Ohne Filter – Folge 5

Christopher Trimmel – Warum Spätberufene oft die längste Karriere haben

Episodenbeschreibung

Mit 23 noch Amateur, mit 39 noch Bundesliga: Christopher Trimmel hat eine Karriere gebaut, die so eigentlich nicht vorgesehen war. In Folge 5 von „Ohne Filter" sitzt der Union-Berlin-Kapitän bei Johnny und Michi am Kaffeetisch – Siebträger, klar – und erzählt, wie aus dem Dorfkicker aus Mannersdorf ein Profi wurde, warum sein Vater die wichtigste Rolle spielt und wieso er heute auf Hardcore-Konzerte alleine geht.

Es geht um Wien gegen Berlin, um Tinte unter der Haut, um den Weg über Horitschon zu Rapid und um die Frage, warum manche Spieler 17 Jahre halten und andere nicht. Ehrlich, locker, mit Tiefgang. Reinhören. Abonnieren. Bewerten.

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#5 Christopher Trimmel: Spätberufen, eigensinnig, unkaputtbar

Das erwartet dich in der Folge

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    Christopher Trimmel über Kaffee, Wien, Tattoos und Hardcore-Musik

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    Sein ungewöhnlicher Weg vom Dorfverein über Horitschon zu Rapid

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    Lehramtsstudium, Kunstinteresse und der späte Sprung zum Profi

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    Wie sich Fußball, Training und junge Spielergenerationen verändert haben

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    Rapid-Durchbruch, Nationalteam-Debüt und Durchsetzungsvermögen als Schlüssel

Transkript der Folge

Begrüßung & Kaffee-Talk

Johnny: Seine Flanken sind gefürchtet. Sie lieben ihn bei Rapid und Union Berlin. Ein Mensch, der gerne unter die Haut geht und sein Herz auf dem Platz lässt. Ein Spätberufener, der eigentlich Lehrer werden wollte. Keiner, der sich selbst zu wichtig nimmt – und trotzdem viel zu sagen hat. In Berlin die Nummer 28, bei uns heute die Nummer 1: Christopher Trimmel. Schön, dass du heute unser Gast bist. Servus, Trimbo.

Trimbo: Grüß euch, vielen, vielen Dank für die Einladung. Ich bin schon neugierig und freue mich natürlich auf ein Kaffeekränzchen mit euch.

Michi: Schön, dass du da bist. Wir freuen uns sehr.

Johnny: Und um direkt reinzustarten, haben wir wie gewohnt fünf schnelle Fragen. Du hast den Kaffee schon angesprochen, Christoph – wie trinkst du deinen Kaffee am liebsten?

Trimbo: Siebträger auf jeden Fall. In der Früh meistens im Stadion einen Cappuccino, und ab Mittag dann Espresso, Doppia.

Michi: Also auch ein versauter Siebträger-Kaffeetrinker. Alles andere trinken wir nicht, oder?

Trimbo: Das hat bei uns schon Kult. Ranko Veselinović hat sich sehr dafür eingesetzt, dass wir eine schöne Siebträgermaschine im Aufenthaltsraum stehen haben.

Michi: Ich freue mich schon auf Samstag, wenn wir uns vor dem Spiel hoffentlich auf einen Kaffee treffen.

Trimbo: Auf jeden Fall.

Johnny: Für alle, die es nicht wissen: Am Samstag ist die Partie zwischen Union und Augsburg. Tagesaktueller geht es kaum – aber um Tagesaktuelles geht es bei uns nicht. Deshalb eine zeitlose Frage als zweite: Wien oder Berlin?

Trimbo: Wien. Ja, tatsächlich ganz klar Wien.

Johnny: Du musstest kurz überlegen. Trimbo: Nein, gar nicht, aber viele erwarten natürlich, dass ich mittlerweile auch Berlin sage. Aber Wien ist halt Kulinarik, Architektur, Familie. So viele Bereiche, die ich mit meinem Herz verbinde. Bei Berlin sind es mittlerweile auch ein paar Freunde, die Arbeit – aber über Wien geht nichts drüber.

Johnny: Kunst auf Leinwand oder unter der Haut?

Trimbo: Interessantes Thema, weil bei mir unter die Haut und bei meiner Frau auf der Leinwand. Da bin ich ehrlich. Aktuell als Tätowierer natürlich unter der Haut – macht mir Spaß.

Johnny: Schlager oder Hardcore?

Trimbo: Hardcore natürlich, aber damit bin ich mittlerweile sehr alleine. In Berlin gehe ich wirklich alleine auf die Konzerte.

Michi: Mit wem bist du früher gegangen?

Michi: Mit wem bist du früher gegangen?

Trimbo: In Wien hat es noch einen Zeugwart bei Rapid gegeben, der gerne mitgekommen ist. Und du hast natürlich die Nähe zum Burgenland – ich bin mit der Musik aufgewachsen, da waren immer viele Freunde dabei. In Berlin gibt es einen, der ist mittlerweile sogar nach Leipzig gezogen. Mega-Fan, aber kein Angestellter von Union. Den habe ich über die Musikszene kennengelernt.

Michi: Ich habe gar nicht gewusst, dass du früher so ein Hardcore-Metal-Rocker warst. Sensationell. Ich habe es nicht gewusst, die Zuhörer haben es nicht gewusst. Beeindruckend.

Trimbo: So ist es. Bei den meisten in Deutschland ist es halt Hip-Hop, klar. Damit komme ich klar. Am Ende ist alles in Ordnung. Mir ist es egal, ob in der Kabine Hip-Hop läuft. Bei Schlager wird's schwierig, muss ich ehrlich sagen. Aber House oder Techno läuft bei uns auch viel. Am Ende motiviert es mich auch.

Johnny: Hertha oder Ostkurve?

Trimbo: Da muss ich tatsächlich die Hertha nehmen. Vor dem Mauerfall hat es sogar eine Fanverbindung gegeben – Union-Hertha. Weil unser eigentlicher Konkurrent in Berlin der BFC Dynamo ist, die spielen, glaube ich, in der Regionalliga. Bei der Hertha ist es so, dass die junge Generation mittlerweile schon ein Problem mit uns hat – und umgekehrt. Aber die ältere Generation, da habe ich viele kennengelernt. Es gibt sogar einen halb-halb-Schal. Insofern: klar Hertha.

Michi: Das ist auch spannend, weil ich glaube, Union geht jetzt ins Olympiastadion?

Trimbo: Nach der nächsten Saison ist der Plan.

Michi: Eigentlich cool, dass die Fan-Freundschaft geschichtlich viel größer ist, als das heute manchmal hochgezüchtet wird – nur weil ihr mittlerweile der größte Berliner Verein seid.

Trimbo: Für die Mitglieder, ja. Super Frage. 

Vom Hobby zum Job – die Anfänge

Johnny: Dann lass uns im ersten Teil über deinen Weg in den Fußball sprechen. Wir nennen es: vom Hobby zum Job. Wie war das ganz am Anfang? Bei Michi war es logisch – er war schon mit fünf, sechs in Profikabinen unterwegs. Aber bei dir?

Trimbo: Ähnlich, aber ich war in keiner Profikabine unterwegs. Mein Vater war, seit ich sieben bin, mein Trainer. Der hat mich vom kleinen Trimmel bis in die Männermannschaft geführt, durchwegs als Cheftrainer. Der Michael kann es bezeugen – es ist nicht immer einfach, weil man trennen muss zwischen Familie und Sport. Aber er hat es wirklich sehr gut gemacht. Es war eine typische Dorfgeschichte: mit den besten Freunden Fußball spielen. Das war meine Leidenschaft. In die Schule gehen, in den Kindergarten – danach kicken. Mein Vater hat mich immer unterstützt. Ich glaube, das hat einen großen Teil dazu beigetragen, dass ich Profi geworden bin. Er hat sich immer Zeit genommen, auch außerhalb der Trainingszeiten. Ich kann mich noch erinnern, wie ich als Kind vor dem Haus gewartet habe, bis er von der Arbeit zurückkommt. Heute checke ich erst, wie anstrengend das gewesen sein muss – nach einem Arbeitstag mit dem Buben in den Garten und drei Stunden kicken.

Michi: War das für dich, weil du in keiner Akademie warst, trotzdem immer der Traum oder das Ziel, Profi zu werden?

Trimbo: Natürlich, das war es definitiv immer. Man hat ja auch das eine oder andere Vorbild. Ich war zwar immer Feldspieler, aber irgendwann ist David Beckham bei Manchester United gekommen. Lustigerweise auch Edwin van der Sar – mein Vater hatte zu seiner Trainerlizenz-Zeit diese Videokassetten von der Ajax-Schule. Wir haben echt mit ihm in der Jugend Trainings nur mit dem schwachen Fuß gemacht. Edwin van der Sar war für mich eine Erscheinung. Ich habe mir damals ein Trikot von ihm gewünscht und bekommen. Das war immer mein Traum. Es gab Angebote aus der Akademie, da bin ich ehrlich – aber wir waren so gut, es hat so viel Spaß gemacht im Dorfverein, dass ich gesagt habe: Ich will den Spaß behalten. Das hat meine Familie auch akzeptiert.

Der Sprung über Horitschon zu Rapid

Johnny: Du bist dann von deinem Heimatverein nach Horitschon gewechselt. Für alle, die das nicht kennen: das ist weltberühmt für den Blaufränkisch.

Trimbo: Das war wichtig für die Verhandlungspartie.

Johnny: Sehr guter Rotwein. Aber vom Profifußball warst du noch extrem weit weg, das war fünfte Liga. Was war der Hintergedanke?

Trimbo: Wir haben jahrelang mit meinem besten Freund Fußball gespielt, bis in die Kampfmannschaft. Mit 15 habe ich, Gregor, du kennst das, schon gegen Erwachsene gespielt. Hat irrsinnig Spaß gemacht. Irgendwann hat es für den einen oder anderen nicht mehr gereicht. Dann entscheidet sich der eine für den Musikverein, der andere für die freiwillige Feuerwehr. Aber ich habe gemerkt: Ich bin zu gut eigentlich. Wir sind in die erste Klasse Mitte aufgestiegen mit Mannersdorf, ein riesiger Erfolg. Und ich habe einfach gemerkt: Da geht mehr. Ich habe diesen Traum immer im Kopf gehabt und mir gedacht: Ich muss den Schritt in eine bessere Liga wagen. Dann bin ich in die Landesliga gewechselt, zu schauen, ob ich mithalten kann. Das ist irrsinnig schwer einzuschätzen. Für mich gab es nur den professionellen Fußball im Fernsehen und meine eigene Liga im Burgenland. Es hat super funktioniert. Damals war ich übrigens noch Stürmer – nicht verwechseln. Und dann haben wir ein Testspiel gegen Rapid gehabt. Ich war natürlich schwer nervös, habe für Horitschon gegen Rapid gespielt. Wir haben perfekt vorbereitet, ich habe wirklich gut gespielt. Wir haben zwar 5:0 verloren, aber ich habe alles gegeben. Komischerweise war danach das Gerücht, dass mein Stürmer-Partner auf dem Zettel von Rapid ist. Ich so: Ich gebe alles, und der ist vor mir dran? Dann kam irgendwann der Anruf von Andy Reisinger, dem Amateur-Trainer von Rapid. Er hatte mich beim Match beobachtet. Sie suchten für die Amateure einen älteren Spieler, einen Führungsspieler. Ich war ja schon fast 23 – für die Amateure ein gehobenes Alter. Da war noch ein Zweiter, Nermin Jusić, der war noch etwas älter und Kapitän. Da habe ich gedacht: Das passt. Ich möchte in Wien studieren, ein bisschen Geld verdienen – nächster Schritt: Regionalliga.

Michi: Hattest du da noch immer das Ziel, Profi zu werden? Oder dachtest du, okay, hat nicht funktioniert?

Trimbo: Spätestens mit dem Transfer zu Rapid habe ich gemerkt, wie nah ich dran bin. Ich habe immer als Kind gesagt: Mein Traum ist, dass irgendwann mein Name auf meinem eigenen Trikot steht. Früher war das ja bis in die zweite Liga nicht so wahrscheinlich – das heißt, du musst Profi werden. Und das hatte ich bei den Amateuren eigentlich erreicht, denn da hatten wir den Namen drauf. Da hat sich etwas in meinem Kopf gelöst. Ich dachte: Jetzt muss ich alles dafür tun, dass ich es schaffe – damit ich mir wenigstens nicht vorwerfen kann, dass ich nicht alles gegeben habe. Es war eine schwierige Zeit, weil ich nebenbei studiert habe. Es gab dieses Pro-Rapid-Programm. Alfred Hörtnagel war der Sportdirektor, der hat die Jungen gefördert: Mentaltraining, Medienschulung, Zusatztraining. Zochi Pariskovic, damals Co-Trainer der ersten Mannschaft, hat sich jede Woche die besten Spieler aus dem Jugendbereich geschnappt und ein Sondertraining gemacht. Sie haben extra gesagt: Eigentlich bist du zu alt, aber wenn du willst, kannst du mitmachen. Ich habe es sofort gemacht. Zusätzlich habe ich mir, wann immer es ging, Trainingseinheiten der Profis angeschaut. Und dann ist es bei mir extrem schnell gegangen – ich war nicht einmal ein Jahr bei den Amateuren.

Sport, Geografie und Lehramts-Träume

Michi: Du warst nebenbei auf der Akademie der Bildenden Künste, oder?

Trimbo: Nein, ich wollte Kunst studieren, aber die Aufnahmeprüfung war so kompliziert. Du musstest eine Mappe abgeben mit deinen Zeichnungen. Ich habe das alles gemacht, aber sie haben mich nicht aufgenommen. Dann habe ich gesagt, ich gehe auf Lehramt – eigentlich Kunst und Sport. Eingeschrieben war ich dann für Geografie und Sport. Ich dachte mir: Kunst holst du irgendwann nach.

Michi: Warst du in deinem Studium auch so fokussiert, dass du die Mindeststudienzeit schaffen wolltest?

Trimbo: Es war ein guter Mix. Ich wusste, dass ich die Mindeststudienzeit nicht schaffen werde. Beim Studieren bastelst du dir den Stundenplan selbst. Es gab Verrückte, die haben den ganzen Tag nur studiert. Das hat bei mir nicht funktioniert. Damals gab es noch keine Ausnahmegenehmigung für Jungprofis. Bei den Seminaren galt: dreimal gefehlt – raus aus dem Kurs. Ich habe vormittags studiert, abends Fußball, am Wochenende Spiele. Die Mindeststudienzeit war daher gar nicht das Ziel.

Michi: Nimmst du etwas mit aus dem Studium in die Karriere?

Trimbo: Sehr viel. Wenn man Sport studiert, lernt man mit so unterschiedlichen Gruppen umzugehen. Ich habe zum Beispiel mit Dinka Jukić die Aufnahmeprüfung gemacht. Wahnsinn: Ein Teil der Prüfung auf der Schmelz war Schwimmen. Du konntest aussuchen, was du auf Zeit und was auf Technik machst – 250 Meter Kraul auf Zeit oder 50 Meter Brust auf Technik. Ich war fertig mit Schwimmen, der Jukić war dran. Ich wollte mir das anschauen. Ungelogen: Dieser Startton war erklungen, vier Studierende und sie sind reingesprungen. Beim ersten Auftauchen ist ihnen der Jukić schon entgegengekommen. Ich habe so etwas noch nie gesehen. So schnell vom Brett weg, einmal eingetaucht, hinten die Runde gedreht – die anderen wollten gerade das erste Mal antauchen und haben die Wellen vom Jukić geschluckt. Da hat der Prüfer gesagt: Das hat keinen Sinn, ich gehe aus dem Wasser. So lernst du Menschen kennen – aus der Leichtathletik, dem Schwimmen. Ein Sprinttrainer auf der Schmelz war auch spannend. Ich schaue mal raus während eines Seminars und sehe einen Typen drei Stunden auf der Laufbahn trainieren. Ich habe das nicht verstanden: Warum so lang? Er ist doch Sprinter. Der hat mir erklärt: Die Basis ist wichtig, das Durchziehen, dann erst die Übungen. Das habe ich für mich mitgenommen. Und Geografie – also Erdkunde – war auch interessant. Ich habe ein paar Prüfungen gemacht und hätte mir vorstellen können, Geografie- und Sportlehrer zu werden. 

Johnny: So richtiges Studentenleben hattest du dann eigentlich nicht?

Trimbo: Die eine oder andere Schmelzparty habe ich mitgenommen, aber das ist zu wenig, um es als Studentenleben zu bezeichnen. Im dritten Semester habe ich abgebrochen. Da hat Peter Pacult mich im Bus gefragt: Musst du studieren? Ich sagte: Ja, Trainer, eigentlich schon. Da meinte er: Nimm dir lieber frei, wir haben Training. Das war der Moment, in dem ich bei den Profis war – und dann ging es nicht mehr.

Profi werden – und der mentale Ausgleich

Michi: Im Fußball hat sich auch viel verändert. Ich habe das Gefühl, Individualität ist heute mehr akzeptiert. Früher dachte ich oft, wenn ein Spieler in der Kabine etwas Untypisches machte: Wie kannst du das jetzt machen? Du musst dich aufs Spiel konzentrieren! Heute darf jeder das machen, was er will. Wenn Marko Arnautović Fußballtennis spielen will vor dem Training – fein. Die junge Generation ist in der Prävention und Nachbereitung deutlich weiter, weil sie damit aufgewachsen ist. Trimi, du durftest ja sehr früh in einer Profimannschaft spielen – da kamst du eine halbe Stunde vor dem Training, hast die Schuhe angezogen und bist raus. Videoanalyse, selbst bei meinem Vater, war: Du hast gesehen, was der Gegner macht, er hat es kurz erklärt – aber kein Zurückspulen. Das hat sich wahnsinnig verändert.

Trimbo: Definitiv genauso. Ich habe jetzt im Zuge meiner Trainerlizenz viel im Nachwuchs von Union hospitiert. Die Möglichkeiten sind heute wahnsinnig tief. Ob das immer der beste Weg ist – wird man sehen. Bei Ralf Rangnick, der das Ausbildungskonzept in Österreich neu mitentwickelt hat, ist das Konzept: Kinder müssen einfach Kinder sein. Wenn du Kinder beim Kicken siehst, weißt du schon: Boah, der wird ein guter, weil er schnell ist. Frag die Eltern, was er früher gemacht hat – der war nur draußen, ist auf Bäume geklettert, hat viele Sportarten gemacht. Das ist das Wichtigste. Und das haben wir eine Zeit lang ein bisschen verloren. Bei Union ist es absolut erlaubt, dass jemand individuell etwas nebenbei macht. Eigener Fitnesstrainer, Schnelligkeitstrainer, Videoanalysten. Die junge Generation bei uns ist da extrem.

Michi: Das beste Beispiel ist Leo Querfeld. Ich habe selten einen Spieler gesehen, der so viel in seinen eigenen Körper investiert.

Trimbo: Ja, definitiv – unglaublich. Ich glaube, diese Haaland-Generation, die in Salzburg schon vorgelebt hat – Champions-League-Hymne im Auto durch Salzburg fahren, spezielle Brillen beim Handy verwenden – hat eine Generation geprägt. Alles tun, damit man Profi wird, das absolute Maximum rausholen. Leo ist so einer und lebt dafür. Er ist im positiven Sinne fußballverrückt. Bei den jungen Spielern hat sich eine Dynamik entwickelt: Schnelligkeitstraining, eigene Videoanalysen. Sie lieben es. Das ist gut. Aber wenn sie in einem Loch sind, in einer schlechten Phase, neigen sie dazu, das krampfartig erzwingen zu wollen. Da fehlt manchmal der Ausgleich. Wenn es schlecht läuft, weniger machen – da ist viel Wahres dran.

Johnny: War das früher besser, als ihr angefangen habt? Oder kann man heute noch immer die Individualität haben, sich die Sachen rauszupicken, die für einen wichtig sind?

Trimbo: Was die Möglichkeiten betrifft, ist es heute besser. In jedem Bereich – Fitness, Ernährung, Analyse, Schlafqualität. Man kann mit einem Ring oder Band den Schlaf tracken.

Johnny: Man ist schon frei.

Trimbo: Es gibt viel mehr sinnvolle Möglichkeiten.

Michi: Ich bin ein begeisterter Schlaftracker.

Trimbo: Ja, aber sinnvoll. Ich bin auch nicht nur Freund davon. Manchmal wäre das Einfache in gewissen Situationen besser. Ich verstehe, dass man ein schlechtes Spiel totanalysieren kann – aber manchmal ist es besser, wenn man es einfach gar nicht analysiert.

Michi: Ich glaube, es ist immer dieses Mittelding und diese Individualisierung. Ich brauche nicht jeden Tag die hundertprozentige Videoanalyse vom Gegner. Ich höre das einmal vom Trainer, am Samstag in der Früh noch einmal, dann ist es gespeichert. Die junge, die TikTok-Generation, hat vielleicht nicht mehr so hohe Aufmerksamkeitsspannen und braucht das öfter. Das ist auch nicht schlimm. Aber der Fußball hat sich ins Positive verändert. Es wird schneller, mehr Spiele, technisch besser. Trotzdem siehst du Aspekte, die du vor zehn Jahren niemals für wahr gehalten hättest. Champions-League-Halbfinale: Bayern und Paris spielen eins gegen eins über den ganzen Platz. Das hat vor zehn Jahren Darmstadt gemacht. Sind damals in der Bundesliga aufgestiegen. Wir haben in der Woche davor in einer Ballbesitzform übers halbe Feld trainiert: Wir laufen jetzt quasi dem Gegner hinterher, damit wir Darmstadt simulieren. Damals haben uns so viele den Vogel gezeigt. Und jetzt spielt es das Champions-League-Halbfinale.

Trimbo: Der Fußball entwickelt sich weiter. Es kommt immer wieder zurück, wie in der Mode.

Charakter, Charakter, Charakter

Michi: Das Coole ist: Jeder darf so sein, wie er will. Für mich eine Freude. In meiner Mannschaft bin ich der zweitälteste – ich fühle mich noch nicht so alt, aber erfahrene Spieler bekommen wieder mehr Wert. Charakter wird wieder wichtiger und öfter erwähnt. Viele Mannschaften suchen im Sommer eine positive Charakterveränderung. Freiburg ist das beste Beispiel: Ein Stamm aus vielen Spielern, die lange da sind, den Kern bilden. Junge kommen dazu – aber die Älteren machen etwas draus.

Trimbo: Definitiv. Ich sehe es genauso. Wir haben jetzt in Kassel den Klassenerhalt geschafft, aber es war eine anstrengende Saison. Wir haben Charaktere wie Kevin Vogt, Kevin Volland, Sven Schwolow, Jérôme Roussillon, auch Robin Gosens. Wir haben nur Typen verloren – das gehört dazu. Aber gefühlt sind nur Junge nachgekommen, Spieler, die nicht dafür bekannt sind, eine Mannschaft zu führen oder mündig zu sein, in der Kabine auf den Tisch zu hauen. Da haben wir mittlerweile Probleme. Wir müssen Spieler in die Pflicht nehmen. Und ja, das wird definitiv wichtiger. Heute sucht jeder Verein solche Spieler. Du kannst nicht nur noch Charakter suchen – das ist ein wichtiger Punkt. Es gibt diesen blöden Spruch, den Muslitsch bei Schalke immer getätigt hat: Kann er einen Verein verlassen? Belastbarkeit und Verfügbarkeit sind einfach ein großes Qualitätsmerkmal eines Fußballers. Ich bin jetzt 17 Jahre im Geschäft – wie viele Spieler kennst du, die einfach Top-Kicker sind, aber die halbe Saison kannst du nicht mit ihnen rechnen, weil sie verletzt sind? Da sind oft Typen dabei, die machen alles für ihren Körper, aber es ist halt die Genetik. Du kannst nicht im Kader davon ausgehen, dass die Hälfte verletzt ist – das kannst du nicht planen.

Genetik, Sprinttalent und der bissige Nachbarshund

Michi: Glaubst du, dass du deswegen so lange spielen kannst, weil du später erst Profi geworden bist?

Trimbo: Das ist sicher ein großer Faktor. Vergleich es: Mit 23 das erste Mal täglich am Trainingsplatz, davor dreimal die Woche maximal. Allein den Verschleiß. Schau dir Akademie-Spieler an, die mit 15 schon täglich trainieren. Täglich. In acht Jahren rechnest du durch, wie viel Training mehr in der Vita ist. Das ist Fakt. Aber ich bin mittlerweile auch davon überzeugt, dass sehr viel Genetik ist.

Michi: Ein Traktor fährt nicht so schnell, aber der ist belastbar.

Trimbo: Ja, so ist es. Ich stelle mir die Frage ja selber – und kriege sie auch von jungen Spielern gestellt. Ich bin teilweise Mitspieler von Leuten unter 30 und kann ein Jahr nach hinten dranhängen. Mit 39 ist das schon eine Frage. Im Zuge der Trainerlizenz hatten wir in Wien einen Vortrag von Sportwissenschaftlern. Der sagt mittlerweile: So viel ist Genetik. Bei schnellen Spielern: Bis acht, neun kannst du Schnelligkeit trainieren. Danach musst du eigentlich deinen Eltern danken, wenn du schnell bist. Wenn du langsam bist – kannst dir nicht selbst hassen. Du kannst an der Koordination arbeiten, ein bisschen rausholen. Witzig: Der Sportwissenschaftler ist auch Professor an einer Uni und hatte einen Sportstudenten, der außergewöhnlich schnell war. Er sagt, er war so überzeugt, der ist in irgendeinem Leichtathletik-Klub. War er aber nicht. Er hat ihn gefragt: Wie hast du früher trainiert? Gar nie. Da muss irgendetwas passiert sein. Dann hat er erzählt: Er hat als Kind auf einem leichten Hügel gewohnt. Der Nachbarshund hat ihn mal gebissen. Er hatte solche Angst, dass er jahrelang an diesem Nachbarshaus leicht bergab Vollgas vorbeigesprintet ist – jeden Tag, weil er in die Schule musste. Perfektes Sprinttraining. Unbewusst Schnelligkeit trainiert, jahrelang im Kindesalter.

Michi: Das ist ja der Mythos von Hermann Maier und Conny Leimer – dass sie immer von Berg in die Schule gehen mussten und wieder zurück. Deswegen können die so viel rennen.

Trimbo: Ein besseres Beispiel gibt es gar nicht. Ich sehe es genauso. Heute ist es besser, weil du jeden individuell fördern kannst. Jeder kann sich aussuchen, welches Thema er angeht – Fitness-Trainer, Reha-Trainer, Laufanalysten, Ernährungsberatung. Es gibt mittlerweile so viele Bereiche.

Rapid, Constantini und das Tempo der Karriere

Johnny: Ich möchte noch ein großes Thema aufmachen. Wir haben viel über Entwicklungen gesprochen. Bei dir war es ja so: Du bist bei Rapid ziemlich schnell ganz weit nach oben gekommen, dann hat es nicht lange gedauert, und du warst schon im Nationalteam – damals mit Didi Constantini. Hat es einen Moment gegeben, in dem du dachtest: Das geht jetzt alles ein bisschen zu schnell? Dass die Birne im Kopf gar nicht mehr mitkommt?

Trimbo: Ich war eher froh, dass es so schnell gegangen ist, weil ich gar keine Zeit hatte, irgendwas nachzudenken. Ich war ja kein Jahr bei den Amateuren in der Regionalliga, dann hat mich Peter Pacult zu den Profis hochgezogen. Jeder weiß: Ich habe damals bei der Verabschiedung von Jimmy Hoffer den legendären Hattrick geschossen – das tut mir heute noch ein bisschen leid, weil ich ihm so ein bisschen die Show gestohlen habe. Dann ging es wirklich sehr schnell. Peter Pacult hat das auch öffentlich kritisiert – das verstehe ich mittlerweile als Trainer. Er hat mich damals nicht gut gekannt. Er hat nicht gewusst, dass ich nicht der Typ bin, der abhebt und durchdreht – ich bin immer ein bodenständiger Typ gewesen. Das hat mich gar nicht beeinflusst, es war einfach eine große Ehre. Constantini, Weltklasse. Ich habe ihn geliebt. Die erste Woche habe ich beim Nationalteam mittrainiert. Dann hat er mich in der Hotellobby auf die Seite genommen und gesagt, ich hätte Weltklasse trainiert. Ich habe gedacht: Morgen startet das Spiel – vielleicht hat er gesagt, dass du reinkommst. Ganz trocken: Du kommst rein. Für mich persönlich war es gut, dass es so schnell ging, weil ich mir keine Gedanken gemacht habe. Im Nachhinein verstehe ich aber auch den Trainer, dass das ein bisschen zu schnell war.

Johnny: In dieser Zeit – wie muss das gewesen sein? Du bist bei Rapid gelandet, es hat hingehauen, du bist Profi geworden. Und noch dazu bei deinem Lieblingsklub. Wie sehr Fan warst du da?

Trimbo: Sehr, natürlich. Die ersten Rapid-Matches habe ich als Kind gesehen, wenn mein Vater mich mit ins Stadion genommen hat – das war nicht oft. Logischerweise waren die ersten Stadionbesuche in Mattersburg. Mattersburg war damals zwar noch nicht in der Bundesliga, aber die Nähe hat es nicht hergegeben. Trotzdem habe ich Rapid ein paar Mal gesehen. Carsten Jancker, Andreas Heraf, Mario Haas haben gespielt. Da vorne sitzt jetzt die Kabine. In der Profikabine durfte ich lange nicht sitzen, ich saß in der Amateurkabine. Das war Klassiker früher: Das hast du dir noch nicht verdient. Du trainierst halt vorne mit den Spielern mit. Das war noch alte Schule – ein bisschen rauer, härterer Ton. Das hat mich nicht gestört, ich habe die Message verstanden. Jürgen Bartocker, Andreas Heraf, Andreas Katzer, Markus Eder, Patrick Helmes, Mike Kulonić, Steffen Hofmann, Vlado Bošković – die haben mir so viel geholfen und unterstützt, das hätte ich nie geglaubt. Ich hatte erwartet: Jetzt bist du Profi, riesiger Konkurrenzkampf, vor allem als Neuer. Man kannte die Geschichten von früher. Das hat es bei mir nicht gegeben. Klar, der Ton war rau, aber es war Pushen: Komm, reiß dich zusammen. Ich hatte den Riesenvorteil, dass ich mit 15 schon gegen Männer gespielt hatte. Ich wusste, wie ich mich durchsetzen muss. Aber einfach ist es nicht. Mein größter Vorteil – warum ich es geschafft habe und oben geblieben bin – war Durchsetzungsvermögen. Bei den Amateuren war technisch jeder besser als ich. Jeder. Die haben halt ihr Leben lang in der Akademie gegen Gleichaltrige gespielt. Dann gehst du in die Regionalliga, hast den ersten richtigen Berührungspunkt, kannst dich aber noch spielerisch wegspielen. Und dann kommst du hoch, und es brennt im Training. Da hatte ich Vorteile, dass ich mich festbeiße, mir nichts gefallen lasse, gleich wieder aufstehe, wenn sie mich zusammenschneiden. Den Kopf hängen lassen – das gab es für mich nicht. Das hat Peter Pacult gesehen: Der Andreas Wüss, der Kunzer, der hält körperlich dagegen.

Ausblick

Johnny: Da möchte ich einen Punkt machen. Wir sind am Ende unserer ersten Episode mit Christopher Trimmel angekommen. Viele coole Eindrücke, ein schöner Deep-Dive. Wir freuen uns schon auf die zweite Folge. Trimbo, herzlichen Dank, dass du bis hier dabei warst. Gregor, die letzten Worte gehören dir.

Michi: Du hast mich fast schon im Moment beendet. Sehr cool. Super Intro, ich freue mich auf die zweite Folge und auf unseren Halbzeit-Café.

Johnny: Das machen wir jetzt. Wenn dir diese Folge gefallen hat, abonniere uns gerne und verpasse keine weitere Episode von „Ohne Filter". Wenn du außerdem die Video-Episoden sehen möchtest, findest du unseren gesamten Katalog auf dem Canal+-YouTube-Kanal. „Ohne Filter" ist ein Canal+-Podcast, produziert von PESPILA DIGITAL.