit deinen zehn Lieblingsmitspielern? Und dann ein bisschen essen gehen, fortgehen oder so? Oder bin ich da einfach nicht eingeladen?

Florian Kainz: Essen und fortgehen können wir. Das wäre ein Traum, wenn ich dir einmal als Experte auf die Füße schauen dürfte. Aber ich freue mich auf die neue Aufgabe, und es wird spannend, auf der anderen Seite zu stehen und das Spiel aus einem anderen Blickwinkel zu sehen.

Johnny Hofer: Kainzi, ich kann dir ein paar Tipps geben: Der Gregerl war ja bei uns schon ein paar Mal als Experte mit dabei. Auch ein sehr guter Co-Kommentator im Übrigen – für alle, die sich das Relive anschauen und anhören wollen: vorige Saison Freiburg gegen Salzburg. Ich finde, wir zwei waren das Beste an der ganzen Partie.

Michael Gregoritsch: Ich auch. Wir sind ja dann für einen österreichischen Fernsehpreis nominiert worden. Den haben wir dann aber abgelehnt. Aber da hinten steht der insgeheime Preis dafür.

Verabschiedung – Fortsetzung in Teil 2

Johnny Hofer: Ich muss einmal reingrätschen, weil wir sind drüber mit der Zeit von unserer ersten Folge mit Flo Kainz. Merkt ihr das? Wir gehen mit der Geschichte von dir direkt in die nächste Folge rein. Die gibt es dann bald zu hören. Danke, dass ihr mit dabei gewesen seid. Flo, auch danke für deine Zeit. Und das war Teil eins mit Flo Kainz.

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