Ohne Filter – Folge 26

Vom Fußballgott in Freiburg in die Kreisliga

Episodenbeschreibung

Teil zwei mit Nils Petersen, und es geht tiefer: 34 Jokertore sind ein Bundesligarekord, den so schnell keiner einholt – und trotzdem beschreibt er die Bank als Position, die jede Woche neu wehtut. Es geht darum, warum er Freiburg nie verlassen wollte, wie er nach der Karriere mit Spielerpass und Clubheimdienst in der Kreisliga gelandet ist und welche Rolle Trash Talk auf dem Platz wirklich spielt. Und dann sprechen die drei sehr offen über Schlafprobleme, Panikattacken und den Weg zur Therapie – über die Fassade, die man jeden Tag in der Kabine aufrechterhält, und darüber, was man von Fans eigentlich erwarten darf.

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#26 Vom Fußballgott in Freiburg in die Kreisliga

Das erwartet dich in der Folge

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    Trash Talk als Werkzeug im Sport

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    Was man sich als Spieler erwarten darf

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    Nils Peterson über seine Rolle als Joker

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    Mentale Geundheit im Fußball

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    Raucher im Profisport

Transkript der Folge

Die Joker-Rolle

Johnny Hofer: Wir sind zurück mit Teil Nummer zwei unseres Gesprächs mit Nils Petersen. Danke, dass du wieder mit dabei bist – schon sehr viele spannende, coole Geschichten, die wir da auch zwischen euch zweien gehört haben. Lieber Gregerl und lieber Nils, wir haben bei einem Thema aufgehört, das sich durch deine Karriere gezogen hat: die Joker-Rolle, diese Bankposition. Wann hast du das für dich angenommen – oder will man eigentlich nie wahrhaben, dass das einfach die Rolle ist?

Nils Petersen: Na ja, es tut schon weh. Ich sage immer: Der Trainer schätzt ohne dich in der Startelf die Chance auf einen Sieg höher ein als mit dir. So habe ich es am Anfang immer gesehen, so kritisch. Und das tat immer weh, dass dann jemand anders den Vorzug bekommen hat, dass er in jemand anderem den Besseren gesehen hat. Wir sind alle Challenger, wir Fußballer. Da gehört ja vieles dazu: Du hast am nächsten Tag Training, du verdienst weniger Geld, deine Leute rufen an und sagen, du spielst ja wieder nicht, du hast weniger Chance, überhaupt ein Tor zu machen. Aber es lief dann irgendwann so gut, dass man in dieser Rolle auch gefangen war. Anfangs war es immer so: Ich habe ein Tor gemacht, das heißt, nächste Woche spiele ich. Irgendwann habe ich gemerkt: Krass, es läuft so gut, dass der Coach das so erkennt – warum soll er dann etwas ändern? Und dann, ich würde sagen nach vielleicht zwei Jahren Joker-Dasein, war es das erste Mal so, dass er mich morgens angerufen hat, neun Uhr oder kurz vor neun – neun Uhr war Frühstück – und gesagt hat: Ich überlege, dich von Beginn an zu bringen. Und in meinem Kopf ging es sofort: Nee, nee, ich will nicht. Also es war eher so, dass ich dann gerne Joker war und gemerkt habe: Ich spiele gar nicht gern von Beginn an. Und als ich ungefähr 30 war, weiß ich noch, kam Florian Bruns, Co-Trainer in Freiburg, zu mir, hat mich nach dem Training herangeholt und gesagt: Was ist eigentlich mit dir los? Du bist so gut, du bist in so einem guten Fußballalter, du musst doch von Beginn an spielen wollen. Er war eigentlich derjenige, der mich dann noch einmal ein bisschen zurückgebracht hat in diesen Hunger, auch zu sagen: Nee, stimmt, es ist zu schade, wirklich nur auf diese Kurzeinsätze zu gehen. Das hat mir auch noch einmal etwas gebracht. Aber irgendwann hat man das natürlich auch sehr genossen – und jetzt mit 34 Toren da vorne zu stehen und auch zu wissen: Ich behaupte, die nächsten fünf, sechs, sieben Jahre sehe ich niemanden, der das einholt. In irgendeiner Bundesliga-Statistik vorne zu stehen – der Gregerl hat es gesagt, Kinder der Bundesliga –, das ist schon geil. Aber es tat auch oft weh.

Michael Gregoritsch: Wie viele Jokertore hast du gemacht? Und wie viele hat der Nächste?

Nils Petersen: Also ich 34, und der nächste Aktive hat keine 15.

Michael Gregoritsch: Ja, und das ist halt das Ding: Einerseits gibt das natürlich deine Rolle her, andererseits gibt das der Verein Freiburg her. Kein Bundesligastürmer der Welt, der pro Saison fünf Jokertore macht, hat das Ego oder dieses Selbstbewusstsein zu sagen: Ja, ich bin besser von der Bank.

Nils Petersen: Ja, habe ich auch gesagt: Das macht ja keiner mit.

Michael Gregoritsch: Schau dir den an … es tut mir leid, sorry an ihn: den Stürmer von Heidenheim letztes Jahr. Schimmer? Schimmer. Schimmer als Joker – geht, der wechselt. Das interessiert ihn nicht, dort zu bleiben. Und das über die Jahre, über diese lange Zeit zu machen! Und wie oft hast du ein Tor gemacht und die Woche darauf wieder nicht gespielt?

Nils Petersen: Irgendwann bist du ja abgefuckt. Ich hing halt so an Freiburg, ich hatte ein gewisses Alter, ich hatte ein ganz gutes Mindset, das hat vieles mit reingespielt. Für 34 Jokertore brauchst du ja, sage ich mal, etliche Einsätze von der Bank. Du triffst halt nicht jede Woche, du triffst alle sechs Wochen, wenn es gut läuft.

Michael Gregoritsch: Das wirst du … da wird dich keiner einholen.

Nils Petersen: Ne, Moukoko hatte schon relativ früh ein paar Jokertore, aber der ist dann raus. Alcácer hat mal in einer Halbserie, glaube ich, noch ein Stück gemacht oder so. Ein paar Mal lief ich mal Gefahr, aber ich sehe es die nächsten Jahre noch nicht. Grifo hat mir den anderen Rekord schon genommen.

Michael Gregoritsch: Ja, ja. Aber das hat sehr lange gedauert, das ist Wahnsinn. Genau, und das ist ja das: Mir fehlt der eine zum Bundesliga-Rekordtorschützen in Augsburg. Das ist auch etwas, was ewig bleiben wird – weil es wird keine Spieler mehr geben in Augsburg, die so oft treffen und dann in Augsburg bleiben. Jeder, der oft trifft, ist direkt wieder weg. Und dann siehst du beim Demirović: Der ist Vierter oder Fünfter, der hat drei Jahre lang Tore gemacht, und der geht weiter. Das ist dann auch etwas, wo ich einfach länger da bin.
Das ist was Geiles, was man in der Hand hat. Und deswegen: Alfreð ist auch ein sehr guter Kumpel von mir – den einzuholen, hey, den Alfreð Finnbogason. Wahnsinn.

Nils Petersen: Und wir reden von Augsburg. Also in Augsburg Tore zu schießen ist schwieriger als in Leverkusen, Leipzig, Dortmund oder sonst wo. Das sage ich trotzdem auch immer für Freiburg – das ist nochmal was anderes.

Michael Gregoritsch: Die Anzahl, die du in Freiburg gemacht hast, ist ja schon Wahnsinn. Dass Vincenzo da drübergegangen ist, ist auch Wahnsinn. Es hilft natürlich schon auch, Elfmeter zu schießen. Vincenzo hat über die Jahre hinweg drei, vier Standardtore extra garantiert – aber in dem einen Jahr hat er acht Elfmeter reingeschossen, in dem Jahr, wo du noch da warst. Da sagst du: Okay, gut, unter Anführungszeichen – aber die musst du auch erst alle reinschießen. Also soll mir keiner erzählen, ein Elfmeter …

Nils Petersen: Aber auch für dich: Hättest du die genommen, dann hättest du im ersten Jahr 18 Tore gemacht oder so.

Michael Gregoritsch: Ja, Füllkrug ist in dem Jahr mit 15 Toren Torschützenkönig geworden. Und ich hatte zehn – ohne Elfmeter.

Warum Freiburg: Heimat statt Nomadenleben

Johnny Hofer: Was dann für mich auch interessant ist: Wir haben jetzt über die Joker-Rolle gesprochen und darüber, dass man als Joker gerne schnell mal wechselt. Warum bist du dann am Ende eigentlich so lange in Freiburg geblieben?

Nils Petersen: Ich habe mich da schon sehr wohl gefühlt. Ich habe natürlich schon das eine oder andere gesehen – das ist das, was ich immer sage: Christian Günter, den finde ich krass, nur einen Verein zu haben. Ich habe ja mal Bremen gesehen oder mal Bayern oder auch mal was anderes. Es tat mir auch gut, Freiburg dann wertschätzen zu können. Ich hatte trotzdem einen geilen Chef mit Christian Streich – auch wenn ich mal nicht gespielt habe, hat er mir trotzdem viel gegeben. Ich habe mich da super wohl gefühlt, es war ein super Standort. Es ist ein anderer Druck. Ich sage auch noch mal: Wenn ich die Tore in Freiburg sehe – das Tor ist wirklich ein Stück weit kleiner als woanders. Das will man vielleicht in Freiburg nicht so hören, aber es ist ein anderer Druck. Da darfst du auch zweimal danebengreifen, da ist nicht gleich die Kacke am Dampfen. An anderen Standorten ist das heftiger. Ich konnte auch mal acht Wochen nicht treffen – oder in meinem letzten Jahr habe ich ja fast nie getroffen bis zum letzten Spieltag. Es hat gar keinen interessiert. Du warst trotzdem beliebt, du warst trotzdem immer willkommen, die haben trotzdem deinen Namen genauso laut geschrien. Man war schnell der Fußballgott, man war ganz schnell beliebt in der Stadt. Das wollte ich dann auch nicht hergeben, das war für mich immer klar. Ich war immer froh, wenn ich wieder einen Vertrag gekriegt habe und wusste: Langfristig bleibe ich hier. Man hat ja als Fußballer keine richtige Heimat. Du bist der Nomade, der von Stadt zu Stadt zieht, von Verein zu Verein. Und dann immer ein Stück weit einen Standort Heimat nennen zu dürfen – das wollte ich einfach nicht hergeben.

Michael Gregoritsch: Du sagst „schnell Fußballgott“ – das hast du dir schon erarbeitet. Das war Wahnsinn. Das war eines der geilsten Spiele, die ich dort erlebt habe. Nicht eines – das Geilste, was ich dort erlebt habe, und ich bin 90 Minuten auf der Bank gesessen. Wir sind zusammen auf der Bank gesessen, gegen Wolfsburg, im letzten Heimspiel von Nils. Freitagabend, das werde ich nie vergessen: 65. Minute, das ganze Stadion – Pe-ter-sen! Und ich habe mir gedacht: krank. Und ich habe in dem Jahr gelernt, nicht neidisch zu sein.
In dem Moment wäre ich so gerne auf dem Platz gestanden, einfach um das mitzuerleben. Das hat mir dann auch eine Riesenidee gegeben, wo ich gesagt habe: Eigentlich würde ich auch gerne in Freiburg aufhören. Ich glaube, wenn ich die WM nicht gehabt hätte, wenn ich kein Nationalspieler wäre, dann hätte ich versucht, nicht mehr aus Freiburg wegzugehen. Weil so einen Abschied – viel besser geht es nicht. Und so ehrlich muss man sein: Die Liebe von den Leuten in der Region Freiburg zu diesem Verein ist einzigartig. Klar, es gibt drumherum auch keine großartigen Vereine, deswegen projiziert sich alles auf Freiburg. Aber diese Region hat einfach 80.000 Mitglieder. Das ist Wahnsinn.

Nils Petersen: Die Entwicklung des Vereins ist brutal.

Michael Gregoritsch: Jeder kennt den SC, jeder liebt den SC. Und wenn du mal schlecht spielst und zwei, drei Mal verlierst, dann sagen sie: Ja, nächstes Spiel gewinnen wir wieder, wir sind wieder da. Du hast mal einen geilen Satz gesagt im neuen Stadion – wir waren ja beschränkt, was Tickets kaufen angeht: Die Tickets sind mittlerweile wie eine Rolex, die kannst du kaufen und fürs Dreifache verkaufen, weil keiner Tickets kriegt. Das ist schon Wahnsinn.

Johnny Hofer: Aber wie komisch ist das jetzt, Michael, wenn du in deine neue Heimat zurückkehrst?

Michael Gregoritsch: Gar nicht komisch. Wenn ich in Freiburg bin, merke ich bis heute eine riesige Wertschätzung. Ich weiß ganz genau, wann das Spiel in Freiburg ist, und ich freue mich extrem darauf – ich war sogar fast ein bisschen traurig, dass es erst in der Rückrunde ist. So ehrlich muss man sein: Ich habe wirklich zwei, drei Vereine in Deutschland, die mir einfach im Herzen sind und bei denen ich eine wahnsinnig gute Zeit gehabt habe. Das sind auch die, wo ich im Endeffekt nicht nur Leihspieler war, sondern wirklich lange dort war. Da habe ich einfach eine Verbindung. In Freiburg habe ich sicher die Prime meiner Karriere erlebt, damals mit einer Mannschaft, in der ich extrem viele Freunde gefunden habe. Wie gesagt: Wenn die WM nicht gewesen wäre, dann hätte ich auch durchgebissen und durchgezogen.

Nils Petersen: Du warst schon super beliebt in Freiburg. Ich habe es sogar geliebt: Wir sind immer auf den Golfplatz gegangen – Philipp Lienhart, der Gregerl und ich. Und dann haben die immer Schnitzelbrötchen dabeigehabt, und ich war ja Veganer. Wir haben dir dann immer die Kresse von oben gegeben.

Michael Gregoritsch: Ja, ich habe bis heute meine Golfbälle vom SC, und wir treffen uns immer wieder. Aber es ist Wahnsinn: Wenn du nicht in Freiburg spielst, dann weißt du das nicht. Wenn du nicht in Freiburg spielst, weißt du nicht, dass dieser Verein in der Stadt alles wert ist. Und dann kommst du da rein – wir haben aus den ersten vier Spielen drei Siege geholt und waren Zweiter oder Dritter. Da war ein Hype, ich konnte das gar nicht glauben. Und ich habe noch 20 Minuten außerhalb gewohnt, bin aber jeden Tag in die Stadt gefahren, damit ich das miterlebe.

Johnny Hofer: Also an alle, die noch nie in Freiburg waren: Ich habe das selber nicht wirklich gewusst und überhaupt kein Gefühl dafür gehabt, aber ich habe selber schon erleben dürfen, wie das in Freiburg ist. Der Verein zählt in der Stadt einfach extrem viel. Alle, die noch nie dort waren: Fahrt da mal hin, schaut euch das an. Das ist definitiv – auch wenn es ultra schwierig zu erreichen ist …

Nils Petersen: Das ist Wahnsinn.

Johnny Hofer: Ich glaube, es gibt gefühlt keine einzige Stadt in Deutschland, aus der man gemütlich mal nach Freiburg kommt. Aber absolut eine Reise wert. So, jetzt bekommen wir dann bitte vom Tourismusverband Breisgau Freiburg hoffentlich eine kleine Spende zugeschanzt.

Michael Gregoritsch: Der Nils ist doch Mitglied im Seniorenverband.

Kreisliga mit Spielerpass und Clubheimdienst

Johnny Hofer: Du hast dort deine Karriere beendet, in Freiburg. Wir haben im ersten Teil unseres Gesprächs schon ein bisschen darüber gesprochen, dass du dem Fußball trotzdem erhalten geblieben bist, auch als Spieler. Jetzt gibt es ja einige Profis, die sagen: Na, nichts mehr, den Amateurbereich tue ich mir nicht an, das interessiert mich nicht. Was hat dich da gekitzelt, was hat dich da gereizt?

Nils Petersen: Ich habe ein bisschen gebraucht. Ich bin raus aus dem Fußball, habe erst mal nicht mehr gespielt. Und dann irgendwann saß ich mit einem Freund beim Essen, und der spielt in einer Mannschaft in der Kreisliga. Und da habe ich gedacht: Warum soll ich da eigentlich nicht auch mitkicken – ab und zu mal hingehen? Die Idee war, ab und zu mitzutrainieren. Man hat die Möglichkeit, ich fahre fünf Minuten mit dem Fahrrad – oder vielleicht sogar mal mitzuspielen. Dann habe ich mir halt so einen Spielerpass machen lassen. Das ist super auffällig: Das gibt es ja in der Bundesliga nicht, dass man sich um alles kümmern muss, dass man alles anleiern muss.

Michael Gregoritsch: Ihr habt hier keinen Teammanager, oder was?

Nils Petersen: Du kriegst ja auch Clubheimdienst und alles, du musst Schiedsrichter machen bei der Jugend. Du musst ein paar Jobs machen, oder du zahlst halt 30 Euro pro verpasstem Einsatz – also ich habe jetzt 90 Euro gezahlt. Und dann habe ich mich angemeldet, und aus drei Spielen wurden am Ende 19 von 26 Ligaspielen. Ich war dann so drin, hatte so Bock, war so ehrgeizig, und ich liebe die Jungs. Ich gehe so gerne in die Kabine, ich liebe Musik vor dem Spiel in der Kabine, diese Anspannung. Für die Jungs bedeutet das die Welt. Die gehen zwar trotzdem vor dem Spiel weg und feiern. Aber dann sind sie um 12:30 Uhr da, und dann ist das für die die Welt. Ich liebe es, denen einfach auch zu helfen. Und man spürt auch so eine Wertschätzung: Du wirst wieder gebraucht. Das ist ja als Profifußballer auch so, dass du gebraucht wirst – oder ich war immer gut, wenn ich gebraucht wurde. Und in der Kreisliga werde ich halt noch viel mehr gebraucht. Das ist auch schon ein cooles Gefühl.

Trash Talk

Michael Gregoritsch: Gibt es Trash Talk in der Kreisliga?

Nils Petersen: Ja, gibt es schon. Und dann fahren die auch immer hoch. Aber ich finde es dann immer gut: Du spielst 30 Minuten, es steht 0:0, ich bin irgendwann auf der Außenbahn – das, was ich nie konnte –, und dann kriegt mich irgendjemand ins Aus, Einwurf für uns, und dann jubeln die. Und dann denke ich: Okay, ab jetzt bin ich da. Die dürfen mich nicht kitzeln, dann sind sie selber schuld. Dieses Alibi-Jubeln …

Johnny Hofer: Ja, da interessiert mich was: der beste Trash-Talker, der euch beiden in der Karriere begegnet ist.

Nils Petersen: Trash-Talker … Also ich bin ja gar nicht so, ich bin ja mit jedem immer cool gewesen. Aber du hast mal mit Moritz Jenz Trash Talk geführt auf dem Platz, kann das sein?
Michael Gregoritsch: Ich mache das immer wieder mit vielen Jungs, aber ich versuche, sie auszutricksen. Du nimmst sie so ein bisschen hops. Ja, ich nehme sie hops. Ich nenne jetzt auch keine Spieler, aber es gibt total viele Spieler, da merkst du: Vielleicht sind sie ein bisschen unsicher, oder vielleicht sind sie extrem selbstbewusst. Zu den extrem Selbstbewussten bin ich extrem nett: Ey, wie gut du bist! Wow.

Nils Petersen: Das ist deine Art.

Michael Gregoritsch: Wenn sie bei einem kleinen Verein spielen, dann sage ich ihnen: Du musst zu uns wechseln, hundert Prozent, Wahnsinn. Und ich kann mich erinnern, es gab einen Spieler, der war ein langjähriger Bundesligaspieler, der hat 250 Bundesligaspiele gehabt. Der hat gespielt, und die hatten kurz davor neun Innenverteidiger geholt, auf seiner Position – plus er war nicht Kapitän. Und ich bin dann hin zu dem und habe gesagt: Ey, das gibt's doch nicht, du bist nicht Kapitän? Du bist doch hier die Clublegende, oder? Du spielst doch hier so lange. Und er: Ja, Gregor, ich weiß es auch nicht. Zack, 4:0.

Johnny Hofer: Sag den Namen, wir piepsen ihn.

Michael Gregoritsch: Nein, nein, nein. Und Nico Schlotterbeck, in dem Frühjahr, bevor ich nach Freiburg gegangen bin und er zu Dortmund: Da hat er mal so einen Diagonalball geschlagen. Den Schlotti habe ich leider nicht so richtig gekriegt. Und wen ich auch nie gekriegt habe beziehungsweise nie kriege, ist Willi Orban – den interessiert das nicht, der sagt: Gregor, verpiss dich. Aber Nico Schlotterbeck hat mal einen Diagonalball gespielt, und dann habe ich gesagt: Wenn ich Dortmund wäre, würde ich dich auch holen.

Johnny Hofer: Lippenlesen können wir auch …

Michael Gregoritsch: Und er hat mich dann so ein bisschen angelacht: Wieso, weißt du mehr, oder was? Und dann ist er wirklich drei Monate später nach Dortmund gewechselt.
Johnny Hofer: Aber Gregerl, hast du mal Spieler gehabt oder Matches gehabt, wo du wirklich das Gefühl hattest: Okay, den habe ich jetzt in der Westentasche?

Michael Gregoritsch: Ja, mehrmals, hundertprozentig, das gibt's. Man ist ja auch nicht jeden Tag und natürlich auch nicht jeden Spieltag auf dem gleichen mentalen Niveau. Ich merke das auch bei mir selber: Wenn ich ausgeschlafen bin, wenn ich wirklich frisch bin im Kopf, dann bin ich am besten. Da geht es nicht um die körperliche Frische, sondern nur um die mentale. Wenn ich weiß, ich kann meinen Trash Talk nebenbei noch führen, dann fühle ich mich überlegen.

Johnny Hofer: Und gab es das auch, dass du selber richtig hops genommen worden bist?

Michael Gregoritsch: Meistens gegen kleinere Mannschaften im Pokal. Du denkst dir, du bist ja klar besser – ehrlich muss man sagen, man ist einfach drei, vier Ligen über dem. Und trotzdem frisst der dich zwei, drei Mal. Wenn du einen Ball anspielst, willst du ihn klatschen lassen, und der frisst dich zwei, drei Mal. Und dann kriegst du vielleicht ein Foul nicht, dann bist du vielleicht noch ein bisschen müde, weil du – keine Ahnung – am Donnerstag schlecht geschlafen hast. Da habe ich früher mehrmals meinen Kopf verloren und dann einfach schlecht gespielt. Mittlerweile kann ich mich zumindest irgendwann im Spiel wieder fangen.

Nils Petersen: Man wird erfahren. Der Witz ist: Ich war immer ein sehr, sehr fairer Sportsmann. Und jetzt in der Kreisliga fange ich manchmal an, so ein bisschen eklig zu sein, ein bisschen zu schubsen oder ein bisschen ekligen Talk zu führen. Es ist komisch, ich weiß nicht, warum. Aber es ist nicht so, dass das beim Gegner unangenehm ankommt – ich glaube, der sagt eher: Krass, der ist echt motiviert und ehrgeizig. Die hätten eher keinen Bock, wenn ich arrogant wäre und sagen würde, ich bin der Größte der Welt. Das mache ich ja nicht. Aber ich bin ekliger geworden.

Johnny Hofer: Ich verstehe das, mit Ende 30 muss man sich anders wehren.

Nils Petersen: Ist wirklich so.

Michael Gregoritsch: Ist dir in der Kreisliga schon mal etwas rausgerutscht, was du dann bereut hast? So ein Assi-Satz wie: Dort, wo ich gespielt habe, zahlst du Tickets dafür.

Nils Petersen: Nee, gar nicht. Das bin ich auch nicht.

Michael Gregoritsch: Ja, weißt du, so Sachen, wo du dann am Abend im Bett liegst und denkst: Scheiße, was habe ich jetzt eigentlich gerade gesagt?

Nils Petersen: Nee, hatte ich noch nie. Ich lächle dann ganz eklig arrogant – wenn mich einer so wegkriegt und jubelt, dann so dieses … Ich glaube, die wollen eine Reaktion, aber ich gebe sie ihnen nicht.

Das Laster: Rauchen im Profifußball

Johnny Hofer: Wir müssen auch noch über ein anderes Thema sprechen: Du hast während deiner Karriere geraucht und danach aufgehört.

Nils Petersen: Ich dachte, eure Podcast-Folge heißt deswegen Ohne Filter.

Johnny Hofer: Die Filterlosen – das ist dir nie ausgegangen. Eigentlich ist es ja andersrum.

Nils Petersen: Es war mein Laster, ich habe es nie abstreifen können. Das Gute war aber – ich nenne jetzt natürlich keine Namen –, ich konnte immer alle lotsen, egal ob auf Schalke, in Augsburg oder sonst wo. Ich wusste, wo man rauchen kann. Ich hatte meine Pappenheimer, immer dieselben Ordner. Es war auch cool, man hat sich immer schon gefreut, die haben schon vor dem Spiel gesagt: Kommst du nachher wieder nach hinten? Ich muss auch sagen – ich nenne wieder keine Namen –, wir hatten auch Dopingkontrollen, unter anderem in Hoffenheim: Da waren wir zwei und zwei Spieler von jeder Mannschaft, und wir haben alle vier geraucht. Das war auch geil.
Da haben echt manchmal die Ärzte gedacht: Was ist denn hier los? Ich bin gar nicht stolz drauf. Ich habe nie in der Öffentlichkeit geraucht, nie in der Stadt, wo mich Kinder sehen könnten – ich wusste immer um die Vorbildwirkung. Aber wenn ich abends unterwegs war … es war am Ende halt auch eine Sucht. Es war auch nicht für jeden Doppelzimmerpartner geil. Ich hatte dann auch ein paar dabei, die es nicht so geil fanden, wenn der so am angekippten Fenster stand. Aber es ging nicht ohne.

Johnny Hofer: Und dann hast du wirklich erst nach der Karriere …

Nils Petersen: Nee, ich habe am Ende der Karriere aufgehört.

Michael Gregoritsch: In dem Jahr, wo wir zusammen gespielt haben, hast du nicht mehr geraucht. Nur beim Feiern – und da war ich dann immer mit draußen.

Nils Petersen: Genau. Ja, es war nie … Ich glaube, der Trainer wusste es auch. Aber 20 Minuten konnte ich immer laufen.

Michael Gregoritsch: Muss ich aber sagen: Gibt es gefühlt gar nicht mehr.

Nils Petersen: Nee, die snusen jetzt mittlerweile alle, manche vapen mal oder so, aber auch eher, wenn sie unterwegs sind. Aber Zigarette rauchen macht kaum noch jemand.

Michael Gregoritsch: In Bochum – auch da kann ich keinen Namen nennen – gab es irgendwann nach zwei Monaten die Ansage, dass in der Gästetrainerkabine nicht mehr geraucht werden darf. Weil, wenn die freitags zu uns gekommen sind, hat die ganze Kabine nach Rauch gestunken, und dann wird das auch verboten.

Nils Petersen: Wobei, in der Kreisliga finde ich es Wahnsinn: Die rauchen ja noch drei Stück, bevor es zum Aufwärmen rausgeht. Die sind so unnötig, die können gar nicht schmecken. Ich glaube, die sind nervös.

Johnny Hofer: Oder direkt nach der Auswechslung noch auf der Bank.

Nils Petersen: Habe ich auch schon erlebt.
Michael Gregoritsch: Es ist Gott sei Dank so, dass keiner mehr raucht.

Nils Petersen: Ja. Aber mittlerweile finde ich krass: auch die 18-, 20-Jährigen, die sind alle so mit Ernährung und vegetarisch und schauen und machen und gehen nicht mehr feiern.

Michael Gregoritsch: Klar, die haben ja Spieler wie dich früher gesehen: So möchte ich nicht werden. Das ist krass. Wenn wir einen Mannschaftsabend haben – wobei wir in Augsburg eine sehr internationale Mannschaft sind, was das angeht. Wir waren jetzt in Manchester, nachdem wir in Leeds 4:0 verloren haben. Und dann waren von den 17, die da waren, wirklich 15 bis zum Ende dabei.

Nils Petersen: Super. In Freiburg waren wir auch immer nach der Saison auf Mallorca, immer zwölf, 14 Spieler oder so. Das fand ich auch sehr geil, muss ich sagen. Das ist auch keine Selbstverständlichkeit in der Bundesliga.

Michael Gregoritsch: Das stimmt, da gebe ich dir recht. Es ist schwer, nach der Saison eine Reise zu planen. Das versuchen viele – wirklich schaffen tut es aus der Bundesliga eigentlich fast nur Freiburg mit so vielen. Werder macht das auch immer, glaube ich. Aufs Boot oder so. Aber so Mannschaftsabende, muss ich sagen: Da sind wir in Augsburg eine super Truppe. Deswegen kannst du dann vielleicht mit dem einen oder anderen Rückschlag besser umgehen, und dann macht es auch Spaß, in die Kabine zu gehen. Bei Brøndby zum Beispiel hatte ich auch Bauchschmerzen, in die Kabine zu gehen, weil die Mannschaft einfach nicht geeint war.

Nils Petersen: Aber das ist schon Käse. Ich sage auch mal: In Freiburg waren wir individuell immer schlechter besetzt als viele Mannschaften und waren tabellarisch immer vor denen, weil wir halt so ein krasses Miteinander hatten. Auf dem Feld hatten wir die engsten Abstände – und ich sage auch mal, das war auch, weil wir außerhalb des Feldes die engsten Abstände hatten.

Michael Gregoritsch: Ja, und wenn du siehst, wie sich Mannschaften freuen, wenn einer trifft – das zeigt immer, wie erfolgreich eine Mannschaft ist. Klar freuen sich viele, wenn sie ein Tor schießen. Aber wenn du siehst, dass sich von elf Spielern auf dem Platz alle elf totlachen, dann weißt du: Die Mannschaft ist erfolgreich. Das ist so bei Elversberg – schau dir mal an, wie die sich totlachen. Und da muss ich auch sagen: Schau dir unser Jubelfoto an, alle lachen sich weg. Diese kleinen Sprüche, die du auch gibst nach dem Tor, und dann diese lustigen Momente in der Kabine danach.
Der Felle hat jetzt den Ball reingeschossen – die Woche davor gegen Schalke eine hundertprozentige, wo er den Ball um 20 Zentimeter nicht trifft. Und dann lachst du dich einfach kaputt und sagst: Du triffst! Und er sagt: Mein einziger Gedanke war, triff den Ball, triff den Ball. Das macht schon was. Also klar, wenn einer qualitativ deutlich besser ist, dann für den – aber bei Charakter und Qualität in der Kaderplanung würde ich immer den Charakterspieler nehmen.

Mentale Gesundheit: die Fassade und der Weg zur Therapie

Johnny Hofer: Ich möchte noch ein etwas schwierigeres Thema ansprechen. Du hast dich ja schon sehr geöffnet, wenn es um mentalen Druck geht, um Panikattacken, die du auch in deiner Profikarriere hattest. Das einzugestehen – du bist quasi Profi, du bist einer der Besten in dem, was du machst: Wie schwierig ist es da eigentlich, sich Schwäche einzugestehen, dass du dich dann auch geöffnet hast? Wobei das ja letztlich keine Schwäche ist, dass man sich öffnet.

Nils Petersen: Ja, das war auch ein Grund, warum ich so lange in Freiburg geblieben bin, weil man da auch echt super damit umgegangen ist. Ich weiß noch, wie ich Christian Streich gesagt habe: Boah, ich kann nicht mehr schlafen, ich habe Schlafprobleme, ich habe Gedankenchaos, ich kann mich gerade nicht freuen, ich habe keine Leichtigkeit, ich habe eher Angst die ganze Zeit und weiß aber nicht wovor, innere Unruhe, Cortisolüberschuss – mir geht es halt gar nicht gut. Er war der Erste, der gesagt hat: Du, nimm dir Zeit, dann fährst du später ins Trainingslager, gar kein Problem. Wir sagen einfach, du machst ein bisschen länger Pause nach Olympia. Also totales Entgegenkommen.
Das Anstrengende ist an sich das Problem. Das Schlimmere war eigentlich wirklich, diese Fassade aufrechtzuerhalten: jeden Tag in die Kabine gehen und sich nichts anmerken lassen. Wir bewegen uns trotzdem auf einem Leistungsniveau, wo der Gregerl spielt oder Petersen oder damals Niederlechner. Da willst du natürlich, dass nichts den Ausschlag geben könnte – sozusagen pro Niederlechner in dem Moment. Und dann hast du versucht, immer gute Miene zum bösen Spiel zu machen, wo du innerlich so ein bisschen gebrochen warst und es dich wahnsinnig Energie gekostet hat. Gregerl, ich weiß nicht, ob du mal eine Scheißnacht vor dem Spiel hattest – das kostet dich natürlich Körner auf Dauer. Wenn du so einen Schlafmangel hast, kommst du nicht mehr in das Leistungsniveau, es zieht dich runter, du bist zu Hause auch nicht gut drauf, das macht auch was mit dem Vibe im Haus, dass da einfach so eine negative Atmosphäre ist, weil du nicht auf dem Dampfer bist. Das hat mich schon lange brutal gestresst.
Und dann den ersten Gang mal zu gehen, in eine ambulante Psychiatrie – das war schon krass, zu sagen: Ich muss mir jetzt irgendwie mal helfen lassen. Und dann bin ich am Ende in so eine Privatpraxis gegangen, das war dann super. Aber ich hatte immer donnerstags Termin und stand mittwochabends schon gefühlt auf dem Parkplatz, weil ich brauchte wieder diesen Input, damit ich wieder über die Woche komme. Diese Abhängigkeit zu haben, dass dich jemand immer aufs Gleis bringen muss, weil du immer wieder vom Gleis runter bist – das war schon schwer. Und die Therapeutin hat damals immer gesagt: Irgendwann werden Sie das alles verstehen, zum Glück habe ich diese Zeit durchgemacht. Ich dachte: Was labert die? Ich will den Scheiß nicht haben. Und wirklich dann so anderthalb Jahre später, als ich ein bisschen durch war mit der Therapie, habe ich echt gedacht: Krass, sie hat recht. Man ist danach so viel gelöster. Ich habe so viele andere Symptome und Probleme abgebaut, und man sieht so viel entspannter und leichter aus. Und ich bin dann mit einem ganz anderen Mindset wieder rausgegangen. Wenn ich mir denke: Mein Gott, dieses Mindset hätte ich Jahre vorher gerne gehabt. Da ist so viel Potenzial.

Michael Gregoritsch: Ja, sehe ich genauso. Mir ist es 2021 genauso gegangen. Ich habe dann im September 2021 begonnen, mit meiner Sportpsychologin zu sprechen. Und das ist so ein Gamechanger – weil die Familie ist ja auch immer befangen. Die Familie sagt ja auch: Warum spielt der nicht? Aber es geht nicht immer nur darum, warum spielt der los, es geht auch mal um andere Sachen. Und das versteht eine neutrale Person deutlich besser. Und dann eben diese Angstzustände auch. Ich kann mich noch erinnern: Das Erste, was ich ihr erzählt habe, oder eines der ersten Dinge, war, dass ich meine Schuhe nicht mehr geputzt habe. Mir war das immer wichtig, dass meine Schuhe sauber waren – und ich habe gesagt: Ich habe keine Lust mehr, meine Schuhe zu putzen. So ein Symptom. Und an solche Dinge denkst du im Gespräch mit zu Hause gar nicht. Zu Hause hörst du dann vielleicht: Ja, ist doch richtig, ich würde mir die Schuhe jetzt auch nicht putzen, das passt schon. Vielleicht heißt es auch: Ja, mach es doch wieder. Aber du verschließt dich zu Hause auch. Und meine Sportpsychologin hat mir gesagt: Ja, mach es doch wieder. Wenn dir das etwas bedeutet, dann mach es. Weil es ist wichtig, dass du die Dinge machst, die dir etwas bedeuten – nicht etwas zu machen, was ein anderer in dem Moment wichtig findet, sondern das, was dir etwas bedeutet. Das hat mir so viel geholfen, es hat mich so zum Positiven verändert und sicher auch meine Karriere einige Jahre verlängert. Bis heute auf jeden Fall verlängert.

Nils Petersen: Glaube ich dir sofort.

Was man von Fans erwarten darf

Johnny Hofer: Wenn ich euch zuhöre, dann fällt mir immer wieder auf: In der öffentlichen Wahrnehmung, egal ob Fans oder Medien, wird alles immer aufs Sportliche reduziert. Und das ist bei diesen Worten, die man einfach nicht so oft hört, so krass. Weil niemand denkt darüber nach, ob es dem Typen auf dem Platz gerade aus irgendeinem Grund nicht gut geht oder ob er einfach sportlich in einem Loch ist. Ist das etwas, was man einbeziehen muss – oder darf man es gar nicht so weit kommen lassen, aus eurer Sicht? Eine sehr schwierige Frage, finde ich.

Nils Petersen: Also, ich sage heute immer noch: Was ich damals durchlebt habe, das gehört noch dazu. Und wir bewegen uns in einem Profibereich, wir haben wahnsinnigen Druck – ohne den Vergleich zu haben, welchen Druck der Handwerker hat, welchen der Jurist, welchen der Arzt. Das ist mir auch bewusst. Aber in dieser Leistungsgesellschaft zu leben, ist nicht einfach. Und wir verdienen trotzdem so viel Geld. Natürlich kannst du sagen, Geld spielt in dem Moment keine Rolle – ich habe damals auch gesagt, ich würde alles dafür hergeben, dass es mir wieder gut geht.
Wir haben ja schon auch gewisse Privilegien. Ich habe sofort einen Termin gekriegt bei der Psychologin, mir wurde sofort geholfen. Die Möglichkeit haben andere auch nicht. Das heißt, dieses Totschlagargument, euch geht es dafür finanziell auch sehr gut, lasse ich sogar gelten. Und ich sage dann immer: Du bist auch in der Verantwortung, dir helfen zu lassen. Ich hätte gerne früher gewusst, dass ich diese Hilfe annehmen kann, dass ich da und da Themen habe, die ich aufarbeiten kann. Aber ich wusste es nicht und habe einfach Symptome über Jahre über mich ergehen lassen. Ich dachte: Ja, ist jetzt halt so, dann frühstücke ich halt nicht mehr, dann schlafe ich halt schlecht. Das war dumm von mir, ich hätte viel früher in diese Thematik reingehen müssen. Da finde ich, muss man ansetzen: dass man die Leute aufklärt und sagt, geht nicht nur ins Fitnessstudio und baut euch auf, sondern macht auch was für euren Kopf – da könnt ihr so viel aufholen. Vom Mindset her.

Michael Gregoritsch: Ja, das ist ja auch das, so wie du sagst. Also, Johnny, einerseits erwarte ich nicht von jedem Fan, dass er sagt, wenn ein Spieler schlecht ist: Ja, vielleicht hat er schlecht geschlafen oder vielleicht hat er private Probleme. Das erwarte ich nicht, weil total vielen Menschen, die in Stadien gehen, für ihren Verein, denen bedeutet der Verein alles. Und die ordnen auch vieles dem Verein unter. Wenn jemand eine Saisondauerkarte kauft und zu jedem Auswärtsspiel fährt, vielleicht aber monatlich nicht so viel verdient und gerade so über die Runden kommt und sich trotzdem dieses Ticket kauft, dann habe ich nicht das Recht zu erwarten, dass der sagt: Vielleicht hat er schlecht geschlafen. Sondern wir sind in der Position, wo wir liefern müssen. Wir werden auch andauernd bewertet. Wie gesagt, ich brauche nicht, dass der mich bemitleidet, sondern nur: Okay, alles klar, passiert halt mal. Es gibt schlechte Tage, es gibt auch schlechte Tage im Training. Das hat sich gewandelt, Gott sei Dank, dass die mentale Gesundheit viel wichtiger wurde, und deswegen muss es weitergehen. Aber ich kann nicht von einem Fan erwarten, dass der jedes Mal Rücksicht darauf nimmt. Weil: Was ist, wenn es mir eigentlich gut geht und ich habe scheiße gespielt? Dann nehme ich es auch nicht als Ausrede. Das Business ist ein bisschen von Stärke-Zeigen getrieben. Es ist okay, dass der Fan nicht immer Rücksicht darauf nimmt – und trotzdem ist es gut, dass über mentale Gesundheit ganz offen gesprochen werden kann, wenn jemand zu einer Psychologin geht. Und deswegen: Ja, jeder soll das machen. Alle. Überall.

Der unterschätzte Lebenslauf

Johnny Hofer: Ich finde, du hast vorher noch etwas Gutes angesprochen, Nils, und darauf möchte ich dich mit einem Interview ansprechen, das du vor ein paar Jahren gegeben hast: nicht nur ins Fitnessstudio gehen, sondern auch etwas für die Birne tun. Du hast in einem Interview im Focus gesagt: Manchmal schäme ich mich, weil ich so wenig Wissen besitze. Wie viel hast du dir mittlerweile aufgeholt?

Nils Petersen: Na ja, ich habe gesagt: Ich verblöde seit zehn Jahren, aber ich halte mich über Wasser, weil ich ganz gut kicken kann. Das war so ein bisschen das Thema. Eigentlich sollte es ein Joker-Interview werden, auf einmal kam die Thematik raus, und so viele Kollegen haben geschrieben: Ey, so bist du doch gar nicht. Und ich habe gesagt: Danke. Es war schon witzig. Ich bin damals wirklich in meiner Anfangszeit in Freiburg immer mit der Badischen Zeitung im Bus gesessen, und ich wurde schief angeguckt, weil die Leute gesagt haben: Was machst du da? Was ist das? Das ist eine Tageszeitung.
Ich habe jahrelang unterschätzt, was wir Fußballer uns doch für Skills aneignen und dass wir doch einen Mehrwert hätten für jede Firma. Ich behaupte echt so arrogant: Wir könnten so schnell lernen, wir wären so aufnahmefähig, wir sind zuverlässig, wir sind diszipliniert, wir könnten vieles schnell umsetzen. Nicht alles – ich kann morgen kein Auto zusammenbauen, aber ich könnte vieles mehr, als ich damals gedacht habe, weil ich vielleicht auch manchmal den Arbeitswert unterschätzt habe. Ich war jetzt beim Sportmanagement-Studium in St. Gallen, und da waren viele aus der freien Wirtschaft, die gesagt haben: Wir hätten voll Bock auf euch Sportler, weil ihr so teamfähig seid, weil ihr motiviert seid, weil ihr gerne etwas aufnehmt und umsetzt. Da habe ich schon rausgehört: Das scheint wohl nicht ganz unerheblich zu sein – nicht überall, aber zumindest hätten wir doch einen Mehrwert für die Gesellschaft. Das ist auch beruhigend.

Johnny Hofer: Könntest du dir das überhaupt vorstellen, so einen richtigen Nine-to-five-Job in einem klassischen Angestelltenverhältnis?

Nils Petersen: Ich habe es noch nie gehabt. Ich weiß nicht, was für eine große Klappe ich hätte, wenn ich Ja sagen würde. Selbst wenn ich mich jetzt mal eine Woche bei Douglas hinstelle und Parfüm verkaufe, könnte ich sagen: Hat mir voll Spaß gemacht. Aber wenn ich das ein Leben lang machen müsste – keine Ahnung, ob es mir auch Spaß macht. Aber ich muss sagen: Am Freitag und Sonntag war ich bei einem Dreh für eine Doku für DAZN. Da waren wir Freitag den ganzen Tag auf so einer Baustelle mit dem Trainer und dann abends zum Training. Mir hat der Rücken wehgetan von der Baustelle, wirklich. Ich dachte: Mein Gott, da wird man mal ein bisschen geerdet, muss ich sagen.
Da sind wir wahnsinnig privilegiert. Da brauchen wir nicht um den heißen Brei herumzureden: Wir Fußballer können viele Jahre überbrücken, wenn wir gut wirtschaften. Wir können schauen, was uns danach gefällt, und irgendwas für uns finden, was letztlich vielleicht nicht so viel Geld einbringt, aber Spaß bereitet. Und das ist schon ein absolutes Privileg. Ich bin jetzt seit drei Jahren selbstständig, seitdem ich rausgekommen bin aus dem Fußball, und bin super dankbar, weil ich meinen Urlaub selber planen kann, Ja und Nein sagen kann – eine gewisse Freiheit, die hast du als Fußballer auch nicht in dem Ausmaß. Und ich verdiene weiterhin Geld, das ist auch eine Form der Wertschätzung und motiviert mich auch. Aber irgendwann werde ich wahrscheinlich spätestens als Trainer wieder in so ein Angestelltenverhältnis reinrutschen.

Verabschiedung

Johnny Hofer: Ja, ich denke, das ist ein schönes Schlusswort. Aber die letzten Worte gehören wie gehabt dir, Gregerl.

Michael Gregoritsch: Ja, weltklasse Podcast. Wie immer sehr, sehr viel Spaß gemacht mit dir, Nils. Wir sollten eigentlich mal öfter telefonieren.

Nils Petersen: Ja, bitte, ich rufe an – aber nicht direkt nach dem nächsten Sieg.

Michael Gregoritsch: Ne, super Podcast, extrem cool, sehr lustig am Schluss, auch wieder sehr smart – so wie immer. Deswegen danke, dass du zu uns gekommen bist. Sorry für die Verspätung, für alle Zuhörer: Ich habe es falsch weitergegeben, ich habe gesagt, wir treffen uns erst eine halbe Stunde nach neun, und der Nils war um neun Uhr schon bereit. Aber der Wechselspieler kommt halt erst für die letzte Viertelstunde, weißt du?

Nils Petersen: So ist es, so ist es. Ich muss meine Rolle einnehmen.

Michael Gregoritsch: Ich habe sie diesmal angenommen. Danke fürs Kommen. Ich hoffe, allen hat es gefallen, und bis zum nächsten Mal.

Nils Petersen: Danke.

Johnny Hofer: Ja, und wenn dir diese Folge gefallen hat, abonniere uns gerne und verpasse keine weiteren Episoden von Ohne Filter. Wenn du außerdem die Video-Episoden sehen möchtest, findest du unseren gesamten Katalog auf dem Canal+ YouTube-Kanal und in unserer App. Ohne Filter ist ein Canal+ Podcast, produziert von Pepsila Digital. Bis zum nächsten Mal.