Ohne Filter – Folge 8

Was einen Schiedsrichter wirklich ausmacht

Episodenbeschreibung

Deniz Aytekin ist zurück – und es wird wieder persönlich. Warum man ein Spiel „klein und 
kurz“ hält, wieso Erfahrung manchmal mehr wert ist als Tempo und weshalb der beste Trick 
gegen jeden Schiedsrichter einfach nur ganz normales Reden ist. Aytekin erzählt vom 4:4 
zwischen Dortmund und Schalke, von der Remontada in Barcelona, vom Spruch, der ihn 
drei Minuten zum Grübeln brachte – und davon, warum er trotz aller Erfolge nie zu einer WM 
durfte. Michi und Johnny haken nach, lachen mit und bekommen Antworten, die man so 
selten hört.

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#8 Wie ein Schiedsrichter seine Linie findet

Das erwartet dich in der Folge

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    Warum junge Schiedsrichter alles abpfeifen

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    Reden statt streiten: Der unterschätzte Schiri-Faktor

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    Technik, VAR und die Grenzen des Menschen

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    Emotionen, Erinnerungen und das fehlende Großereignis

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    Der Mensch hinter der Pfeife

Transkript der Folge

Wiedersehen und Einstieg

Johnny Hofer: Wir sind zurück mit Deniz Aytekin und haben noch einiges vor. Vielen Dank  auch wieder, dass du mit dabei bist, Deniz. Und natürlich auch Michi.

Michael Gregoritsch: Ja, danke. Weltklasse erste Folge – jeder, der sie noch nicht gehört  hat, sollte unbedingt nachhören. Und jetzt geht der Fragenhagel weiter.

Deniz Aytekin: Sehr schön. Die erste Folge hat schon mal Spaß gemacht. 

Die Linie im Spiel finden

Johnny Hofer: Das freut uns. Ich möchte ein bisschen darüber sprechen – wir haben es ja  schon angerissen –, wie man die Linie im Spiel findet oder sich an Kollegen orientiert. Wann  und wie findet ein Schiedsrichter seine Linie in einem Spiel?

Deniz Aytekin: Also, ich sag mal so: Wenn du ein junger Schiri bist, dann gilt die Devise,  das Spiel klein und kurz zu halten. In jungen Jahren gehst du nicht zu viel Risiko ein. Wenn  du zu viel laufen lässt, baut sich manchmal mehr auf, dann kommt das erste, zweite, dritte,  vierte Foul – und irgendwann explodiert das Ganze. In jungen Jahren habe ich sehr viel  gepfiffen und versucht, die Kleinigkeiten rauszunehmen, damit gar nichts passiert. Aber je  erfahrener und selbstbewusster du wirst, desto mehr lässt du laufen. Du verstehst, was die  Spieler wollen, und merkst, dass sie nicht jeden Kontakt gepfiffen haben wollen.

Deniz Aytekin: Wenn du mal weiterlaufen lässt, merkst du, dass der Spieler seine  Spielweise verändert – er legt sich nicht beim nächsten Kontakt sofort wieder hin. Das  braucht seine Zeit. Und wenn du das einmal verstanden hast, ist es wie Fahrradfahren.  Dann gehst du auf den Platz, die ersten Szenen kommen, und du merkst schon, der legt  sich hin. Dann habe ich meistens gesagt: So etwas pfeife ich heute nicht, brauchst du gar  nicht zu probieren. Und dann stellen die sich meistens darauf ein, wenn du mit ihnen redest.

Deniz Aytekin: Es kommt natürlich auch darauf an, wo du bist. Bei internationalen Spielen –  etwa England gegen Spanien – war es nicht so einfach, weil die Engländer anders  reklamieren. Da hattest du teilweise Situationen, die nicht ohne waren. Insgesamt war es für  mich so: anfangs alles klein halten, und dann wurde es nach hinten raus besser. Deshalb  ändert man seine Art von Spiel zu Spiel nicht grundsätzlich. Du musst nur verstehen, wann  es unentspannt wird. Wenn das Spiel anzieht, musst du aufpassen und etwas mehr Präsenz  zeigen, sonst läuft es aus dem Ruder. Das ist das, was ich über die Jahre immer gemacht  habe. 

Kann man einen Schiedsrichter beeinflussen?

Johnny Hofer: Was mich interessieren würde, und da geht es vor allem um dich, Michi: Wenn du merkst, ein Schiedsrichter hat in seiner Linie Schwächen oder man kann etwas  ausnutzen – geht man da als Mannschaft manchmal drauf, weil man das Spiel auf eine  gewisse Art wild machen kann?

Michael Gregoritsch: Ich hatte oft das Gefühl – dadurch, dass ich das Glück hatte, lange in  der Bundesliga zu spielen –, dass ich jeden Schiedsrichter vier- bis fünfmal pro Saison hatte.  Das heißt, ich wusste ungefähr, wie der Umgang ist. Schön war: Ich war ein halbes Jahr  verletzt weg, und gefühlt haben sich die Schiedsrichter durchgehend gefreut, dass ich  wieder da bin. Das hat mir das Gefühl gegeben, dass mein Ansatz richtig war – kurz mit  ihnen sprechen und auch mal recht geben, wenn sie ein Foul für meine Mannschaft gepfiffen  haben.

Michael Gregoritsch: Ich liebe es, auf dem Spielfeld zu reden – deshalb habe ich auch  einen Podcast gestartet. Wenn ein Gegenspieler einen langen Diagonalball spielt, sage ich auch mal: nicht schlecht. Beim Schiedsrichter rutscht das einfach raus. Ich hatte kürzlich in Bremen eine Situation mit Daniel Siebert, der jetzt das Champions-League-Finale pfeift. Er  hat mir ein relativ leichtes Foul gegeben und mir danach ein klares Nein signalisiert. Ich bin  bei ihm vorbeigekommen und habe gesagt: Das erste war wirklich nichts, da gebe ich dir  recht. Er hatte mir das auch selbst signalisiert. Aber das zweite war wirklich eins, das kannst  du nicht nicht pfeifen. Da habe ich gemerkt: Du kriegst den Schiedsrichter nicht beeinflusst,  die Situation ist, wie sie ist. Das Beste ist immer der normale Umgang – und den habe ich  nach ein, zwei Jahren in der Bundesliga zum Glück bekommen. Ich musste auf eine gewisse Art auch erzogen werden, aber das ist eine Entwicklung als Mensch.

Deniz Aytekin: Das kann ich genau so bestätigen. Dass sich alle gefreut haben, dass du  wieder zurück bist, stimmt wirklich. Man freut sich auf Leute, mit denen man sich gern  austauscht. Und genau das, was du beschreibst, ist es am Ende: Es ist überhaupt nicht  schlimm zu sagen, das eine war nichts, das andere war eins. Dieser lockere Austausch führt  aus meiner Sicht langfristig zu einem deutlich besseren Ergebnis – besser, als sich ständig  anzulegen und Theater zu machen. Im Zweifel kann es sogar sein, dass man unterbewusst  eher mal für jemanden pfeift, mit dem der Umgang stimmt. Bewusst passiert das nie. Aber  wenn du normal reden kannst, ist es eine ganz andere Sache, in schwierigen Situationen  hinzugehen und zu sagen: Pass auf, da musst du jetzt aufpassen.

Michael Gregoritsch: Ich habe außerdem gemerkt: Im Normalfall verlierst du kein Spiel  wegen des Schiedsrichters. Er pfeift mal eine entscheidende Situation weg, die im  Nachhinein anders bewertet hätte werden müssen. Aber ob du ein Spiel gewinnst oder  verlierst, kann der Schiedsrichter nicht bestimmen. Es gibt Schiris, die gefühlt 50:50 für die  andere Mannschaft pfeifen, klar. Aber dass du danach sagst, der Schiri war schuld an der  Niederlage – das habe ich auf höchster Bühne nie erlebt.

Deniz Aytekin: Es gibt natürlich Einzelentscheidungen, die ein Spiel mit beeinflussen, das  ist klar. Auf der anderen Seite ist der Fußball anders geworden. Früher hatten wir acht  Kameras im Stadion, jetzt gefühlt 35 bis 40, aus allen Himmelsrichtungen. Mittlerweile  schaust du nur noch Bilder. Dann wird es problematisch, etwa bei der Aussage: Da war ein  Kontakt, also ist es Foul. Man versucht, durch technische Hilfsmittel eine gewisse Fairness  und Fehlerreduktion hinzubekommen, weil du als Mensch an deine Grenzen kommst und  nicht alles wahrnehmen kannst. Bei der WM wird das noch einmal eine andere Liga – mehr  Technologie, das Spiel wird schneller. Am Ende geht es darum, dass die Netto-Spielzeit  steigt. Die Leute zahlen Geld und wollen im Optimalfall mehr Tore sehen. Weil der Fußball  wenige Tore hat, ist die Einzelentscheidung viel kritischer als beim Handball oder Basketball.

Antizipation statt Tempo

Michael Gregoritsch: Würdest du sagen – das Spiel wurde ja schneller, ich merke das  auch an den Jungs um mich herum –, dass du mit deiner Erfahrung besser gestanden bist,  obwohl alle schneller geworden sind? Du hast ja den Lauf-Rekord, ich habe das Video  gesehen. Vielleicht läufst du einen Kilometer weniger, bist aber im richtigen Moment am  richtigen Ort?

Deniz Aytekin: Ja, definitiv. Du läufst nicht sinnlos, sondern so, dass du weißt, was im  Normalfall passieren wird. Wir beschäftigen uns mit dem Spielaufbau: Was machen die  Mannschaften, wenn sie den Ball erobern, was, wenn sie ihn verlieren? Darauf bereiten wir  uns die ganze Zeit vor. Die einzige Problematik ist: Wenn das Geplante nicht funktioniert,  etwa bei einem Fehlpass. Ich kann mit keinem Bundesligaspieler von der Geschwindigkeit  mithalten, also muss ich immer einen Schritt voraus sein. Wenn im Aufbau etwas schiefgeht  und ich stehe 60, 70 Meter weg, komme ich nie mehr hinterher. Junge Schiris kompensieren  das durch Explosivität und Sprintfähigkeit – manche laufen 32 km/h oder schneller. Ich war  nie der Schnellste, deshalb musste ich immer antizipieren: Wo stehe ich, was sehe ich aus  welcher Perspektive am besten? Da hilft die Erfahrung absolut. Aber irgendwann kommst du  mit der Athletik nicht mehr hinterher, das ist die Realität. 

Spielvorbereitung: Muster statt Einzelspieler

Michael Gregoritsch: Wenn du dich auf Spiele vorbereitest – schaust du, welche Spieler  wie spielen oder sich zuletzt schlechter verhalten haben? Zum Beispiel bei meinem letzten  Spiel, das du gepfiffen hast, Augsburg gegen den HSV: viele lange Bälle auf mich gegen  Vušković. Bereitest du dich dann auf mich als Einzelspieler vor oder generell auf das  Muster?

Deniz Aytekin: Eher auf das Muster, weniger auf Einzelspieler. Ich mag es nicht, wenn man  pauschal sagt: Der lässt sich immer fallen. Das ist Unsinn. Es gibt welche, die etwas  anstrengender zu führen sind, vor allem international. Aber insgesamt schaue ich mir das  Thema an: Wie sind die Standards, wie werden Eckbälle und Freistöße ausgeführt, was  spielen sie mit langen Bällen? Wenn alle Bälle auf dich kommen, muss ich schauen, wie die  Zweikämpfe laufen. Bei Standardsituationen muss ich aufpassen: Wer schießt wie, mit links  oder rechts, wo könnte ein Handspiel passieren? Das sind Dinge, mit denen wir uns bei  jedem Spiel auseinandersetzen.

Ungute Gefühle und Lieblingsstadien

Johnny Hofer: Gab es ein Stadion oder einen Klub, zu dem du mit einem unguten Gefühl  gefahren bist – nicht andauernd, aber in gewissen Phasen?

Deniz Aytekin: Naja, wenn du mit einer Mannschaft in der Vergangenheit Probleme oder  eine Situation hattest, die nicht gut war. Ich habe mal einen Elfmeter an Marco Reus  übersehen, als er bei Gladbach war. In der Saison darauf hatte ich gleich am Anfang wieder  Gladbach – und die Leute wissen, dass du danebengelegen bist. Das macht etwas mit dir.  Aber es hilft nichts, sich damit zu beschäftigen. Besser ist zu sagen: Ich versuche das, was  in meiner Macht liegt. In so einer langen Karriere liegst du leider mal daneben. Trotzdem  pfeifst du nicht anders, das ist menschlich. In der Regel sind wir so professionell, dass wir  unser Ding durchziehen.

Michael Gregoritsch: Umgekehrt: Gab es Stadien, zu denen du gerne gefahren bist – weil  das Stadion, die Trainerbank, die Spieler cool waren?

Deniz Aytekin: Ich hatte so viele. Am Ende habe ich mich auf jedes Stadion und jeden  Austausch gefreut. Aber ich war immer gern in älteren Stadien. Früher habe ich sau gern in  der Regionalliga gepfiffen, etwa im ganz alten Mainzer Stadion – total eng, das war cool. In  Essen an der Hafenstraße, das ist Wahnsinn. Je moderner die Arenen wurden, desto  ähnlicher sehen sie sich. Deshalb hatte ich ein Faible für alte Stadien. Atlético Madrid im  alten Vicente Calderón war ebenfalls Wahnsinn. Solche Städten waren immer  bemerkenswert, aber in den letzten Jahren sind es alles moderne Tempel.

Michael Gregoritsch: Du hast hier zwei Atlético-Fans, deswegen hast du den richtigen  Punkt getroffen. Dürftest du theoretisch ein Spiel ablehnen – etwa wenn du sagst, da habe  ich vor drei Wochen gepfiffen, da fühle ich mich nicht wohl? Und bekommst du dafür ein  anderes, oder würde das schlecht ausgelegt?

Deniz Aytekin: Die Offenheit haben wir mittlerweile absolut. Wir können sagen: Da habe ich  kein gutes Gefühl, das Spiel möchte ich nicht machen. Das geht. Aber du musst dich auch  trauen – es gibt welche, die das nicht machen und sagen: Egal, ich ziehe das durch. Wenn  ich aber ein Störgefühl habe, ist es besser, Nein zu sagen. Die Spiele, die ich mit Bedenken  gemacht habe, liefen eher schlecht als gut. Deshalb ist es für uns normal, damit offen  umzugehen. 

Ein Spieltag aus Schiri-Sicht

Michael Gregoritsch: Nächste Frage: Wie läuft ein Spieltag bei dir ab? Bei uns gibt es  Frühstück, einen Spaziergang mit der Mannschaft, eine Besprechung, Mittagessen, eine Abschlussbesprechung, dann ins Stadion. Die Aufstellung kommt eine Stunde vorher, dann  das Aufwärmen. Wie ist das bei euch?

Deniz Aytekin: Wir kommen am Vorabend an, das ist klar. Bei einem 15:30-Uhr-Spiel habe  ich immer um 9:30 Uhr gefrühstückt, aber kein Mittagessen mehr gehabt – das kann der  Grund gewesen sein, warum ich manchmal keine Energie hatte. Manchmal habe ich ein  paar Beweglichkeitsübungen im Zimmer gemacht. Zwei Stunden vorher sind wir im Stadion,  dann kommt der Technikcheck der Videoassistenten. In der Kabine gibt es Physio, ganz klassisch. Rausgehen tun wir meist 35 Minuten vor Spielbeginn. Die eigentliche  Spielvorbereitung ist schon in der Woche passiert; Videoszenen schaue ich am Spieltag  nicht mehr an. Wir bekommen vom DFB spezielle Tools – wer die meisten Fouls hat, die  meisten Gelben Karten, wer welche Zweikämpfe führt. Das habe ich mir angeschaut, aber  am Ende war es mir egal, weil der mit den meisten Fouls oft der Stürmer ist, der vorne  draufgeht. Am Spieltag ist es eine kurze Absprache von fünf bis zehn Minuten – nichts  Weltbewegendes. 

Vom schlechtesten zum besten Schiedsrichter

Johnny Hofer: Interessant ist deine Entwicklung. Du wurdest einmal zum schlechtesten  Schiedsrichter gewählt und danach viermal zum besten. Was machen solche Wahlen mit  einem?

Deniz Aytekin: Zum schlechtesten Schiri wurde ich 2011 von den Spielern gewählt; diese  Wahl gibt es so nicht mehr. Natürlich fragst du dich, warum. In den seltensten Fällen, weil du  ständig danebenliegst, sondern wegen der Art, wie ich mit Menschen umgegangen bin.  Akzeptanz bekommst du nicht von oben herab. Dafür musst du dich selbst reflektieren und dich nicht so wichtig nehmen. Es gibt Spieler, Schiedsrichter und Politiker, die denken, sie  seien die Größten. Die große Kunst ist, andere Menschen – egal welchen Status man hat –  auf Augenhöhe zu behandeln. Nur weil ich Schiri bin und ein Unternehmen aufgebaut habe,  behandle ich eine Reinigungskraft nicht von oben herab. Manche verkraften den Erfolg nicht  oder verändern sich mit ihm. In meinen Anfängen war es nicht so, dass ich mich für den  Größten hielt – es war eher Unsicherheit, gepaart mit dem Glauben, man müsse hart wirken,  die Leute zusammenstauchen und rumschreien.

Deniz Aytekin: Man kann auch mal schreien, das ist nicht schlimm. Wenn ich heute  rumschreie, gehe ich danach hin und sage: Ich habe ein bisschen übertrieben. Dann klatscht  man sich ab und es geht weiter. Es gibt fast keinen Spieler, der dann nicht sagt: Okay, kein  Problem. Es gibt schon welche – dann weiß man das und geht nicht mehr hin. Ganz einfach. 

Lieblingsspieler und die besten Sprüche

Michael Gregoritsch: Hattest du einen Lieblingsspieler? Oder Spieler, auf die du gar keinen  Bock hattest?

Deniz Aytekin: Keinen einzelnen Lieblingsspieler. Ich hatte gern Spieler, mit denen ich mich  unterhalten konnte – selbst wenn einer sagt: Was ist heute mit dir los, was pfeifst du für  einen Mist. Das hat mich nie gestört. Problematisch waren eher die, die ich gar nicht  einschätzen konnte, weil sie nichts geredet haben. Jonas Hector zum Beispiel: Ob er gewonnen hat oder nicht, er hat wenig geredet, und ich wusste nie, wie ich dran bin. Irgendwann habe ich ihm gesagt: Jonas, bei dir wusste ich immer null Komma null, wie ich  dran bin – das war für mich das Schwierigste. Viel angenehmer ist, wenn einer sagt: Du pfeifst heute Mist. Dann kannst du auch mal kontern: Jetzt spiel mal, kümmere dich um deine Beine. Heute musst du sensibler sein, weil alles transportiert wird.

Michael Gregoritsch: Gibt es den geilsten Trash-Talker, einen mit einem richtig guten  Spruch?

Deniz Aytekin: Der coolste Spruch geht an Hanno Balitsch – ich glaube, der war einstudiert.  Bei Frankfurt gegen Hannover, er spielte in Hannover, ging ich in der Halbzeit zu ihm und  sagte: Du, ich habe dich gewechselt. Er schaut mich an und sagt ganz trocken: Wenn wir  wechseln, wirst du auch nicht besser. Das war sensational. Ich habe natürlich auch ein paar  Sprüche. In derselben Partie kam er später mit einem platten Ball zu mir und sagt: Der Ball ist platt. Da habe ich gesagt: Wenn die Ente nicht schwimmen kann, ist auch das Wasser schuld. Er hat kurz überlegt, kam drei, vier Minuten später und sagt: Hey, cooler Spruch. Ich:  Hast du drei Minuten gebraucht, um das zu verstehen? Es gab immer wieder Unterhaltsame – Thomas Müller etwa hat gern diskutiert, aber immer unterhaltsam. 

Erinnerungen: Bälle, Trikots und besondere Spiele

Deniz Aytekin: Was mir am meisten fehlen wird, sind die Leute, mit denen ich Spaß hatte  und mich auch mal gezankt habe – alles im Rahmen.

Michael Gregoritsch: Nimmst du dir aus guten Spielen etwas mit, einen Ball zum Beispiel?  Was war deine beste Leistung?  Deniz Aytekin: Ja, in der Regel nehmen wir einen Ball mit. Vom letzten Spiel, vom ersten Spiel und vom Pokalfinale habe ich je einen. Auch die Spielnotizkarten besonderer Partien  habe ich teils noch daheim, dazu ein paar Trikots, vor allem international. Ich bin aber nicht  der Typ, der zu Hause tausend Sachen aufhängt. Ein paar Highlights werde ich aber schon  ausstellen, um die schönen Erinnerungen zu haben.

Michael Gregoritsch: Was war dein bestes Spiel von der Leistung her – und was das  geilste Spiel, das du als Fußballfan begleitet hast?

Deniz Aytekin: Das geilste war das 4:4 zwischen Dortmund und Schalke. Dortmund führte  nach 36 Minuten 4:0, und ich sagte zu meinen Assistenten: Jungs, das Ding ist durch, jetzt  nur noch genießen. Dann kam dieses 4:4 – eine wahnsinnige Leistung der Schalker. Es ist  krass, was im Kopf der Spieler passiert: Die Angst, etwas sicher Geglaubtes zu verlieren, ist  größer als die Freude über das, was zum Greifen nah ist. Was die Performance angeht: Ich  glaube, ich habe in meiner ganzen Karriere kein komplett fehlerfreies Spiel gepfiffen. Das ist in unserem Job schwer – wie als Spieler. Du kannst drei Tore schießen, und der Trainer  zeigt dir trotzdem, was du hättest besser machen können.

Michael Gregoritsch: Hundertprozentig. Ich habe gegen Freiburg getroffen, gegen  Christian Streich. Was glaubst du, was danach passiert ist?

Deniz Aytekin: Christian ist Wahnsinn – eine ganz tolle Persönlichkeit, ein toller Mensch.  So ist es bei mir auch: Was ist schon perfekt? Ich verbinde außergewöhnliche Spiele mit  besonderen Momenten – Pokalfinale, die Familie ist dabei. Auch mein letztes Spiel war  emotional, weil alle da waren. Das ist es, was ich für mich mitnehme.

Das fehlende Großereignis

Johnny Hofer: Du hast das DFB-Pokalfinale gepfiffen, Champions-League-K.-o.-Spiele,  auch das unglaubliche 6:1 von Barcelona, die Remontada. Aber du wurdest nie für ein  großes Turnier nominiert. Fehlt dir das?

Deniz Aytekin: Nein. Da spielen viele Faktoren mit. Zu meiner aktiven Zeit hatten wir sehr  gute Schiedsrichter mit international wahnsinnigem Renommee, die berechtigt zu den  Turnieren gefahren sind. Du brauchst auch Glück, dass du in manchen Spielen nicht  komplett zerlegt wirst. Nach Barcelona gegen Paris war der Aufschlag mit den Medien  enorm – ein kompliziertes Spiel, viele Situationen, und ich wurde als Verantwortlicher für den  Ausgang ausgemacht. Das gehört zum Job. Es macht mich aber nicht unglücklich. Bei der EM in Polen und der Ukraine war ich fünfeinhalb Wochen als Torrichter bei Wolfgang Stark  dabei, ebenso bei einer U17-WM in Chile. Ein eigenes Großereignis als Schiedsrichter hatte ich nicht. Aber ich falle in kein Loch, weil ich daneben beruflich und privat so viel  angeschoßen habe.

Menscheln auf dem Platz und die Freude am Tor

Michael Gregoritsch: Eine Frage zur Remontada und zu Dortmund–Schalke: Gibt es  Spiele, bei denen du menschelst und dich von der Heimatmosphäre anstecken lässt – wo du  eine Minute länger spielen lässt? Konnte man das steuern?

Deniz Aytekin: Was die Nachspielzeit angeht, sind wir sehr korrekt, wenn viel auf dem Spiel  steht. Heute gibt der Videoassistent das vor, jede Auswechslung wird notiert. Früher, bei 5:0, wollte kein Mensch mehr weiterspielen – da haben Spieler und Trainer gesagt: Pfeif bitte ab. Das geht heute nicht mehr, alles wird addiert. Bei engen Spielen warst du sensibilisiert und  hast überlegt, wie lange du nachspielen lässt, damit beide Seiten zufrieden sind. Nicht einfach kürzer oder länger machen – sonst stehen beide nach dem Spiel auf der Matte. Da  waren wir technisch sauber. Aber nach so einem Spiel sitzt du in der Kabine und denkst:  Krass, was war das für eine Emotion?

Johnny Hofer: Mir kam Mike Dean in den Kopf – wer ihn nicht kennt, wir packen ein Video in die Show Notes. Er hat sich einmal sichtbar gefreut, weil er den Vorteil hat laufen lassen  und daraus ein Tor entstand. Hattest du so etwas, musstest du den Jubel unterdrücken, weil die Szene so geil war?

Deniz Aytekin: Das hatte ich ständig. Stell dir vor, du hast ein Foul, pfeifst aber nicht, weil  du die innere Ruhe besitzt, und dann läuft das Ding über zwei, drei Stationen und schlägt ein. Dann denkst du: Geil, dazu habe ich beigetragen – weil es genau darauf einzahlt, den  Fußball schöner und dynamischer zu machen. Ich freue mich nicht wegen der Mannschaft, sondern weil ich in dem Moment Sinn und Geist des Fußballs verstanden habe. In Jubelstürme bin ich nicht ausgebrochen, ich habe keine Säge ausgepackt oder mein Trikot vom Leib gerissen. Aber das wurde nach dem Spiel honoriert: Die Beobachter sehen das und sagen, das war sehr gutes Spielverständnis – und du bekommst in der Punktzahl eine  Aufwertung.

Regelauslegung und Technik

Johnny Hofer: Was mich noch interessiert: Sind alle Regeln deiner Meinung nach noch  konform mit der Entwicklung des Sports? Ich denke an das Handspiel und an  Abseitsentscheidungen mit der halbautomatischen Technologie.

Deniz Aytekin: Bei der technischen Entwicklung muss man sich tatsächlich Gedanken  machen, ob die Regel noch angemessen angewendet wird. Beim Handspiel gibt es eine hohe Komplexität, weil man durch die 360-Grad-Perspektiven alles sieht und ein Handspiel  plötzlich anders wirkt als früher. Man muss überlegen, wie man künftig damit umgeht, damit es für alle Beteiligten einfacher wird. Eine fertige Lösung habe ich nicht. Zu sagen, jede  Berührung ist Hand, geht nicht. Die Experten werden sich in den nächsten Jahren damit  beschäftigen müssen, wie man der technischen Entwicklung gerecht wird.

Michael Gregoritsch: Ich finde die Handspielauslegung gerade so klar wie nie. Wenn die  Hand so steht und der Ball sie berührt, ist es Handspiel. Man kann darüber diskutieren – das  ist das Schöne –, aber so klar wie jetzt war es, glaube ich, noch nie.

Deniz Aytekin: Die Definition ist klar. Das Problem ist, dass die Fans es nicht akzeptieren –  und manchmal akzeptierst du es als Spieler auch nicht, wenn dich einer aus zwei Metern  anschießt und der Arm gerade komisch absteht. Klar ist es, aber die Akzeptanz ist an der  einen oder anderen Stelle noch ausbaufähig. 

Abschied und Ausblick

Johnny Hofer: Bleibt eine wichtige Frage: Hast du immer alles verstanden, was dir  österreichische Spieler in der Emotion gesagt haben?

Deniz Aytekin: Gute Frage. Ich glaube, jeder österreichische Spieler hat sich sehr bemüht,  dass ich ihn verstehe. Bestimmte Ausdrücke habe ich nicht parat. Es war immer extrem angenehm und sympathisch – egal ob Konrad Laimer, Sabitzer oder du, Michi. Es war mir eine große Ehre, mit solchen Persönlichkeiten auf dem Platz zu stehen. Jetzt schaue ich es mir aus der Ferne an, vor allem die WM, und drücke neben der deutschen Nationalmannschaft auch euch die Daumen, weil ich euch als Menschen besonders schätze.

Michael Gregoritsch: Vielen Dank, Deniz. Danke, dass du zu Gast warst – das hat wahnsinnig viel Spaß gemacht. Wir könnten noch zwei Stunden weiterdrehen. Ich wünsche  dir ein wunderbares Karriereende und hoffentlich treffen wir uns mal privat.

Deniz Aytekin: Genau, das machen wir. Auf jeden Fall. Jetzt erst mal alles Gute für die WM, bleibt gesund – ich schaue mir das alles an.

Michael Gregoritsch: Danke dir.

Johnny Hofer: Danke auch an euch, dass ihr dabei wart. Wenn dir diese Folge gefallen hat, abonniere uns gerne und verpasse keine weitere Episode von „Ohne Filter“. Feedback  gerne in die Kommentare. Wenn du die Video-Episoden sehen möchtest, findest du unseren  gesamten Katalog auf dem Canal+ YouTube-Kanal.