Ohne Filter – Folge 3

Paul Pizzera bei Ohne Filter: Fankurve, Fußball und die großen Fragen des Spiels

Episodenbeschreibung

Paul Pizzera ist Musiker, Schauspieler, Autor – und leidenschaftlicher Fankurven-Steher. In der dritten Folge von Ohne Filter sitzt der erste Nicht-Fußballer bei Johnny und Michi am Kaffeetisch. Was folgt, ist eine Reise durch Grazer Stadiongeschichten, erste Erinnerungen ans Stadion (inklusive Otto-Konrad-Dress im falschen Sektor), Spiegelselfies im Puma-Outfit und die Frage, woran man ein gutes Spiel erkennt, wenn kein Tor fällt.

Dazu: Warum David Alaba wieder als Vorbild auftaucht, was Alex Manninger für den österreichischen Fußball bedeutet hat – und wie der Ibiza-Skandal einen Stadionbesuch in München unvergesslich gemacht hat. Abonniert uns und bewertet uns auf eurer Lieblingsplattform!

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#3 Paul Pizzera: Vom Fankurven-Kid zum Rockstar

Das erwartet dich in der Folge

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    Paul Pizzera als erster Nicht-Fußballer zu Gast

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    Sturm-Liebe, Kurvenzeit und erste Stadionerlebnisse

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    Fußballromantik zwischen schlechten Schnitzelsemmeln und Auswärtsfahrten

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    Michis Blick auf Stürmerrolle, Teamgedanke und Leistung ohne Scorerpunkt

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    Vorbilder, Werte und Kindheitsidole im Fußball

Transkript der Folge

Begrüßung

Johnny Hofer: So lang, wortgewandt, die Haare sitzen perfekt, das Lächeln verschmitzt – ein Mensch, den sehr viele gerne als Freund hätten. Die Rede ist nicht vom Gregor, sorry Michi, sondern vielmehr von unserem Gast Paul Pizzera – Kleinkünstler auf großer Bühne. Ein grünes Herz, doch fußballerisch schlägt es weiß-rot und trotzdem ist es pechschwarz. Autor, Liedermacher, Rockstar, Schauspieler – ein Mensch, 1.000 Talente. Wir freuen uns sehr, Pauli, dass du unser zweiter Gast bist.

Paul Pizzera: Der Barcholt, grüß Gott! Danke vielmals. Was für ein Intro, wow. Danke vielmals. Ja, lieber Johnny, lieber Michi, lieber Gregor – ich habe mich gefreut, dass ich heute dabei sein darf. Muss mich gleich als Fan outen. Hab natürlich die erste Folge schon gehört, beziehungsweise die ersten zwei Halbzeiten mit Baumi. War richtig cool, super authentisch, super lieb, super reflektiert – und man hört euch wirklich gern zu. Und nein, das ist nicht, weil ich Gast bin, sondern weil ich der Meinung bin. Und danke, dass ich heute da mit euch die Zeit verbringen darf.

Michi Gregoritsch: Danke, dass du zu uns zu Gast kommst. Du bist ja der erste – in Anführungszeichen – Nicht-Fußballer. Es war uns ein Riesenbedürfnis, dass du kommst. Und Pauli, wir haben ja mittlerweile eine kleine Freundschaft aufgebaut und darum geht es ja: Dass wir da sitzen, quasi wie beim Kaffee, und das genießen. Deswegen bin ich sehr, sehr glücklich, dass du zu uns kommst.

Paul Pizzera: Ich kann mich nur anschließen. Wir haben uns leider in Persona nicht so oft gesehen, aber wir halten den Kontakt. Ich bin trotz der verschiedenen Fanlager ein Fan von dir, weil du einfach gescheit bist und reflektiert. Wenn du was sagst, hat es immer Gewicht. Jetzt haben wir uns genug im Kreis rumgeschmiert – ohne Filter!

Michi Gregoritsch: Kurz für alle Zuhörer und alle Zuschauer, auch Johnny, du weißt das gar nicht: Der Pauli hat schon in unserem Garten daheim gekickt mit mir. Eigentlich mit meinem Bruder – ich hab damals als Jüngerer nicht mitspielen dürfen, wahrscheinlich hab ich die Bälle geholt.

Paul Pizzera: Du warst damals schon selber besser als wir, aber ja, ich habe tatsächlich unten im Tal bei deinem Elternhaus gekickt, weil ich mit einem Nachbarn von Matthias und Michi in die Schule gegangen bin. Und da haben wir dann drüben gekickt. Und wie gesagt: Wenn die Abseitsregel abgeschafft wird, bin ich wieder vorne dabei. Erste Halbzeit als Zehner, zweite Halbzeit als Libero. Ich gehe gar nicht runter in der Halbzeit.

Michi Gregoritsch: Wenn die Abseitsregel abgeschafft wird, geht’s für mich auch noch ein bisschen länger. Dann muss ich nicht nur so schnell sein, dann kann ich mich besser hinstellen. Vielleicht habe ich auch Glück. Dann spielen wir zusammen.

Paul Pizzera: Wenn ihr Lust habt – bitte kommt zu uns und rettet uns die Meisterschaft. Das wäre was Liebes.

Michi Gregoritsch: Ganz schwieriges Thema. Graz ist rot-weiß und wird immer rot-weiß bleiben. Auch wenn mein bester Freund jetzt dort spielt und ich wünsche ihm natürlich den größten Erfolg – aber mein Herz ist rot-weiß und im Norden von Graz angesiedelt.

Paul Pizzera: Wer ist dein bester Freund? Das weiß ich gar nicht.

Michi Gregoritsch: Albert Walci. Wir haben eine Fünfergruppe und drei sind im Fußball verblieben. Zwei sind Fußballfans und fußballbegeistert, und der eine spielt heute beim Vorstadtverein.

Paul Pizzera: Lustig, wie arg ist das? Für nur 0,5 Prozent der Grazer ist es auf jeden Fall rot-weiß. Ich zähle dich zu einem davon. Das geht ja heute gar nicht – wir wollen ja das finden, was uns eint, oder Johnny?

Quickfire-Runde

Johnny Hofer: Danke für diese wunderschöne Überleitung, Paul. Natürlich, ich würde jetzt nicht noch bisschen Öl ins Feuer gießen. Mir ist von GAK-Fans schon ein paar Mal gesagt worden, der GAK ist der Stadtclub und Sturm ist so das für das ganze Drumherum. Aber ich lasse das jetzt einfach so stehen. Ich möchte kurze Fragen an dich stellen, die wir uns überlegt haben. Passend dazu, natürlich ohne Filter: Wie trinkst du deinen Kaffee am liebsten?

Paul Pizzera: In der Früh meistens mit Milch und dann über den Tag ohne. Genau, mehrere Espressi, um wahnsinnig kultiviert zu wirken. Und sonst in der Früh einfach mit Milch und fertig. Ich bin ja – eines meiner 1.000 Laster, wie Rudi Quenberger gesagt hat – das Rauchen. Und deswegen ist das in der Früh das Erste, was ich mache: Kaffee und Tschick. Ja, ich weiß, ist ein Blödsinn, ich muss aufhören. Aber bis 40 verzeiht der Körper alles, hat mein Internist gesagt. Und da hab ich ja noch zweieinhalb Jahre, deswegen muss ich das ausnutzen, um dann ein asketisches Menschleben zu führen.

Michi Gregoritsch: Bist du auch einer von unseren komplett versauten Siebträger-Espresso-Trinkern, so wie ich, oder trinkst du auch Vollautomaten-Kaffee?

Paul Pizzera: Ich darf dir was sagen: Ich bin so ein richtiger Nespresso-Schlamperich. Weil ich das am angenehmsten finde. Ich brauche vier Kaffee am Tag, da rechnet sich für mich kein Vollautomat. Und dann immer das Aufmachen und dann das Ausladen, diese Bohnen und den Satz – das taugt mir auch nicht. Deswegen taugt mir … Ich find’s wirklich, ganz ehrlich, für mich am praktischsten einfach so. Und natürlich hoffe ich dann irgendwo, jetzt wo der Bart schon langsam grau wird, dass der Herr Clooney mich dann in Pension schickt und das mit den Fragen – bis jetzt ist da noch kein E-Mail gekommen, dann schauen wir mal.

Johnny Hofer: Schauspieler oder Musiker?

Paul Pizzera: Musiker, auf jeden Fall. Es ist total cool, und ich glaube, das merkt ihr ja auch – du als Moderator, du als Profikicker – es ist total schön, wenn man seinen kreativen Touch halt irgendwie anderweitig ausleben darf. Aber das, wofür das Herz halt schlägt und was du halt einfach machen willst auf diesem Planeten, ist dann halt eher deine Kernkompetenz. Und was man oft vergisst: Beim Schauspielen – was Film betrifft, Bühne ist was anderes – ist es leider kein wahnsinnig kreativer Beruf. Du wirst in der Früh abgeholt, darfst nicht selber fahren aus versicherungstechnischen Gründen, du wirst dann dort angezogen, geschminkt, da kommt die Regieassistenz, die geht mit dir die Szene durch, dann gibt es eine Probe und dann wird gedreht. Und wenn du es nicht hinkriegst, dann machst du es einfach noch einmal. Da fehlt mir halt so ein bisschen, dass du was erschaffen kannst. Aber es ist ein cooler und ehrenwerter Beruf. Auf jeden Fall, wenn ich mich entscheiden müsste: Musik.

Johnny Hofer: Was ist geiler: Ein ganzes Stadion füllen oder so ein Gig in einem Kellerclub?

Paul Pizzera: Beides geil natürlich. Es ist total schön, wenn man auf der Donauinsel 100.000 Leute vor sich hat. Das ist natürlich cool. Und dann hat es total was Schönes, Intimes, wenn du es dann mal wieder auf einer kleineren Bühne spürst. Aber ich glaube, es ist halt schon cooler, wenn man das Große gehabt hat und dann sagt, das Kleine ist auch schön, als wenn man nur das Kleine gehabt hat. In Frankfurt glaube ich sagt man: Hast nix, ist nix. Hast was, ist auch nix. Aber hast was ist besser als hast nix.

Johnny Hofer: Sehr pragmatisch. Liebenau oder Happel-Stadion?

Paul Pizzera: Liebenau, natürlich.

Paul Pizzera: Also bei aller Liebe – ich glaube, der Denkmalschutz Österreich macht einen super Job. Aber wenn jetzt dauernd die Argumentation ist, weil der Ralf hat ja auch tausendmal schon gesagt, Österreich bräuchte eine gescheite Arena – und dann das Argument ist, dass das Dach vom Happel-Stadion unter Denkmalschutz steht … Okay gut, ich hab’s jetzt nicht studiert, aber ich glaube, das würden viele verkraften, wenn das Dach da weg ist. Aber es geht halt beides so.

Michi Gregoritsch: Lieber Paul, letzte Frage: Lieber GAK-Meister oder Sturm steigt ab?

Paul Pizzera: Das ist hart. Das ist wirklich hart. Dadurch, dass wir jetzt reziprok die Möglichkeit haben, dass es in der Saison noch beides umgekehrt möglich ist … Ja, verdammt, ich glaube – da würde ich euch sogar den … Nein, schaffe ich nicht. Nein, dann nehmt den Abstieg. Passt. Nein, ich hab’s kurz probiert. Aber nein, es ist ohne Filter. Wir sind heute ehrlich. Nehmt ihn, nehmt ihn, nehmt ihn. 

Wie bist du zum Kick gekommen?

Johnny Hofer: Lass uns reingehen in den Fußball und fangen wir mal ganz, ganz, ganz vorne an: Wie bist du zum Kick gekommen?

Paul Pizzera: Ja, ich habe selber halt auch als Kind gespielt, bis 14, 15. Dann habe ich zum Basketball angefangen, da war ich der Kleinste – das war ziemlich überschaubar. Aber jedenfalls, wie ich in die Mittelschule gekommen bin, da waren halt bei uns eher so die Sturm-Leute. Am Anfang war ich, wie jeder normal denkende Mensch, Otto-Konrad-Fan natürlich. Und dann hat sich das von Austria Salzburg verlagert auf den Verein, wo du wirklich deinen Bezug hast. Es ist immer so lustig, wenn einer aus Weiz kommt und dann sagt, er ist Barcelona-Fan. Ist logisch, Hermann – du hast extrem viel Bezug dazu. Dann ist es bei uns in der Schule so gewesen, dass alle eher Sturm-Fans waren. Und das hat dann so mit 14 angefangen und während dem Zivildienst seine Hochphase erreicht, wo ich dann wirklich zwei, drei perfekte Saisonen hatte. Also sowohl daheim als auch auswärts, wo man dann 50 Stunden nach Soligorsk gefahren ist mit dem Bus. Ganz arg war, als dann in der 93. Minute der Fahrer seinen Burschi gewechselt hat, damit er sich für die nächsten zwei Jahre das Dauerkartengeld spart. 0:0, das war auch super. Also ja, das war die Zeit Anfang Studium, Ende Zivildienst – da hast du halt Zeit, und da war das genau das Richtige. Und ich war auch gestern, wir zeichnen jetzt am 27. April auf, auch wieder unten und vor einer Woche Linz auswärts. Es ist noch immer total bei mir drinnen. Es sind halt viele Freunde von mir da, sehr verwurzelt in der Ultraszene. Und ja, das taugt mir halt einfach auch und ist ein schönes Abschalten vom Alltag. Du bist dann einfach ein Teil von einem großen Ganzen und das ist irgendwie schön und wärmt irgendwie.

Michi Gregoritsch: Hast du, nachdem du natürlich mehr Bekanntheit erreicht hast – hast du da ein bisschen geändert, dass du aus der Kurve rausgegangen bist? Oder warst du in der Kurve für immer der Pauli und du kannst quasi du selber sein?

Paul Pizzera: Besser hätte ich es nicht beschreiben können. Es ist genauso, wie du sagst. Ich war noch nie in meinem Leben in einem VIP-Club und werde das auch meiden. Das bin halt nicht ich. Bei mir müssen drei Finger vertikal durchs eingeschränkte Bier fallen, es muss ein bisschen riechen und es muss ein extrem schlechtes Schnitzelsemmerl sein. Das ist halt ein Klischee, aber so habe ich es gelernt und so möchte ich es haben. Gott sei Dank habe ich die Leute von früher, die dann schauen, dass es passt.

Erste Erinnerung ans Stadion

Johnny Hofer: Da muss ich einhaken, weil ich möchte über die erste Erinnerung ans Stadion sprechen. Bei mir ist das aufgrund meiner Herkunft logischerweise das Stadion Lehen in Salzburg gewesen. Großartig, sehr schade, dass es das nicht mehr gibt. Ich war, glaube ich, sieben. Wir sind mit dem Fußballverein ausgefahren nach Salzburg und ich habe davor überhaupt keinen Bezug zum Fußballstadion gehabt. Und ich gehe rein ins Stadion und hab aufs Klo müssen – eineinhalb Stunden Busfahrt. Und das war noch so richtig alt. Die Klos waren einfach ausgeflieset und du hast halt gegen die Wand gepinkelt. Und es kommt einer rein und speibt mitten hin. Und das hat sich in meinem kindlichen Ich so eingebrannt, weil das so wüst und so anders und so abgedreht gewesen ist, dass das auf der einen Seite schockierend und auf der anderen Seite extrem faszinierend war.

Paul Pizzera: Ich habe eine gute Geschichte sogar. Und zwar war es so: Ich war, wie vorher erwähnt, natürlich Otto-Konrad-Fan und dann habe ich zu meiner Mutter gesagt, ich würde den bitte gerne einmal live sehen. Dann hat sie für Sturm gegen Austria Salzburg Karten besorgt – natürlich die günstigsten, die sie erwischt hat. Das war noch in der Kurve und wir waren im Gästesektor. Ich bin mit Otto-Konrad-Dress von Austria Salzburg als Sechsjähriger Knopf einmarschiert. Ist überschaubar angekommen. Aber die in meinem Alter, so 14-Jährige, die halt gerade so geschlechtsreife Säugetiere im Anfangsstadium – die haben mich so angespuckt. Meine Mutter hat nicht gewusst, was sie machen soll. Sie war völlig überfordert mit der Situation, warum ihr Sohn da jetzt angespuckt wird. Und dann war so ein großer Sturm-Hawi, der so drei Kropfenreißer noch in der Patsche gehabt hat und die gelben Finger vom Rauchen – so richtig der Klischee-Typ. Und schaut mich an und merkt das und sagt: Da stellst du dich so her wie zum Zaun, ich pass schon auf dich auf. Und dann war ich Sturm-Fan. Ja klar, weil ich habe gedacht: Danke vielmals, dieser Hüne beschützt mich hier vor diesen wilden Hunden. Und dann war es so mitgeschehen.

Michi Gregoritsch: Ich bin tatsächlich ein verwöhntes VIP-Kind gewesen, weil der Papa war ja Trainer beim GAK beziehungsweise damals Co-Trainer. Und meine ersten Erinnerungen sind wirklich noch Schwarzenegger-Stadion, GAK, Ronny Brunmaier. Und damals das erste Spiel, wo der Papa Trainer war, war ein Cup-Viertelfinale – 3:0 gewonnen. Ben Agué, Kelly Adutu und Igor Parmic.

Paul Pizzera: So ein Elfmeter-Karton!

Michi Gregoritsch: Mein Bruder, der Matthias, war viel damals im 25er-Sektor beim GAK. Und ich bin ehrlicherweise fast einmal mit meiner Mama in eine Schlägerei reingekommen. Aber das war hinten vor der Eishalle, da haben sie einen organisierten Kampf gehabt. Und dann, lustigerweise: Mattersburg ist so meine ersten richtigen Herzenserinnerungen. Das Pappelstadion mit hinter einem Tor den Hügel rauf, volles Stadion, Cup-Viertelfinale gegen Sturm. Ich glaube 1:0 für Mattersburg damals.

Johnny Hofer: Pauli, du hast vorher von einem schlechten Schnitzelsemmerl gesprochen. Pappelstadion – das ist einer der größten Gründe, warum es wahnsinnig schade ist, dass Mattersburg eben nicht mehr so existiert. Dort hat es die mit Abstand besten Schnitzelsemmerl in Österreichs Stadien gegeben.

Paul Pizzera: Und da schreibe ich dir plus den besten DJ von den Stadion-Durchsagen, die sie dort aufgehängt haben. Der hat einen super Rockmusikgeschmack gehabt. Wirklich, da bist du ohne zwei helle Nummern nicht rausgekommen. Mattersburg auswärts war immer lustig – das haben wir sogar mal mit dem Weißen Bus gefahren. Zum Puschen schon – das war geil.

Kurvenzeit und aktive Szene

Johnny Hofer: Wie lange warst du dann wirklich Teil der aktiven Szene? Wie lange bist du wirklich in der Kurve gestanden? War das nur diese abgegrenzte Zivildienstzeit?

Paul Pizzera: Ich habe nur gehupft und stehe jetzt – jetzt geht’s halt nur sporadisch. Die Schweine spielen immer, wenn ich spiele. Das ist gemein. Aber so oft es halt irgendwie ausgeht, schaue ich halt. Aber Saisonkarten wäre halt einfach, dem Platzkarten-Inhaber einen Platz wegnehmen – das ist einfach gemein. Aber dieses wirkliche Choreografie-Pinseln und so – das war eben so von 17 bis 20 ungefähr. Dann kommt der Ernst des Lebens.

Michi Gregoritsch: Was war die beste Partie, die du miterlebt hast?

Paul Pizzera: Zweierlei. Zum einen natürlich unvergessen: 1. Mai 2024, Cup-Finale gegen Rapid. Das war richtig geil. Von der Stimmung her und von allem einfach ein surreal geiler Tag. Um 9 Uhr in Liebenau weggefahren. Das war wirklich einfach großartig. Und zum Zweiten muss ich sagen: Mein einziges Spiel im Bernabéu, weil ein Freund von mir bei der Real-Madrid-Uni dort studiert hat. Der hat uns Karten besorgt, damals gegen Schalke, wo noch ein gewisser Leroy Sané und Christian Fuchs gespielt haben. Und da hat Schalke 4:3 gegen Real gewonnen – ein schlechtes Spiel von Real – und Cristiano Ronaldo schießt drei Tore und wird vom Heimblock ausgepfiffen. Schon ein bisschen verwöhnt, aber das sind wir im schwarzen Graz ja auch.

Woran erkennt man ein gutes Spiel ohne Tor?

Paul Pizzera: Darf ich eine Gegenfrage stellen? Ich bin wirklich ein Fanboy und ein paar Sachen interessieren mich wirklich. Und zwar: Wenn du als Stürmer keinen Assist und kein Tor schießt – woran erkennt man trotzdem, dass es ein gutes Spiel von dir war?

Michi Gregoritsch: Das hat sich im Laufe des Fußballs ein bisschen verändert. Bei mir und meinem Spielstil ist es so: Wenn der Verteidiger vielleicht zwei, drei Mal pro Spiel den Ball ins Out geschossen hat oder den Ball meinen Mitspielern in den Fuß gespielt hat, nachdem ich Druck gemacht habe. Und weil ich so groß bin: Wenn ich viele Kopfbälle verlängert habe, wenn das Spiel sich eher in die gegnerische Hälfte verlagert hat und quasi um mich herum, als dass jedes Mal der Ball wieder zurückfliegt. Das ist eine lustige Frage, weil das habe ich selber ganz lange nicht gecheckt: Wann spielst du jetzt ein gutes Spiel? Natürlich ist man am Anfang so: Du bist Stürmer, du musst ein Tor schießen oder einen Assist machen. Aber meistens verändert sich die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit komplett mit einem Tor. Wenn ich merke, ich gewinne relativ viele Kopfball-Duelle und der Ball geht eher hinter mich – weil ich stehe immer mit dem Rücken zum Tor – als dass er 20 Meter zurückkommt: Dadurch bin ich auch ein besserer Spieler geworden, als ich das irgendwann gecheckt habe vor ein paar Jahren.

Paul Pizzera: Ich glaube, das hat dann auch viel mit Verständnis und mit Selbstwert zu tun. Weil du wirst natürlich logischerweise leider von 90 Prozent nur daran gemessen: Hat er ein Tor geschossen oder nicht, fertig. Und eben, dass du halt dienlich bist für die Mannschaft – das ist ja das Entscheidende.

Michi Gregoritsch: Und zum Beispiel gerade im Nationalteam ist es oft so: Da darf ich im Moment Gott sei Dank sehr viele Tore schießen seit ein paar Jahren.

Paul Pizzera: Dafür lieben wir dich!

Michi Gregoritsch: Es ist halt so geil, weil ich so gute Mitspieler habe dort. Jetzt in Augsburg bin ich auch sehr gesegnet mit meinen Mitspielern. Hin und wieder war es so: Okay, ich kann einfach arbeiten für die anderen, damit die dann treffen. Und wenn der Sahin-Ball 25 Meter, 20 Meter vom Tor liegt, dann kann ich mir relativ sicher sein, da passiert jetzt was Gescheites. Und dann macht es auch Spaß, wenn ich halt für den hacke oder für einen Baumi oder für wen auch immer. Das Spiel hat sich verändert und Gott sei Dank auch mein Mindset, weil ich glaube, sonst würde ich nicht mehr auf dem Niveau spielen können.

Johnny Hofer: Aber gibt es eine Partie, die dir in Erinnerung geblieben ist, wo du keinen Scorerpunkt hattest und trotzdem gedacht hast: Das war heute ein brutales Spiel von mir?

Michi Gregoritsch: Lustigerweise haben wir die Partie verloren: Rumänien auswärts. War für mich selber – da habe ich gedacht: Wow, wie gut war ich da? Aber wir haben leider verloren. Und sonst: Schweden daheim damals in der Qualifikation zur Europameisterschaft. Lustigerweise haben der Pauli und ich uns kurz davor kennengelernt.

Paul Pizzera: Ist es umgekehrt auch so, dass du manchmal unzufrieden mit dir bist, obwohl du Scorerpunkte gemacht hast?

Michi Gregoritsch: Weniger. Ich habe das Gott sei Dank immer gehabt, dass für mich der Assist das Geilste war, was mir passieren kann – solange die Partie gewonnen wird. Ich habe das nicht, dass ich aus einer Partie, wo ich getroffen habe und wir sie verlieren, zufrieden rausgehe und sage: Gott sei Dank getroffen. Das finde ich auch wichtig. Dann müsste ich Tennis spielen – dann bin ich Egoist. Aber wenn ich nicht treffe und wir gewinnen die Partie, das überstreicht schon viel. Der Samstagabend ist dann gerettet.

Johnny Hofer: Aber das ist immer schon so?

Michi Gregoritsch: Das war immer so. Wenn ich ein Tor oder einen Assist hatte, ist einfach dieses Gefühl am Abend besser. Ich nehme dann trotzdem mal das eine oder andere Kaltgetränk. Ein Bauarbeiter trinkt ja auch nicht nur dann, wenn das Haus fertig gebaut ist.

Paul Pizzera: Richtig! Aber ich glaube schon, dass eine Niederlage trotzdem leichter zu ertragen ist, wenn man getroffen hat.

Michi Gregoritsch: Ja, wobei mittlerweile verändern sich ja schon die Mannschaftsziele. Ich spüre jetzt in Mannschaften, die sehr erfolgreich sind und erfolgreich wurden, da hat sich das Mindset schon verändert, dass ich mich dann deutlich mehr ärgere, wenn wir verlieren, auch wenn ich getroffen habe. Aber ich glaube einfach, dass der Teamgedanke sicher noch mehr gereift ist gegen Ende der letzten Zeit.

Vorbilder und Werte

Paul Pizzera: Gibt es eine Kleinigkeit, die dir beigebracht wurde von einem Teamkollegen oder von einem Trainer? So ein minimales Ding eigentlich, was aber einen vollen Impact gehabt hat auf deine Denke oder auf deine Spielweise?

Michi Gregoritsch: Das ist lustig, weil wir in der dritten Folge zum zweiten Mal wieder bei David Alaba landen. Was ich bei dem gelernt habe, das ist ganz, ganz arg: Je mehr die Leute erreichen, desto wertschätzender werden sie gegenüber den Menschen. Ich schätze das so ein: In der Kategorie, in der David ist, glaube ich, dass die Leute einfach viel gemütlicher sind, weil sie nichts mehr beweisen müssen. Und in der Kategorie, wo ich bin – ich glaube, dass ich eine Top-Top-Karriere habe, ich bin so dankbar und zufrieden – aber da hat es schon viele dabei, die heute einfach denken, sie müssen da was sagen oder beweisen, ausgenommen von ihrer sportlichen Leistung. Und da hat mir der David extrem viel beigebracht. Aber auch immer wieder Mitspieler: In Augsburg der Dani Baier als Kapitän, Marvin Hitz als Torwart, in Freiburg der Maxi Eggestein, der einer meiner engsten Freunde geworden ist. Christian Günter, der Kapitän in Freiburg – sein Leben lang in Freiburg verbracht. Voll geile Typen einfach. Ich war schon ein Heißler hin und wieder, wenn ich nicht gespielt hab. Aber was du dir dann angeschaut hast und gedacht hast: Okay, zumindest vor denen will ich das Gesicht wahren.

Paul Pizzera: Ich glaube, das hat wirklich was mit Zufriedenheit zu tun. Es muss ja nicht die oberste Kategorie sein – Adrian Mutu, guter Gegenbeweis, ist schon ein streitbarer Charakter. Aber ich glaube, wie du das so schön beschrieben hast: Wenn du zufrieden bist mit dem, was du investiert hast, dann bist du auch lockerer und gönnst es anderen leichter. Und die Leute, die du beschrieben hast, die sich mehr beweisen müssen – das ist das Gleiche wie: Wenn du zum Kellner nicht freundlich bist, aber zu mir schon, dann bist du ein Arschloch. Punkt, aus, fertig.

Michi Gregoritsch: Genau. Und das hat mein Vater sehr, sehr gepredigt in allen Mannschaften, die er hatte, und natürlich in der Familie: Jeder Mensch wird gleich behandelt, egal welche Position er hat. Und die vier wichtigsten Wörter sind: Grüß Gott, Auf Wiederschauen, Danke und Bitte. Und meine Mama hat immer gesagt: Es ist wichtiger, wie du aus dem Verein rausgehst, als wie du reinkommst. Und das hängt nicht immer nur an der sportlichen Leistung.

Aufwachsen im Fußball

Johnny Hofer: Wir haben jetzt diese Entwicklung angesprochen. Du bist halt so früh reingekommen – war da schon der Papa dann sehr stark, der dich an der Hand genommen und geführt hat?

Michi Gregoritsch: Ich glaube, das war gar nicht so das Arge. Das war eher das, dass ich halt, seitdem ich sechs Jahre alt war, in den Fußballkabinen einfach rein- und rausgegangen bin. Für mich war das quasi mit 15, 16, wie ich in die Kampfmannschaft dazugekommen bin – Kampfmannschaft ist ein super Wort übrigens, urösterreichisch – für mich gar nicht mehr so besonders, in Anführungszeichen, weil ich jeden Tag dort war. Ob ich die Bälle zurückgespielt hab oder ob ich mittrainiert hab, das war quasi wurscht. Vor allem weil ich alle kannte. In Kapfenberg waren es einfach grundvernünftige Burschen. Mit denen kannst du jederzeit auf ein Kaffee oder ein Bier gehen mittlerweile. Es war halt eine lustige Truppe, die Bundesliga gespielt hat, wo wahrscheinlich 50 Prozent gar nicht damit gerechnet haben, dass sie Bundesliga spielen werden.

Paul Pizzera: Richtig lässige, normale Typen. Matthias Dollinger zum Beispiel. Einfach so bodenständige, liebe Kerle. Das gefällt mir. Schön.

Michi Gregoritsch: Und ein Roter.

Paul Pizzera: Du hast recht. 

Kindheitsidole

Johnny Hofer: Hat es dann trotzdem irgendwie einen Kicker gegeben, wo du ein Fan warst als Bub oder dann auch später, Pauli?

Paul Pizzera: Mehrere, und sogar cool, dass du es ansprichst. Weil ich sagen muss – in diesem Fall vereinsübergreifend – weil ich einfach sagen muss, dass ich das wirklich damals auch dem GAK geneidet habe: Der leider vor kurzem verstorbene Alex Manninger war einfach – finde ich – von vorn bis hinten so ein smarter, fescher, cooler Dude. Einfach wirklich die Creme de la Creme von Österreich. Mit wem der gekickt hat! Sorry, und trotzdem immer bescheiden und cool. Und auch was Buffon dann über ihn geschrieben hat, dass er ihn da beneidet hat, wie locker er das mit dem Karriereende genommen hat. Also kann man glaube ich noch einmal wertschätzend erwähnen. Und ich habe den damals beim Hallencup das erste Mal spielen gesehen. Ich habe sogar noch Dressen von ihm zu Hause, von Austria Salzburg. Also: Rest in Peace – wirklich einfach ein cooler, cooler Typ.

Michi Gregoritsch: Ich finde es richtig schön, wie viele Menschen ihn jetzt wirklich wertschätzend verabschiedet haben. Das ist glaube ich das Wichtigste an der ganzen Situation: Dass dieser tragische Tod so behandelt worden ist, dass wirklich jeder mitgelitten hat, weil er einfach ein ganz, ganz außergewöhnlich feiner Kerl war.

Paul Pizzera: Und genau da ist es dann eben – man kann sagen, Kalenderspruch oder nicht – aber ich finde das so treffend, gerade bei dieser Karriere: Es ist nicht wichtig, wie viele Jahre du im Leben hast, sondern wie viel Leben in deinen Jahren war. Und das ist ja das perfekte Beispiel dafür. Was in dem Leben passiert ist, ist so beeindruckend und so eine Benchmark für einen österreichischen Fußballspieler. Auf alle Fälle fällt mir der ein. Wer ist bei dir, Johnny?

Johnny Hofer: Heimo Pfeifenberger. Als Kind, definitiv.

Paul Pizzera: Aber der Nikola Jurcević – den vergisst du nie!

Michi Gregoritsch: Man sieht gerade, dass ihr deutlich älter seid als ich.

Johnny Hofer: Aber wie ist es bei dir, Michi? Kindheitsidol.

Michi Gregoritsch: Das Problem ist: Ich habe so viele Spieler, die ich wirklich bewundert habe. Ich habe jetzt im Training meinen Luca-Toni-Torjubel gemacht. Ich habe den Edin Džeko damals bei Wolfsburg wirklich sehr bewundert. Oder Ronaldo 2002 – ich habe mir alle Tore von der WM 2002 angeschaut. Das war das erste große Ereignis. Ab 2000, 2002 hat es bei mir begonnen mit den Idolen.

Michi Gregoritsch: Ich habe eine lustige Geschichte übers Pappelstadion: Ich habe damals mit acht Jahren meinen ersten Tippschein abgegeben. Finalsieg Brasilien, Weltmeister Brasilien – eine Doppelquote. Ich habe das Tippbüro damals ausgetrickst und ab damals gewettet. Muss ich sagen: War glaube ich eine von meinen zehn Wetten in meinem Leben, weil ab 15 habe ich ja nicht mehr dürfen dann.

Johnny Hofer: Wenn wir es international machen, dann steht da für mich ganz klar über allen Dingen: Zinedine Zidane.

Michi Gregoritsch: Absolut. Was für ein Spieler!

Johnny Hofer: Das ist für mich das Frankreich-Trikot von 1998. Es gibt eigentlich kaum etwas Schöneres. Mit dem Zehner vorne oben.

Michi Gregoritsch: Vielleicht lasse ich mir da was einfallen für die nächste Folge. Weil dieses Trikot hängt vielleicht irgendwo bei mir daheim. Natürlich nicht original – ich habe mir irgendwann mal so ein 17-Euro-Liveall-Teil gemacht. Aber das ist wirklich richtig schön.

Ibiza, Robben und das letzte Bayern-Spiel

Paul Pizzera: Ich habe Freunde bei der Schickeria München. Und auf jeden Fall, beim letzten Spiel von Robben und Ribery – also für alle, die nicht alle Fußball-Feinheiten kennen: Arjen Robben und Franck Ribéry. Ich wollte beim letzten Spiel gegen Frankfurt dabei sein. Ich glaube, sie haben 5:1 oder 5:0 gewonnen. Und beide haben sogar noch getroffen bei ihrem Letzten. Es war surreal von der Stimmung her. Und dann war genau an dem Tag der Ibiza-Skandal. Pass auf, wir haben um 11 Uhr schon angefangen und das Spiel war um 16 Uhr. Das hat gut gepasst – Problem ist, in München mit 10 Leuten und in der Südkurve. Ich habe relativ lange gut mitgehalten, aber es war dann schon richtig, richtig breit. So, dass ich in den falschen Sektor reingehe und so. Und auf einmal geht mein Handy über und ich sehe diese ganzen Nachrichten über Strache und Co. Und ich hab mir wirklich nicht getraut – und dann hab ich gedacht: Das schaust du dir besser morgen nochmal nüchtern an. Bevor du irgendeinen Scheiß postest. Dann hab ich wirklich mein Handy ausgeschalten, damit ich einfach keinen Blödsinn mache. Weil ich einfach zu euphorisch geladen war für das ganze Ding.

Abschluss

Johnny Hofer: Das ist jetzt auch ein schönes Schlusswort für unseren Teil 1 in dieser ganzen Geschichte mit dir, Pauli. Herzlichen Dank für das Dabeisein, auch an euch. Das war Teil 1 mit Paul Pizzera. Wenn dir diese Folge gefallen hat, dann abonniere uns gerne und verpasse keine weiteren Episoden von Ohne Filter. Wenn du außerdem die Videoepisoden sehen möchtest, findest du unseren ganzen Katalog auf dem Canal Plus YouTube-Kanal. Ohne Filter ist ein Canal-Plus-Podcast, produziert von PES BILA DIGITAL. Danke fürs Dabeisein. Ciao.